In der etwas missverständlich benamsten „Rostlaube“ der Freien Universtität Berlin startete letzten Samstag der Workshop „On Asexualities“, für den wir vor einigen Wochen Werbung gemacht hatten. Tatsächlich ist diese „Laube“ so groß, dass sie eine komplette Bibliothek umschließt und mehrere „Straßen“ hat, an denen sich die Seminarräume und Hörsäle befinden. Dankenswerterweise hatten Menschen, die sich auskannten, ein Poster mit Richtungspfeilen aufgehängt.

Hier jedenfalls ein kleiner Bericht, denn die meisten Forschenden in den Asexuality Studies arbeiten auf Englisch, und an ein paar Ideen möchte ich euch teilhaben lassen.

Inhaltshinweis: allgemeine Fragen nach ethischem Verhalten, Consent und nicht-konsensuellem Verhalten.

Der Samstag: Panels und Netzwerken

So richtig konnte ich mit unter „Workshop“ nichts vorstellen. Tatsächlich gab es Panels: Ein oder zwei Forschende bzw. Forschungsteams stellten ihre Arbeit maximal 25 Minuten lang vor, dann stellte eine dritte Person, die mit dem Thema vertraut war, kluge Fragen. Zum Beispiel: „Hast du an x gedacht?“, „Kennst du die Arbeit von y?“ oder: „Ich glaube, du solltest diese Idee nicht vorschnell verwerfen.“

Idealerweise gab es dann eine vierte Person, die Fragen aus dem Publikum und von einer Handvoll per Zoom zugeschalteter Personen moderierten. Tatsächlich waren einige Personen krankheitsbedingt ausgefallen.

Panel 1: Sexualität

Hier begaben sich Laurin Tirpitz und Luna Powierski ins Gespräch mit Aysegül Sah Bozdogan Iles, mit Caleb Ward als Moderation.

Tirpitz und Powierski stellen sich die Frage: Was ist der Sinn dahinter, eine klare Grenze zwischen Handlungen zu ziehen, die sexuell bzw. nicht-sexuell konnotiert sind? Und (wo) existiert diese Grenze in realen Handlungen?

Dazu muss eins wissen, dass die Sozialwissenschaften allgemein und Queer Studies im Besonderen an Grenzen sehr interessiert sind. Dinge zu begrenzen heißt manchmal, sie einzuhegen und kontrollierbar zu machen. In einigen Fällen wird damit ein Gegensatz aufgemacht von „besser/schlechter“.

Jedenfalls gilt Sex als etwas, das Beziehungen unweigerlich verwandelt, als Marker der romantischen Paarbeziehung, oft mit der Erwartung von Ausschließlichkeit. Aber was ist Sex? Dies zu definieren, also mit Grenzen zu versehen, ist gar nicht so einfach. Hier unter anderem der Verweis auf ein längeres englischsprachiges Essay von Greta Christina: „Are We Having Sex Now or What?“ („Haben wir jetzt eigentlich Sex, oder was?“).

Einige Beobachtungen: Differenzierungen machen Beziehungen übersichtlicher und besser regelbar, sie werten aber auch manche Beziehungsformen ab oder auf. Starre Definitionen von Sex werden benötigt, um Grenzen zwischen „unschuldigen“ und „erfahrenen“ Personen zu ziehen, die je nach Geschlecht und kulturellem Hintergrund wiederum auf- oder abgewertet werden. Klare Grenzen machen in unserer Gesellschaft manche persönlichen Grenzverletzungen erst benennbar und zumindest auf dem Papier bestrafbar, während andere Vorfälle als harmlos abgetan werden und die Geschädigten im persönlichen und isolierten Unwohlsein damit verbleiben.

Wollte eins die definitorische Grenze zwischen Sex und Nicht-Sex abschaffen, bräuchten wir eine breite gesellschaftliche Debatte über Konsens und einen besseren Umgang mit persönlichen Grenzverletzungen auf allen Ebenen.

In Sachen Konsens hakt Aysegül Sah Bozdogan Iles ein: Sie betrachtet aus philosophischer Sicht verschiedene Begriffe von Freiheit. Positive Freiheit als Möglichkeit, Dinge zu tun. Negative Freiheit kann als Freiheit von gesellschaftlichen Zwängen aufgefasst werden, oder als Freiheit, Dinge nicht zu tun.

Sie fragt auch nach Ethik. „Was würde Jesus tun?“ ist positive Ethik, also die Frage danach, was wir tun können oder sollen. Wir könnten aber auch von der anderen Seite herangehen: Was sollten wir nicht tun? Was wäre besser zu unterlassen?

Wer etwas auf Deutsch von Aysegül Sah Bozdogan Iles lesen will, kann sich „Das Maß der Liebe“ anschauen, eine Essay-Konversation mit Dominique Zimmermann, wo sie erste Überlegungen zum revolutionären Potential von Asexualität anstellt.

Caleb Ward kommentierte dazu, dass hier einmal wieder eine ältere und längst nicht abgeschlossene Diskussion auftrete: Geht es bei Queer Studies um die Frage nach Normen und Normsetzungen, oder um die Lebenswirklichkeiten queerer Personen? Und auch die Asexuality Studies: Geht es um das theoretische revolutionäre Potential oder darum, was echte ace Menschen tun und brauchen?

Ich würde ja persönlich behaupten, dass die Lösung irgendwo in der Mitte liegt und die Theorie im Idealfall die Praxis unterstützt …

Panel 2: Repräsentation

Annika Baumgart und Katharina Kroschel von @ace_arovolution stellten einige Gedanken zur Konzeption von Aromantik vor. Ich erinnere mich an recht alte Überlegungen, dass es nicht-asexuelle aromantische Personen geben müsse, auch wenn uns noch nie eine solche über den Weg gelaufen war. (Dies datiert m. E. vor das Wort „alloromantisch“, also vor 2014). Dennoch neigen sowohl Teile der ace Community als auch Personen außerhalb dazu, aromantische Personen als ace zu vereinnahmen. Aromantik wird also als ein Teilgebiet von Asexualität dargestellt, statt als ein eigenes Feld mit oft eigenen Schwierigkeiten. Zugegeben ist der Begriff „aromantisch“ wohl 2002 in einer Diskussion über Asexualität entstanden, aber eine differenzierte Betrachtung für den jeweiligen kulturellen Kontext ist nötig.

Entsprechend protestieren aro Personen gegen diese Vereinnahmung, seit es eine aro Community gibt, und mittlerweile gibt es auch wissenschaftliche Daten dazu, nämlich von Fowler und Mitarbeitenden von 2024.

Neben einer Leseempfehlung für das Aromantic Manifesto nahm ich die spannende Frage mit, ob aro Personen bei „sexueller Identität“ in Gesetzestexten mitgemeint sind. Das Aromantic Manifesto erhaltet ihr hier als englischen Fließtext und hier als aufwendig gestaltete PDF auf Google Drive.

Networking-Nachmittag

Irgendwie gelang es den gut 50 Anwesenden, trotz fehlender Vortragender die Zeit zu überziehen. Nach einer Pause ging es ans Netzwerken. Ich durfte AktivistA vorstellen, Menschen vom Podcast ACE AROund the Cake waren da, @ace_arovolution und die neugegründete Initiative AroAceBildung (Workshops für Menschen in der Sozialen Arbeit, Beratung und Therapie). Ebenfalls brandneu ist das Aromanticism and Asexuality Research Network.

Danach schwirrte mir der Kopf dermaßen, dass ich noch half, einige Menschen zur einer Bar zu begleiten, wo es für eine Höflichkeitscola reichte, bevor ich keine Menschen mehr konnte.

Ein hellgrauer Seminartisch voller Flyer zu ace und aro Themen und Initiativen.
Obligatorisches Infotischbild: Im Nachhinein wäre eine lila oder grüne Tischdecke echt schick gewesen.

Der Sonntag

Panel 3: Begehren

Zunächst stellte Ela Przybylo den von ihr und Derek Sparby unternommenen Versuch vor, einen „Ace Gaze“ zu beschreiben. Also: Wie ändern sich Inhalte, wenn sie von Aces für Aces produziert werden? Im Gegensatz zu Material, in dem allosexuelle Personen versuchen, sich und anderen allosexuellen Personen Asexualität zu erklären, oder von Material, das ace Personen für ein mindestens gemischtes Publikum produzieren.

Als Beispiele für einen allosexuellen Blick auf Asexualität wurde der Film „Slow“ aufgebracht, als Beispiel für den ace-für-allos Erklärmodus die Serie „Heartstopper“.

Przybylo und Sparby haben vor allem TikTok im Blick, und konnten aus ihrem Sample bislang drei Themen herausarbeiten: Witze darüber, wie naiv und ängstlich Aces angeblich in Sachen Sex seien, (witzige) Erklärungen für andere Aces, wie sich das eigene Ace-Sein anfühlt, und dass auch hier weiße Personen den „Markt“ dominieren und bessere Reichweite erhalten.

Genau in diesen Punkt grätschen Yash Gupta und sein Paper „(SA)fe Sp(Aces)“. Er nimmt sich tumblr- und reddit-Posts von südasiatischen Aces vor und untersucht, wie sich Personen aus Pakistan, Indien, Bangladesh, Sri Lanka, Myanmar und Nepal mit ihrer eigenen Asexualität online auseinandersetzen. Grundsätzlich wird zumindest in den untersuchbaren Postings (gebildete Person, englischsprechend, Zugang zum Internet etc.) eine besonderer Fokus auf die kulturelle Unausweichlichkeit der Ehe ersichtlich, sowie die auch in Polen beobachtbare religiöse Kontextualisierung. So suchen denn auch manchmal Aces passende ace oder lesbische/schwule Partner*innen, um sich Freiräume zu schaffen innerhalb des familiären Drucks, zu heiraten.

Beiden Forschungsgegenständen gemein sei die Frage nach Ambivalenzen, wenn Aces durch eine allosexuelle Welt navigieren, beobachtete Diskutantin Claudia Sterbini. Des Weiteren wurde angemerkt, dass die ace Community sich viele Gedanken von der lesbischen Theorie ausleiht: Boston Marriages, Neukonzeptionen des Erotischen, politischer Sexverzicht oder compulsory (hetero)sexuality. Und: Asexualität bzw. jedes nicht-normative Begehren an sich sei nicht radikal, sondern nur das, was Menschen damit tun.

Pause mit Tanzperformance

In der Pause hatte ich das Privileg, die Vorpremiere von Flora Boros‘ neuer Tanzperformance „Violet Glace“ zu sehen. Die Tänzerin nutzte eine ultralangsame Darstellung von sexy Musikvideo-Tänzen, um meiner Ansicht nach die Tanzkunst und akrobatische Leistung hinter dem „guck! hier! Sex!“ herauszuschälen. (29. bis 31. Januar im WUK, Wien. Insta, Gruppe im_flieger.)

Panel 4: Anziehung

Mit Luke Brunning wurde es dann zum Abschluss so richtig philosophisch. Brunning stellt sich die Frage, wie sich sexuelle Anziehung am besten beschreiben lässt. Der Begriff erfasst ja sehr viel, inklusive störende oder ethisch fragwürdige Gefühle, kann kurzfristige oder beständige Empfindungen meinen, und so weiter.

Brunnings Versuch geht in die Richtung, dass wir in manchen Personen eine Affordanz (Handlungsangebot) sehen. Wer gern auf Bäume klettert, nimmt zum Beispiel manche Bäume als erklimmbar wahr, auch wenn die Person in dem meisten Fällen nicht auf den wahrgenommen Baum klettert. So könnte sexuelle Anziehung sein, dass allosexuelle Menschen in manchen anderen Personen eine Handlungsmöglichkeit wahrnehmen lässt – zum Beispiel für einen Flirt oder für Fantasien, oder im Grunde für alles, was die allosexuelle Person nun als sexuell betrachtet. Damit landen wir bei der Frage: Was ist Sex eigentlich?

Dieses Denken in Affordanzen wäre eine Option, den meist wenig erklärlichen Sog zu beschreiben, der dann als sexuelle Anziehung wahrgenommen wird. Logischerweise entbindet das nicht von der Verantwortung für das eigene Handeln. Sexuelle Anziehung könnte dann als etwas eher Körperliches betrachtet werden, während romantische Anziehung weniger den Leib als die Art der emotionalen Beziehung als Handlungsangebot betrachten könnte.

Wir sehen: Das Thema is komplex, voller ethischer Fallstricke und die These enthält auf jeden Fall noch mehr Fragen als Antworten.

Schluss

Von dem Workshopwochende nehme ich einige interessante Impulse mit, die sich vielleicht auch irgendwann hier im Verein als Schriftstück niederschlagen. Brücken zwischen den eher akademischen Gedanken und dem Leben am Boden sind jedenfalls nie verkehrt.

Am Ende bleibt noch, allen zu danken, die das Workshopwochenende möglich und zu etwas Grandiosem gemacht haben: vor allem Laurin, Ela, Yash für die Technik und allen Gäst*innen.

Berlin, Alexanderplatz bei Nacht: Vor einer Büroblockfront eine übergroße Weihnachtspyramide und die Dächer von Marktbuden, im Hintergrund der blaugrün angeleuchtete Fernsehturm.
Ein Berliner Tourigruß zum Abschied.

 

 

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