CN: Allonormativität (allonormative Aussagen), Gray-Exklusionismus, Sexualität und Sex, kurze Erwähnung von Genderklischees und Masturbation

Dazwischen — Alles nicht so einfach

Finn

Mein Name ist Finn und was das Spektrum der Sexualität angeht, bin ich irgendwo dazwischen.
Zwischen Sexualität und Asexualität, an einem Ort auf dem Spektrum, wo die Nebelschwaden so dicht sind, dass eins kaum die Hand vor den Augen sehen und doch den Nebel nie greifen kann, weil er zwar da ist, aber nie wirklich fassbar wird, durch die Finger sickert, sodass kaum gesagt werden kann, wo ich eigentlich stehe.
So fühlt sich meine sexuelle Anziehung an.
Mal ruhig, mal wirbelnd,
Mal da, mal weg,
Mal wild, mal sanft,
Unbeständig, schwach …
Aber immer ungreifbar.

Ich bin nicht Zuhause an einem der unzähligen Enden des Spektrums menschlicher Sexualität, die ich mit Interesse betrachte, erkunde, mal hier mal da etwas in meinem Nebel wiedererkenne, aber immer nur schemenhaft, sodass ich es nie wirklich sagen kann: „Das ist meine Sexualität, meine sexuelle Anziehung, …“
Ich kann nur viele Worte ein bisschen verwenden, weil ich nirgendwo so richtig zuhause bin so scheint es.

Naheliegend wäre natürlich die weitgehend allosexuelle Welt. Immer wieder meldet sich in meinem Leben dann ja doch sexuelle Anziehung. Meist sehr schwach, aber ab und zu kann die auch mal so richtig kicken. Das kommt vielleicht nicht so oft vor, aber wenn ich dann doch mal so eine Art Spike erlebe, verstehen meine allosexuellen Freund*innen meistens nicht, warum das jetzt noch nicht bedeutet, dass ich einen One-Night-Stand anstrebe.
Da fallen auch mal Sätze wie:
„Warum sprichst du sie nicht einfach mal an?“
Oder:
„Fangt doch einfach mal unverbindlich was an. Vielleicht will er ja auch. Man weiß doch nie, was passiert!“
Und dann bin ich an der Reihe, zu erklären, dass meine sensuelle Anziehung diesen Spike gerade nicht mitgemacht hat, während die sexuelle mit 100 km/h auf der Autobahn fährt. Da ist es fast einfacher zu sagen, dass ich die Person nicht gut genug kenne, um zu wissen, ob sie dann vielleicht eine romantische Beziehung mit mir möchte – und das ist dann ja wirklich nicht so mein Ding.
Das Ergebnis bleibt dasselbe: Ich beobachte lieber erst einmal, begnüge mich mit Fantasien und Selbstbefriedigung. Wenn es eine Person ist, die sich länger in meinem Umkreis bewegt, warte ich vielleicht ab, wie sich die Sache entwickelt.
Dass die sexuelle Anziehung sich bei einer Person mit sensueller und den Umständen so gut trifft, dass es für einen sexuellen Kontakt reicht, ist vergleichsweise selten.

Es gibt auch noch diese tollen Gespräche, die ich mit Menschen immer wieder über meine eigene Identität führe. Das ist nicht immer einfach. Viele lernen ja in diesem Moment erst, was Asexualität eigentlich ist.
Und wenn gerade nicht irgendwelche Genderklischees aus der Mottenkiste geholt werden, fallen auch mal Aussagen wie: „Also, das versteh ich halt nicht. Sex ist doch toll! Mir ist guter Sex in einer Beziehung schon sehr wichtig.“
Ich verdrehe dann erst einmal innerlich die Augen und antworte: „Ich habe gerne Sex. Aber das war’s dann auch.“
Bevor ich mich freundlich darum bemühe, zu erklären, warum ich Sex mögen und trotzdem auf dem asexuellen Spektrum sein kann, womit eine Stelle im Gespräch erreicht ist, wo mein Gegenüber dann meist nicht mehr richtig mitkommt. Die Trennung von sexuellen Handlungen und Anziehung ist wohl hauptsächlich in Ace-Communitys und in einer verquerten Form in fundamentalistisch religiösen Gruppen verbreitet.
Und ich frage mich in diesem Moment, ob ich jetzt eine lange Erklärung beginnen soll, dass manche asexuelle Menschen (wenn auch bei weitem nicht alle) Sex haben und mögen, oder ich erst daran erinnern soll, dass sich unser aller Sexualität in Spektren bewegt und ich immer noch Grayace und nicht zu 100 % asexuell bin.

Ich habe gerne Sex. Aber das war’s dann auch.“
Sage ich.
Sehr zum Unverständnis mancher Menschen.
Und ob ich schon einmal einen Orgasmus hatte, ist dann mit einem Mal plötzlich von großem Interesse.
Wenn ich wahrheitsgemäß antworte, sorgt das meist für mehr Verwirrung und ich möchte auch kein Geheimnis daraus machen müssen. Aber gleichzeitig, sollte ich darauf keine Antwort schuldig sein, um zu beweisen, dass ich „rechtmäßig“ auf dem Ace*spec bin.
Es gibt überhaupt viele Dinge, die ich in solchen Gesprächen gerne sagen möchte, wie einige Dinge über diese Frage nach dem Orgasmus.
Und ungefähr zehntausendmal das Wort „Spektrum“.
Das würde ich manchen Leuten am liebsten direkt in den Kopf hämmern.
Die Nachricht, dass Asexualität ein Spektrum ist, wo ich mich nicht zu 100 % am Ende in einer Ecke wiederfinde, damit sie mich klar einordnen können, scheint für viele nicht so leicht verdaulich zu sein.

Aber wenigstens bin ich mir nach solchen Gesprächen immer sehr sicher:
Allosexuell bin ich nicht.

In Ace-Communitys sieht das alles schon ein wenig anders aus.
Asexualität ist hier logischerweise bekannt. Es wird differenzierter über Sexualität und Sex gesprochen.
Aber auch hier gibt es seltsame Situationen:
Da gibt’s zum einen die selbsternannten Gatekeeper*innen, die meinen, der Graubereich gehöre nicht zur Community oder wäre generell ein Missverständnis, weil wir einfach überzeichnete Bilder allosexueller Personen im Kopf hätten und uns deswegen nicht mit Allosexualität identifizieren könnten.
Da kann ich nur den Kopf schütteln und auf meine Gespräche mit Allos verweisen.
Siehe oben!
Ich erinnere mich aber auch an ein Gespräch, wo hinter Sex mit dem Partnermenschen, ohne genauer nachzufragen, eine Überschreitung der eigenen Grenzen vermutet wurde.
Oder auch Diskussionen wie die immer wieder mal aufkommende über Reizwäsche, wo ich mich dann frage, wo ich hier eigentlich gelandet bin, bei Aussagen wie:
„Löst Reizwäsche bei Allos wirklich sexuelle Anziehung aus?“
„Können die dadurch erregt werden?“
Oder auch:
„Sowas gibt mir gaaar nichts.“

Ein wenig fühle ich mich dann, als wäre mir eben wieder gesagt worden: „Aber Sex ist doch toll.“
Und denke mir:
„Es muss dir doch gar nichts bringen. Manchen Allos ‚gibt‘ das auch nichts.“
Ich möchte dann sagen, dass auch die Sexualität von allosexuellen Menschen ein Spektrum ist. Erklären, dass es bei Reizwäsche sicher auch um ästhetische Aspekte geht.
Darauf hinweisen, dass Reizwäsche auch von Personen verwendet wird, die schon in einer sexuellen Beziehung sind und/oder vorher schon sexuelle Anziehung füreinander empfinden und diese nicht erst durch Kleidung oder nackte Haut erzeugt werden muss. Da geht es um Beziehung, Erregung, sich herantasten an den Partnermenschen, nicht direkt nackt zu beginnen und die eigene Sexualität zu gestalten. Es geht mitunter darum, Erleben und Empfinden mit einem Kleidungsstück zu verbinden, damit zu spielen, die eigene Fantasie anzuregen und dann gegebenenfalls in die Realität weiterzugehen.
Reizwäsche hat viele Einsatzmöglichkeiten.
Ich will sagen, dass ich mich frage, warum wir so schnell den Begriff des Spektrums wieder vergessen, wenn es um (scheinbare) Allosexualität geht. Fragen wie es dazu kommt, dass wir offen von Kink sprechen, uns aber plötzlich alle Vorstellungskraft verlässt, sobald es um den möglichen Nutzen von Reizwäsche geht.
Das alles würde ich gerne sagen und so gut erklären wie möglich.
Aber ich weiß auch, dass das Gespräch beim nächsten Mal oder mit der nächsten Person wieder von vorne losgeht.
Immer wieder von vorne.

Viel davon ist wohl Unverständnis und Unwissenheit.
Dafür habe ich ein gewisses Maß an Verständnis.
So wie wenn ich versuche einer allosexuellen Person das asexuelle Spektrum begreiflich zu machen.
Aber bei all den manchmal ermüdenden Gesprächen, bleibt mir auch immer eine Gewissheit:
100 % asexuell bin ich nicht.

Und spätestens dann weiß ich, dass ich irgendwo dazwischen bin.
In Allo- und in Ace-Räumen mache ich Distanzerfahrungen.
Manchmal tut das weh.
Aber es ist auch okay.
Ich lerne daraus, dass die Gatekeeper*innen sich ihre Argumente sparen können.
Ich gehöre hierhin.
Zwischen den Bergen.
In meinem kleinen Tal voll Nebel.

 

 

© 2023 bei Finn

Diese Seite steht unter CC BY-SA 4.0.
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2 Comments on 6. Dezember: Dazwischen

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