Monat: Januar 2016

Netzwerk LSBTTIQ?

In der Spalte rechts sind „Kooperationen und Netzwerke“ aufgelistet. Anlässlich der Tatsache, dass am 24. Januar ein Plenum des Netzwerks LSBTTIQ Baden-Württemberg stattfand, wollte ich erläutern, was wir dort tun und noch einige Hinweise geben, was gerade so ansteht und wo das Netzwerk u.a. sich über Input freuen.

Netzwerk wie bitte?

Das Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg ist ein Zusammenschluss von Vereinen, Initiativen und Gruppen, die sich, wie der Name schon sagt, in BaWü für lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender, intergeschlechtliche und queere Menschen einsetzen.

Da es kein „A“ gibt, gehört AktivistA derzeit zur Buchstabengruppe Q wie queer – auch deswegen unser Statement diesbezüglich vor einiger Zeit.

Wieso Theater um die Buchstaben?

Die Buchstabengruppen sind insofern von Interesse, da sie, sofern Kandidat*innen zur Verfügung stehen, zwei Personen im Sprechendenrat stellen dürfen. Der Sprechendenrat ist das, was bei Vereinen der Vorstand ist, also die Geschäftsführung und das Ausführungsorgan des Plenums.

Das Plenum ist die Gesamtheit aller Mitglieder, die bei einer Plenumssitzung anwesend und stimmberechtigt sind. Heißt, das Plenum legt die Ziele fest, der Sprechendenrat setzt sie um.

Und, was könnt ihr an Erfolgen vorweisen?

Erreicht wurde unter anderem ein Aktionsplan „Für Aktzeptanz und gleiche Rechte“, und drei Jahre nach Gründung bekam das Netzwerk letztes Jahr eine Geschäftsstelle zur Koordinierung, und um den Sprechendenrat zu unterstützen, denn das ist ein Job mit nicht unerheblichem Zeitaufwand. Es gibt Treffen, Meetings mit Abgeordneten und Menschen in der Verwaltung, Pressemitteilungen und Gedrucktes müssen vorbereitet bzw. geschrieben werden, etc.

Die politischen Erfolge sind zum Teil der wohlwollenden grün-roten Regierung in Baden-Württemberg zu verdanken. Wenn also geneigte Leser*innen vorhatten, am 13. März zu Hause zu bleiben: Bitte geht wählen. Eine Entscheidungshilfe bietet der Wahl-O-Mat.

Und wer lieber die Trillerpfeife auspackt, schaue sich das Bündnis „Vielfalt für alle“ an, das gegen die „Demo für alle“, also die sogenannten „besorgten Eltern“ ein Zeichen setzen will. Leider gibt’s derzeit nur eine Facebook-Seite, daher verweise ich an den CSD Stuttgart für Infos außerhalb der Anmeldeschranke.

Wolltest du nicht Input?

Thema: Beratung

Was die Beratung angeht, baut gerade eine Honorarkraft eine Datenbank zum Thema Angebote auf – wer also von Therapeut*innen, Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen weiß, die A_sexuellen verständnisvoll gegenüberstehen und das Recht auf Selbstdefinition anerkennen, bitte kontaktiert uns am besten durch einen Kommentar hier, wir melden uns bei euch und/oder leiten die Info weiter.

Thema: Geflüchtete/Flüchtlinge

Ganz neu ist eine Themengruppe Refugees. In diesem Zusammenhang wollte ich auf zwei Links aufmerksam machen.

Die Rainbow Refugees und die Queer Refugees benötigen unter anderem noch Übersetzer*innen, genauso wie Gruppen, die melden, wenn sie Beratung anbieten oder allgemein für Geflüchtete aus dem Queerspektrum offen sind, denn queere Geflüchtete freuen sich über Sozialkontakte, die diesen Teil ihrer Schwierigkeiten nachvollziehen können. Was letzteres angeht, ist AktivistA leider zu sehr verstreut, aber vielleicht ist wer von euch Teil einer besser lokalisierbaren Gruppe.

A_sexualität?

Bekanntermaßen sind die Dinge selten entweder schwarz oder weiß. Auch asexuell ist man nicht entweder zu hundert Prozent oder gar nicht.

Menschen, die sich als Gray-A oder demisexuell bezeichnen, befinden sich im asexuellen Spektrum; die Bezeichnung „asexuell“ passt nicht haargenau auf sie, aber sie haben mehr mit a- als mit allosexuellen (nicht asexuellen) Menschen gemeinsam und finden den Begriff Asexualität hilfreich.

Als ich einmal in einem Vortrag spontan sagte, asexuell und allosexuell dürfe man sich nicht wie „Licht an – Licht aus“ vorstellen, führte eine Person im Publikum den Vergleich weiter und sagte, Licht könne man ja auch dimmen. Schwaches Licht, schwache sexuelle Anziehung – wird es schon hell, ist dieses Gefühl sexuelle Anziehung? – das Bild ist nicht so verkehrt.

Die asexuelle Community legt viel Wert auf Inklusivität und hat für sich eine Flagge gewählt, in der der Verlauf von Schwarz über Grau nach Weiß eben auf das Spektrum hinweist. Dementsprechend wird auch unser Verein auf diesem Blog künftig die Schreibweise A_sexualität verwenden. So wie der Gender Gap in Wörtern wie Freund_innen für die Menschen steht, die sich weder als Mann noch als Frau verstehen, weist der Unterstrich hier darauf hin, dass wir das gesamte asexuelle Spektrum im Blick haben und uns für seine Sichtbarmachung einsetzen.

Einige Hinweise für Journalist*innen

Wir wissen es sehr zu schätzen, dass Sie Interesse an unserer Arbeit haben. Wir erwarten nicht, dass Sie sämtliches käufliches Material zum Thema gelesen haben, die meisten von uns haben das auch nicht.

Aber in der Regel haben wir mehr gelesen als Sie und recherchieren zum Thema schon seit Jahren, nicht seit Tagen.

Auf einige Dinge möchten wir deswegen gerne hinweisen.

  1. Wir wissen, dass Sie eine Story brauchen. Wir können aber niemanden brauchen, di*er mit einer fertigen Story im Hinterkopf zu uns kommt und nur noch die entsprechenden O-Töne einsammeln möchte.
  2. Bitte verinnerlichen Sie das Bingo. Wie Mark Carrigan so schön formuliert: „This inability to grasp asexuality as a concept can bring otherwise well meaning people to act in deeply hurtful and marginalising ways.“ – „Die Unfähigkeit, Asexualität als Konzept zu begreifen, bringt ansonsten wohlmeinende Menschen dazu, sich äußerst verletzend und ausschließend zu verhalten.“ Das trifft auch auf wohlmeinende Journalist*innen zu.
  3. Obwohl einige von uns gern Sichtbarkeitsarbeit leisten, ist unsere Zeit nicht unbegrenzt. Und „einige“ ist nicht alle, das sollte bei der Durchsicht entsprechender Artikel und Videos auffallen. Bitte suchen Sie rechtzeitig nach Leuten, die sich ausquetschen lassen, nicht erst zwei Tage vorher.
  4. Bitte seien Sie sich bewusst, dass Sie mit einer Einzelperson sprechen, nicht mit dem gesamten asexuellen Spektrum. Manche von uns haben Spaß an Sex, andere nicht. Manche suchen eine Beziehung, andere nicht. Und so weiter. Die asexuelle Community erlaubt unterschiedliche Empfindungen in Bezug auf diese Themen.
  5. Manche von uns schauen aus wie Männer oder Frauen, sind aber keine. Es wäre nett, wenn Sie das in einem Gespräch vorab klären könnten, bevor Sie jemanden fehlgendern.
  6. Wie bei allen Minderheiten werden Ihre Leser*innen oder Zuschauer*innen Schwierigkeiten haben, nicht von di*em einen Asexuellen auf alle zu schließen – darin sollten Sie die Leute nicht noch unterstützen.
  7. Bitte seien Sie sich bewusst, dass Sie im Umgang mit (anderen) Minderheiten typischen Fallen aufsitzen können. Minderheiten/Outgroups werden gerne sexualisiert (ihren Körpern und ihrem sexuellen Verhalten wird übermäßig viel Aufmerksamkeit gewidmet) und stereotypisiert.
  8. Begehen Sie außerdem nicht den Fehler, uns die Definitionshoheit über unser eigenes Empfinden abzusprechen.
  9. Wie in Punkt 7 angerissen, können nicht alle a_sexuellen Menschen alle Einwände des Bingos entkräften. Diese Menschen haben trotzdem ein Recht, gehört zu werden. Wenn Sie aus welchem Grund auch immer nicht in der Lage sind, trotzdem einen seriösen Artikel über diese Person zu verfassen und Ihr Publikum mit der Nase in dessen Vorurteile zu stoßen, seien Sie so ehrlich und geben das bitte zu, statt es der Person anzulasten, deren Geschichte Sie nicht veröffentlichen wollen/können.
  10. Nicht jede unserer Freizeitbeschäftigungen oder nicht-sexuellen Leidenschaften hängt mit unserer sexuellen Orientierung zusammen. Einen heterosexuellen Mann fragen sie auch nicht, ob er Fliegenfischt, weil er zufällig hetero ist.
  11. In diesem Zusammenhang finden wir auch Formulierungen nicht gut, die besagen, „Sowieso kleidet sich auffallend/geht gern in Discos/küsst gern/etc. OBWOHL si*er asexuell ist“. Die meisten Leute würden ihre Identität, Hobbys usw. mit „UND“ beschreiben. Auch Asexuelle sind hierzu in der Lage. Carmilla DeWinter z.B. ist in der asexuellen Sichtbarkeit aktiv UND Schriftstellerin UND Apothekerin UND tanzt gern UND ist deswegen noch chronisch in Zeitnot.
  12. Wir halten uns in eigener Sache für Expert*innen, und nicht jede Person, die Soziologie, Psychologie oder etwas derartiges studiert hat, weiß mehr über unser Thema als wir. Wir existieren auch, wenn kein*e Expert*in zu Wort kommt.
  13. Dementsprechend reagieren wir eher verschnupft, wenn Sie eine*n Expert*in auftun, di*er keine Ahnung vom Thema hat, aber dann eine gegenläufige Meinung vertritt: Ihr Text sollte keine Diskussionsgrundlage bieten, ob wir existieren, sondern, wenn überhaupt, warum alle so seltsam darauf reagieren, dass wir existieren.
  14. Bitte verinnerlichen Sie Folgendes: Uns fehlt nichts. Deswegen kompensieren wir auch für nichts. Wir haben keine Ersatzbefriedigung, denn wir wüssten nicht einmal, wie sie aussehen müsste. Uns zu fragen, wie wir unser Defizit ausgleichen, ist wie einen schwulen Kerl zu fragen, ob ihm weibliche Brüste in seinem Leben fehlen: Die Frage ergibt keinen Sinn.
  15. Kontraste bieten sich an, das wissen wir. Die Sinnhaftigkeit, Asexuelle zum Interview in Pornokinos oder Sex-Shops zu schleppen, erschließt sich wahrscheinlich auch nicht allen Allosexuellen (=Nicht-Asexuellen), bzw. haben die das Recht, solche Örtlichkeiten nicht zu mögen. Entgegen allen Erwartungen fallen Asexuelle auch nicht in Ohnmacht, wenn sie Bilder von nackten Menschen oder Darstellungen von Sex sehen.
  16. Desgleichen ist Asexualität keine Protestform gegen die übersexualisierte Gesellschaft oder gegen sonst eine Zeiterscheinung. Wir haben Meinungen dazu, manchmal sogar gegenläufige (siehe Punkt 4), aber grundsätzlich hat unsere sexuelle Orientierung nichts damit zu tun, dass z.B. Frauenzeitschriften im Titel einen besseren Orgasmus versprechen.
  17. Immer wieder auch (un)gern gesehen: Hinweise, dass wir hübsch sind bzw. gut aussehen, „ganz normal“ oder sonstwie gekleidet sind. Es gibt Menschen, die zufällig asexuell sind und Ihren ästhetischen Ansprüchen nicht genügen. Das heißt aber nicht, dass dazwischen ein Zusammenhang besteht. Siehe Punkt 7, Stichwort „Abwertung durch Sexualisierung“.
  18. Ja, wir machen Kuchenwitze. Das heißt nicht, dass wir alle gern Süßigkeiten essen oder einmal die Woche backen.
  19. Bitte verinnerlichen Sie das Bingo.

Danke.

 

Zuerst veröffentlicht am 3. Januar 2016. Um neuere Links und Hinweise ergänzt am 24. September 2017.

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