CN: Wenn eins die Metaphern jeweils überträgt, negative Erfahrungen im Bezug auf Asexualität, insbesondere: Allonormativität, compulsory allosexuality, FOMO und Einsamkeit, Abwertung von Single-Sein, Pathologisierung von Ace sein. Alles davon ist in Metaphern verpackt.

 

Dunkel trifft Licht, Leise trifft laut

Samu

 

Wenn die Werbeschilder am Himmel leuchten
dass eins sie beinahe mit dem Mond verwechselt
dann sitze ich da und frage mich:

Ist die Bank, auf der ich sitze,
eine Bahnhofsbank und ich warte die ganze Zeit auf meinen Zug?
Ist mein Zug vielleicht längst abgefahren?
Bin ich der einzige Übriggebliebene, der noch auf diesem leeren Bahnsteig hockt?

Den Geruch von kaltem Rauch in der Nase, Beton, etwas Maschinenöl und heißgelaufene Zugbremsen. Zug hält an, Menschen strömen rein, Menschen strömen raus, strömen die Treppe runter, und ein paar Minuten später, wenn der Zug quietschend weitergefahren ist, ist es wieder ganz ruhig hier. Nein, nicht ganz ruhig. Aber einsam ruhig.

– Oder – ist dies in Wirklichkeit eine Ausruhbank? Und ich bin hier, um Züge zu fotografieren und zu filmen? Nicht, um einzusteigen. Nicht immer sind Züge zum Einsteigen da. Trainspotting ist auch ein schönes Hobby.

Diese Zeit, wenn du beim Trainspotting auf den Zug wartest, die ist irgendwie eine seltsame. Wenn es kalt ist, frieren deine Hände ein, wenn es warm ist, ist es noch ätzender. Du überprüfst die Einstellungen deiner Kamera. Wenn du richtig krass bist, stellst du noch eine Leiter und/oder ein Stativ auf, um eine bessere Perspektive zu haben oder nicht zu verwackeln. Du grüßt höflich – oder notgedrungen – die anderen Trainspotter, die mit dir warten und ebenfalls ihr Equipment auspacken und einrichten, und – entweder ihr ignoriert euch freundlich oder haltet kurz Smalltalk.

Und dann wartest du. Und das macht den größten Teil der Zeit aus.

Irgendwann ist es dann endlich so weit, der Zug kommt, ist in 30 Sekunden vorbeigerauscht und dann baust du alles wieder ab, fährst weiter – an manchen Strecken kann man den Zug gut überholen und nochmal fotografieren, oder du fährst halt wieder nach Hause oder woanders hin.

Was bleibt, sind die Aufnahmen auf deiner Speicherkarte. Du ziehst sie auf deinen Computer, speicherst sie, benennst sie um, bearbeitest, entwickelst sie. Vielleicht lädst du auch ein paar davon auf Instagram hoch oder verschickst sie an befreundete Menschen.

In der Wartezeit
hast du nicht fotografiert.

Oder vielleicht ein paar Testaufnahmen, die du vielleicht sogar ganz gut findest, sodass du dich entscheidest, sie nicht zu löschen.
Vielleicht hattest du auch Glück und es kam noch etwas unerwartetes Interessantes, und das hast du auch noch fotografiert.
Aber dein Warten. Hast du nicht direkt festgehalten.
Dabei hat es doch den Großteil der Zeit ausgemacht.
Aber die Zeit ohne Zug ist kein Zustand. Keiner, der als festhaltewürdig gilt. Ein notwendiges Übel, dass man pünktlich da steht, um keinen Stress zu haben oder gar den Zug zu verpassen.

Dabei können Schienen sehr ästhetisch sein!

Manchmal
da sitze ich da und frage mich:
Was sind all diese Lichter da draußen?

Sind sie, sind sie vielleicht nur Schein, was sehen die anderen darin? Sind die anderen bei diesen Lichtern? Sind sie in diesen Lichtern und ich sitze hier und sehe auf die Stadt hinunter, sehe die Lichtverschmutzung und empfinde sie als ziemlich störend.

Aber die da unten, die mögen ihr Licht gerne und ich … gönns … ihnen. Joaa …

Die Lichter spiegeln sich überall und ich frage mich, was davon eigentlich echt ist.

Mechanisch automatisch will ich danach greifen, doch sie faden, verblassen, nur einen kurzen Augenblick lang haben sie aufgeleuchtet wie eine Sternschnuppe.

Nicht für mich.

Darf ich mir was wünschen?

Dann
sitze ich da
in einem dunklen Raum und nur vor mir leuchten die bunten Lichter meines Mischpults.

Lauter, leiser, gemutet. Komprimiert, noch ’n Low cut und Equalizer drauf.
Sound – ist sehr individuell.
Manchmal sitzt du da als Tontechniker und denkst so: Ahhhh, wieso kommt kein Ton?!?!? Und dann
stellst du fest: Der Kanal war stummgeschaltet. Und du hast an der falschen Stelle geguckt. Ooooder die Phantomspannung war aus. Oder irgendetwas anderes richtig Banales.

Aber bis du dahin kommst, dass du das feststellst, gab es garantiert einen Punkt, an dem du dachtest, irgendetwas sei kaputt.

Am Mischpult kann man diese Einstellungen dann schnell ändern, in anderen Lebensbereichen vielleicht nicht, aber – vielleicht muss das gar nicht.

Und dann sitze ich da
und denke nach über alles Mögliche.

Ich finde, Dunkelheit ist ein völlig unterbewertetes Konzept.
Like: Es ist angenehm in den Augen. Niemand sieht dich. Du musst dich nicht verstellen und verstecken, denn die Dunkelheit schützt dich vor verurteilenden Blicken.

Die wohltuendsten Augenblicke hatte ich meistens irgendwo alleine im Dunkeln.

Aber irgendwie ist bei Handydisplays immer nur angegeben, wie hell und brillant sie doch jetzt sind – aber nicht wie dunkel sie gehen. Immerhin hab ich bei meinem neuen Handy jetzt eine Funktion, wie ich das Display noch dunkler machen kann, und natürlich gibt es noch den Dunkelmodus, aber da bin ich gar nicht mal so‘n großer Fan von, muss ich sagen, weil das sind mir immer zu viele kleine helle Lichtreize durch die weiße Schrift. Also Discord hab ich schon immer auf dunkel, aber andere Apps eher nicht so. Ja.

Das Licht und das Dunkel
Das Laute und das Leise
Dunkel trifft Licht
Leise trifft laut
Zug rauscht durch
Rauscht in meinen Ohren
Rauscht es in meinem Kopf
Rauscht es in meinen Noise-cancelling-Kopfhörern

 

Stille

 

 

 


© 2023 bei Samu

Diese Seite steht unter CC BY-SA 4.0.
CC BY-SA 4.0

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