Schlagwort: asexuelles Spektrum

Asexualität: Das Ein-Prozent-Problem

Dass es etwa ein Prozent asexuelle Menschen gäbe, geistert seit 2004 durch die Medien- und die Aktivismuslandschaft. Die Zahl hat aufgrund ihrer Rundheit einen nicht unerheblichen Charme und wird häufig wiederholt. „So viele asexuelle Menschen, wie es Rothaarige gibt!“, heißt es dann, beispielsweise in einem neuen Podcast vom Bayerischen Rundfunk.

Und klar: Wenn ich erstens darauf hinweisen möchte, dass wir wirklich existieren, und zweitens ein bisschen politischen Rumms als Interessengruppe entwickeln möchte, ist so eine Zahl echt praktisch. (Wir nutzen sie auch.)

Aber stimmt sie?

Illustration eines grauen Schafs mit buntem Horn auf der Stirn, vor türkisfarbenem Hintergrund.
Aces zählen ist wie Schäfchen zählen, nur schwieriger.

Wen zählen wir eigentlich wie?

Bevor wir uns die Ergebnisse der oftmals zitierten Arbeit von Bogaert aus dem Jahre 2004 anschauen, ist erst mal die Frage: Wer zählt überhaupt als asexuell?

Wahrscheinlich irritiert Außenstehende, dass es beim ace Schirmbegriff keine klaren Kategorien gibt sowie eine große Zahl ein Mikrolabeln. Das heißt, wenn ich abfragen will, wer sich alles zum ace Umbrella zählt, muss ich beim Umfragedesign gut aufpassen.

So sollte ich in Multiple-Choice-Bögen nicht die Option „asexuell“ anbieten, sondern eher so etwas wie „asexuelles Spektrum“, um wirklich alle Aces einzufangen. Andernfalls müsste ich eine Write-in-Möglichkeit anbieten — also ein leeres Feld, in das die Menschen ihre Selbstbeschreibung eintragen können. Die Auswertung von Write-ins ist recht zeitaufwendig und daher teuer.

Desgleichen muss ich bei Multiple Choice mindestens zwei Antworten zulassen. Eins kann ja beispielsweise demi-ace und schwul sein, etc. pp.

Mit so einer Methode werden im Idealfall Menschen erfasst, die sich als ace beschreiben.

Menschen, die sich eventuell auf dem asexuellen Spektrum verorten könnten, sich aber nicht so identifizieren, bleiben außen vor. Vielleicht haben sie das Wort gehört, aber nicht auf sich bezogen, oder sie kennen den Begriff nicht. Und Menschen, die sich nicht als ace beschreiben, obwohl sie theoretisch ins Spektrum passen würden, sind so ebenfalls nicht zu zählen. „Aces-in-potentia“ bleiben also unsichtbar.

Die nächste Frage: Über welche Personengruppe möchte ich Aussagen treffen? Die ace Community oder alle potentiellen Aces? Das sind zwei unterschiedliche Gruppen. Ergebnisse aus der einen Art Zählung dürfen nicht einfach auf Ergebnisse der zweiten Art Zählung übertragen werden.

Möchte ich potentielle Aces einfangen, muss ich mich auf Hilfsgrößen beziehen. Manche neuere Studien nutzen dafür die Asexual-Identification-Scale nach Yule und Brotto, die wahrscheinlich demi-ace und gray-ace Personen schlecht erfasst. Andere untersuchen, wie Bogaert damals, die Frage „Ich habe noch nie in meinem Leben sexuelle Anziehung gespürt.“

 

Wen hat Anthony Bogaert gezählt?

Wie ace_arovolution dankenswerterweise und detailliert aufzeigen, hat sich Bogaert auf Daten gestützt, die 1990/91 in Großbritannien von 18’876 Menschen zu sexueller Gesundheit erhoben wurden. Dazu gab es dann 1994 eine größere Veröffentlichung, die Bogaert 2004 noch einmal neu auswertete.

Ihm fiel auf, dass da etwa ein Prozent der Befragten eine kontraintuitive Auskunft gegeben hatten (genauer 1,05 %) auf die Frage: „Zu wem fühlen Sie sich sexuell hingezogen?“ Und eben diese 1,05 % gaben an, dass sie noch nie sexuelle Anziehung empfunden hatten.

Warum „kontraintuitiv“? Weil die meisten Menschen annehmen, dass alle Menschen sexuelle Anziehung empfinden – diese Annahme heißt mittlerweile Allonormativität.

Insofern ist denen, die die Umfrage vor 1990 entwarfen, ein großes Verdienst zuzuschreiben: Sie hatten sich von dieser Annahme nicht beeindrucken lassen und eine fast undenkbare Antwortmöglichkeit auf ihre Frage erlaubt.

Und für diese Antworten aus der britischen Erhebung kam Bogaert zu folgender Schlussfolgerung: Wenn wir Asexualität als lebenslange Abwesenheit sexueller Anziehung definieren, dann können wir 1,05 % der britischen Bevölkerung Asexualität zuschreiben.

Insofern stützt sich Anthony Bogaert auf eine Hilfsgröße, die die derzeitige ace Community sehr ungenau beschreibt.

Was das Ergebnis neben der runden Zahl so verführerisch macht, ist natürlich, dass Bogaerts Arbeitsdefinition und die Erklärung auf der englischen AVEN-Landingpage sich seit 2004 fast entsprechen.

Wenn wir uns also auf diese Studie beziehen, müssten wir korrekterweise immer dazuschreiben, was Anthony Bogaerts Arbeitsdefinition war, woher die Daten stammen (Großbritannien) und wie alt die Daten sind (über dreißig Jahre).

 

Gibt es neuere Zahlen?

Wenn wir nur Selbstbeschreibungen gelten lassen, gibt es drei neuere Studien mit akzeptabler Qualität – zumindest, was ich so gefunden habe oder auf das ich hingewiesen wurde – danke an Claudia Haupt vom EBGH.

Im Jahr 2018 gab es in Deutschland die Pilotstudie Liebesleben, bei der etwa 1155 Fragebögen ausgewertet wurden. Dort gaben 0,3 % der Befragten (alles Frauen) an, sich als asexuell zu beschreiben.

Aus Neuseeland gibt es Daten einer Erhebung aus den Zehnerjahren, die 2017 von Greaves und Mitarbeitenden veröffentlicht wurden. Hier hatten die Befragten eine Write-in-Option erhalten, die 0,4 % von ca. 11’000 Befragten für ace, ace-angelehnte und selten auch aro Selbstbeschreibungen nutzten – all diese wurden als „asexuelles Spektrum“ subsumiert.

Etwas neuer (von 2022) ist eine Veröffentlichung aus Belgien: Hier berichten De Schrijver und Mitarbeitende, dass sich 0,6 % der etwa 4600 Befragten bei einer nationalen Erhebung als asexuell beschrieben.

 

Und was heißt das jetzt?

Das eine Prozent (für westliche Gesellschaften) scheint etwas zu hoch gegriffen, wenn wir die ace Selbstbeschreibungen anschauen. Über nicht-westliche Gesellschaften können wir keine Aussage treffen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Zahl von selbstgelabelten Aces mit größerer Bekanntheit des Begriffs steigt, ist jedoch sehr hoch. Daher sehe ich persönlich vorläufig keinen Grund, unsere äußerst grobe Schätzung auf Eis zu legen, falls wir sie aus politischen Gründen brauchen.

Aber am Ende sollte es egal sein, wie viele Aces es genau gibt: Wir haben als asexuelles Spektrum allosexuellen Menschen einiges an Ideen zu bieten. Und eine menschenwürdige Behandlung sollte sowieso nicht davon abhängen, wie viele Personen nun einer gewissen marginalisierten Gruppe angehören.

 


Quellen:

Bild von Vectronom Studios auf Pixabay.

ace_arovolution, Die Lüge, dass 1% der Welt asexuell sei. Oder: Niemand zitiert Bogaert richtig! Eine Tirade mit Fußnoten, veröffentlicht 24.01.2025 (https://acearovolution.webnode.page/l/die-luge-dass-1-der-welt-asexuell-sei/, zuletzt geprüft am 17.10.2025)

Bogaert, A. F. (2004). Asexuality: Prevalence and associated factors in a national probability sample. Journal of sex research, 41(3), 279-287. https://doi.org/10.1080/00224490409552235

De Schrijver, L., Fomenko, E., Krahé, B., Dewaele, A., Harb, J., Janssen, E., … & Keygnaert, I. (2022). An assessment of the proportion of LGB+ persons in the Belgian population, their identification as sexual minority, mental health and experienced minority stress. BMC Public Health, 22(1), 1807. https://doi.org/10.1186/s12889-022-14198-2

Greaves, L. M., Barlow, F. K., Huang, Y., Stronge, S., Fraser, G., & Sibley, C. G. (2017). Asexual identity in a New Zealand national sample: Demographics, well-being, and health. Archives of sexual behavior, 46, 2417-2427. https://doi.org/10.1007/s10508-017-0977-6

Liebesleben. Matthiesen S, Dekker A, Brunner F, Klein V, Martyniuk U, Schmidt D, Wendt J, Briken P (2018). Sexuelles Verhalten, Einstellungen und sexuelle Gesundheit in Deutschland. Erste Ergebnisse einer Pilotstudie zur Erwachsenensexualität. https://gesid.eu/wp-content/uploads/2018/09/Endbericht-Pilotstudie-2017.pdf (zuletzt geprüft 25.1.25)

Yule, M. A., Brotto, L. A., & Gorzalka, B. B. (2015). A validated measure of no sexual attraction: the Asexuality Identification Scale. Psychological Assessment, 27(1), 148.

Lesefutter: (Un)Willkommen im „Kein Bock Club“?

Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse erschien von Maria Popov das Buch „Kein Bock Club. Warum wir auch mal keine Lust auf Sex haben“.

Maria Popov ist bekannt von der Aufklärungsreihe „Auf Klo“ bei YouTube und arbeitet als Moderatorin und Journalistin, zum Beispiel bei 3sat.

Wer rezensiert hier? Eine weiße aroace cis Frau mit zwei Sachtexten über das asexuelle Spektrum bei Kleinverlagen.

Das Buch "Kein Bock Club" von Maria Popov auf einem Schreibtisch. Das Cover zeigt neben Titel, Untertitel und dem Namen der Autorin auf blauer Grundfarbe eine Illustration von Füßen in den sprichwörtlichen abturnenden weißen Socken.
Das Rezensionsexemplar ist echt selbst gekauft.

 

Worum geht’s?

Ein bisschen irritierte mich zunächst, dass auf dem Klappentext eine andere Beschreibung steht als online. Während „Asexualität“ auf dem hinteren Buchdeckel ziemlich prominent den ersten von zwei Absätzen beendet, ist das online anders:

Sexuelle Lust gilt als Maßstab für Intimität, Beziehungsqualität und persönliche Erfüllung. Doch was passiert, wenn sie ausbleibt? Wenn wir keinen Bock auf Sex haben, obwohl »eigentlich alles stimmt«? Wenn »Ich bin müde« nur eine Umschreibung für etwas ist, das wir selbst kaum benennen können?

Schon in ihrer Jugend hatte Maria Popov nie richtig Bock auf Sex mit Männern und stößt auf ein Wort, das ihr Gefühl zum ersten Mal beschreibt: Asexualität. Aber was heißt das eigentlich genau? …

(Beguckbar unter: https://www.kiwi-verlag.de/buch/maria-popov-kein-bock-club-9783462010145, Hervorhebungen vom Verlag.)

Der Online-Text ist ehrlicher, aber immer noch etwas irreführend, denn um Asexualität als Orientierung geht es kaum. Zwar wird ein wenig ace Literatur zitiert, aber insgesamt ist „Kein Bock Club“ eher als Gesellschaftskritik angelegt. Also: Was hat Sexualität mit Macht zu tun? Und was Sex-Positivität mit Kapitalismus? Welche Erwartungen werden an (cis) Frauen und Männer herangetragen? Was hat Pornographie damit zu tun? Muss ich in Beziehungen dauernd Bock auf Sex haben? Wieso sorgen sich manchmal Medien darüber, dass die Jugend weniger Sex hat als noch vor zehn Jahren? Was können wir von Aces und Aros lernen?

Unter anderem plädiert Maria Popov dafür, sich die Friendzone zurückzuholen, unser Männerbild aufzuweiten (was durchaus auch Männern helfen könnte, sich in der Postmoderne besser zurechtzufinden) und für den Mut, Sex aus dem Mittelpunkt zu rücken.

Der Text streift einige wichtige Themen, ohne sie zu sehr theoretisch zu vertiefen und zu viele Fremdwörter zu verwenden. Der Text sollte sich auch für Uneingeweihte flüssig lesen und kommt ohne laute Schuldzuweisungen aus. Danach kann ihn eins entweder abhaken oder mit den angegebenen Stichworten vertiefen. Dass hinterher wer auf die Barrikaden geht, wage ich zu bezweifeln.

 

Für wen ist das eigentlich?

Kurz: Eher nicht für Menschen, die regelmäßig a*spec Podcasts hören oder eins von den erhältlichen englischsprachigen oder deutschsprachigen Sachbüchern gelesen haben, es sei denn, sie interessieren sich für die sexuelle Rezession.

Außerdem ist das Buch ungeeignet für Menschen, die etwas über die ace und aro Community lernen wollen oder ace oder aro questioning sind.

Super geeignet scheint es mir für vom Feminismus und Heterobeziehungen enttäuschte allosexuelle Personen. Sowie für alle, die sich um die Frage sorgen, warum industrialisierte Gesellschaften einem kollektiven, aber teils unbewussten Sexstreik (und damit Gebärstreik) immer näher rücken zu scheinen.

 

Erstes Manko: Quellen

Ich finde die Quellenangaben teils etwas spärlich. Zum Beispiel werden verschiedene Anziehungsformen vorgestellt. Ein Hinweis, wo sich mehr zum Split Attraction Model nachlesen lässt, fehlt aber, ebenso wie der Name dieses Konzepts. Butch-Femme-Dynamiken werden angerissen und gefühlt tendenziell verurteilt, was ich für die Butches, die ich kennenlernen durfte, nicht so toll finde. Auch da vermisse ich Belege – oder halt den Hinweis, dass es sich um Erfahrungswissen handelt.

Sexualnormen im Islam werden recht differenziert behandelt, aber so etwas bei einem derart aufgeheizten Thema ohne Quelle stehen zu lassen, erscheint mir nachlässig.

 

Zweites Manko: Willkommen im Club?

Trotz einiger wertvoller Quellen und Ideen bleibt ein Geschmäckle, wie eins im Süddeutschen sagt. Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob die ace und aro Community, so wie ich sie kenne, zum Club gehört, der im Buch beschrieben ist.

Auf Seite 135: „Seit einigen Jahren gibt es zum Glück neue Studien und Bücher zum Thema Asexualität, wenn auch meistens im englischen Sprachraum …“

Was ist unsere Bücherliste? Leberwurst? Selbst wenn eins die nicht findet oder zu veraltet findet, reicht es aus, bei einem Online-Buchhandel der Wahl „Asexualität“ zu suchen und einige Sachtexte und Belletristik ausgeworfen zu bekommen. Genauso fehlt ein Hinweis auf die mit viel Liebe und Zeit ehrenamtlich erstellten a*spec Podcasts. Ist ja nicht so, als hätte das Buch am Ende nicht 9 (!) freie Seiten, auf denen „Zum Weiterlesen und -hören“ stehen könnte.

Desgleichen Seite 207 über alternative Beziehungsformen: „Die aromantische Community hat viele Konzepte entwickelt, die nicht nur für sie selbst, sondern für alle Menschen bereichernd sein können.“

Ist die aro Community damit dem „Kein Bock Club“ zuzurechnen? Ich bin mir nicht sicher. Einerseits schön, dass die aro Community separat genannt wird, andererseits erscheint es mir ein wenig wie die Reproduktion von Ausschlüssen. Statt Aros zu vereinnahmen, wie oft an der ace Community bemängelt, dürfen sie gar nicht mitspielen oder sind nur als Stichwortgebende erwünscht.

Es erschien wohl auch nicht opportun, beispielsweise auf die Liste von Kroschel und Baumgart in „(Un)Sichtbar gemacht“ zu verweisen, die neben queerplatonischen Beziehungen noch andere Optionen wie Soft Romo nennt.

Fazit

Insgesamt fühlt es sich beim Lesen nicht so an, als hätte da wer großen Bock auf die a*spec Community. Dazu sind wir eventuell nicht cool genug – wir sind insgesamt eher nerdig drauf und haben Mastodon statt Tiktok! Außerdem posaunen wir manchmal Informationen über loveless und aplatonische Personen raus, die nicht zum Plädoyer für die kuschelige Friendzone passen.

Konzepte abgreifen geht also, aber die Quellen und damit die jahrelange Wissensproduktion in der Community zu würdigen, scheint nicht nötig. Was es dann erschwert, sich mit allen anderen im „Kein Bock Club“ zu verbünden, die nicht ace sind, sondern aus anderen Gründen dauerhaft oder zeitweilig keine oder wenig oder selten Lust auf Sex haben. Obwohl es dringend nötig wäre.

Zurück bleibt ein ambivalentes Gefühl: Ein informatives Buch, das ein wenig Solidarität vermissen lässt. Gefühlt irgendwie typisch für die Zeit seit 2020.

Sonderbeitrag: Grey Confessions

Geschichten aus dem gray-ace und grausexuellen Spektrum sind selten. Umso größer war unsere Freude, als uns die Bitte erreichte, grausexuelle Memoiren auf unserer Seite teilen zu dürfen.

Dabei bitte aufgepasst: Es geht mit einem Kopfsprung in die Lebensrealität eines schwulen Ledermannes, daher stellen wir diesem langen Text einige Inhaltswarnungen voraus. Bitte schaut sie euch gut an und entscheidet dann, ob und in welcher Situation ihr das lesen möchtet. Dennoch findet ihr hier keine erotischen Szenen.

Der Text steht außerdem unter Urheberrecht. Fair zitieren dürft ihr natürlich, aber Kopieren und Einfügen in größerem Stil ist auch für nichtkommerzielle Zwecke verboten.

 

Grey Confessions

Ganz anders als die Anderen

von Jens F.

© 2025, Jens F.

Inhaltshinweise: Nennung und Beschreibung von sexuellen Praktiken v. a. aus der schwulen Lederszene, Wiedergabe von Vorurteilen gegenüber introvertierten Personen, Wiedergabe von Vorurteilen gegenüber Personen auf dem Autismus-Spektrum, Wiedergabe von Vorurteilen gegenüber asexuellen Personen.

Der Text ist autobiographisch. Insofern wird er nicht immer die offiziell vertretene Meinung von AktivistA n.e.V. oder sonst einer Organisation wiedergeben.

Kontaktaufnahme mit dem Autor via

AktivistA n.e.V.
Schwalbenstr. 19
75181 Pforzheim
aktivista.net

Wir haben den Text als PDF gesetzt in dunkler Schrift auf hellgrauem Hintergrund zum Download für euch: Jens F.: Grey Confessions

Wenn ihr lieber online bleibt, einfach hier runterscrollen und weiterlesen.

Die Titelseite der angegeben Broschüre: "Grey Confessions. Ganz anders als die anderen." von Jens F. Den Hintergrund füllt die Flagge für Grau-Asexualität, sie wurde um etwa 45 Grad gedreht und hat verwischte Konturen,

(mehr …)

13. Dezember: Dunkel trifft Licht, leise trifft laut

CN: Wenn eins die Metaphern jeweils überträgt, negative Erfahrungen im Bezug auf Asexualität, insbesondere: Allonormativität, compulsory allosexuality, FOMO und Einsamkeit, Abwertung von Single-Sein, Pathologisierung von Ace sein. Alles davon ist in Metaphern verpackt.

 

Dunkel trifft Licht, Leise trifft laut

Samu

 

Wenn die Werbeschilder am Himmel leuchten
dass eins sie beinahe mit dem Mond verwechselt
dann sitze ich da und frage mich:

Ist die Bank, auf der ich sitze,
eine Bahnhofsbank und ich warte die ganze Zeit auf meinen Zug?
Ist mein Zug vielleicht längst abgefahren?
Bin ich der einzige Übriggebliebene, der noch auf diesem leeren Bahnsteig hockt?

Den Geruch von kaltem Rauch in der Nase, Beton, etwas Maschinenöl und heißgelaufene Zugbremsen. Zug hält an, Menschen strömen rein, Menschen strömen raus, strömen die Treppe runter, und ein paar Minuten später, wenn der Zug quietschend weitergefahren ist, ist es wieder ganz ruhig hier. Nein, nicht ganz ruhig. Aber einsam ruhig.

– Oder – ist dies in Wirklichkeit eine Ausruhbank? Und ich bin hier, um Züge zu fotografieren und zu filmen? Nicht, um einzusteigen. Nicht immer sind Züge zum Einsteigen da. Trainspotting ist auch ein schönes Hobby.

Diese Zeit, wenn du beim Trainspotting auf den Zug wartest, die ist irgendwie eine seltsame. Wenn es kalt ist, frieren deine Hände ein, wenn es warm ist, ist es noch ätzender. Du überprüfst die Einstellungen deiner Kamera. Wenn du richtig krass bist, stellst du noch eine Leiter und/oder ein Stativ auf, um eine bessere Perspektive zu haben oder nicht zu verwackeln. Du grüßt höflich – oder notgedrungen – die anderen Trainspotter, die mit dir warten und ebenfalls ihr Equipment auspacken und einrichten, und – entweder ihr ignoriert euch freundlich oder haltet kurz Smalltalk.

Und dann wartest du. Und das macht den größten Teil der Zeit aus.

Irgendwann ist es dann endlich so weit, der Zug kommt, ist in 30 Sekunden vorbeigerauscht und dann baust du alles wieder ab, fährst weiter – an manchen Strecken kann man den Zug gut überholen und nochmal fotografieren, oder du fährst halt wieder nach Hause oder woanders hin.

Was bleibt, sind die Aufnahmen auf deiner Speicherkarte. Du ziehst sie auf deinen Computer, speicherst sie, benennst sie um, bearbeitest, entwickelst sie. Vielleicht lädst du auch ein paar davon auf Instagram hoch oder verschickst sie an befreundete Menschen.

In der Wartezeit
hast du nicht fotografiert.

Oder vielleicht ein paar Testaufnahmen, die du vielleicht sogar ganz gut findest, sodass du dich entscheidest, sie nicht zu löschen.
Vielleicht hattest du auch Glück und es kam noch etwas unerwartetes Interessantes, und das hast du auch noch fotografiert.
Aber dein Warten. Hast du nicht direkt festgehalten.
Dabei hat es doch den Großteil der Zeit ausgemacht.
Aber die Zeit ohne Zug ist kein Zustand. Keiner, der als festhaltewürdig gilt. Ein notwendiges Übel, dass man pünktlich da steht, um keinen Stress zu haben oder gar den Zug zu verpassen.

Dabei können Schienen sehr ästhetisch sein!

Manchmal
da sitze ich da und frage mich:
Was sind all diese Lichter da draußen?

Sind sie, sind sie vielleicht nur Schein, was sehen die anderen darin? Sind die anderen bei diesen Lichtern? Sind sie in diesen Lichtern und ich sitze hier und sehe auf die Stadt hinunter, sehe die Lichtverschmutzung und empfinde sie als ziemlich störend.

Aber die da unten, die mögen ihr Licht gerne und ich … gönns … ihnen. Joaa …

Die Lichter spiegeln sich überall und ich frage mich, was davon eigentlich echt ist.

Mechanisch automatisch will ich danach greifen, doch sie faden, verblassen, nur einen kurzen Augenblick lang haben sie aufgeleuchtet wie eine Sternschnuppe.

Nicht für mich.

Darf ich mir was wünschen?

Dann
sitze ich da
in einem dunklen Raum und nur vor mir leuchten die bunten Lichter meines Mischpults.

Lauter, leiser, gemutet. Komprimiert, noch ’n Low cut und Equalizer drauf.
Sound – ist sehr individuell.
Manchmal sitzt du da als Tontechniker und denkst so: Ahhhh, wieso kommt kein Ton?!?!? Und dann
stellst du fest: Der Kanal war stummgeschaltet. Und du hast an der falschen Stelle geguckt. Ooooder die Phantomspannung war aus. Oder irgendetwas anderes richtig Banales.

Aber bis du dahin kommst, dass du das feststellst, gab es garantiert einen Punkt, an dem du dachtest, irgendetwas sei kaputt.

Am Mischpult kann man diese Einstellungen dann schnell ändern, in anderen Lebensbereichen vielleicht nicht, aber – vielleicht muss das gar nicht.

Und dann sitze ich da
und denke nach über alles Mögliche.

Ich finde, Dunkelheit ist ein völlig unterbewertetes Konzept.
Like: Es ist angenehm in den Augen. Niemand sieht dich. Du musst dich nicht verstellen und verstecken, denn die Dunkelheit schützt dich vor verurteilenden Blicken.

Die wohltuendsten Augenblicke hatte ich meistens irgendwo alleine im Dunkeln.

Aber irgendwie ist bei Handydisplays immer nur angegeben, wie hell und brillant sie doch jetzt sind – aber nicht wie dunkel sie gehen. Immerhin hab ich bei meinem neuen Handy jetzt eine Funktion, wie ich das Display noch dunkler machen kann, und natürlich gibt es noch den Dunkelmodus, aber da bin ich gar nicht mal so‘n großer Fan von, muss ich sagen, weil das sind mir immer zu viele kleine helle Lichtreize durch die weiße Schrift. Also Discord hab ich schon immer auf dunkel, aber andere Apps eher nicht so. Ja.

Das Licht und das Dunkel
Das Laute und das Leise
Dunkel trifft Licht
Leise trifft laut
Zug rauscht durch
Rauscht in meinen Ohren
Rauscht es in meinem Kopf
Rauscht es in meinen Noise-cancelling-Kopfhörern

 

Stille

 

 

 


© 2023 bei Samu

AktivistA-Konferenz 2022 – Sprache der a*spec Community im Wandel

Wie versprochen haben wir für den Vortrag von Jonas Trochemowitz ein Video! (Edit: Jetzt mit 100 % weniger Spurenüberlagerung! Dafür ohne hünsches Thumbnail. Asche auf Carmillas Haupt.)

„Heute und damals. Zum Wandel des Sprechens in der deutschsprachigen A*spec-Community“ beleuchtet anhand von Daten aus dem deutschspachigen AVEN-Forum, wie sich die Entwicklungen der letzten 16 Jahre auf die Sprache der asexuellen (und teilweise der aromantischen) Community ausgewirkt haben.

Ace Week 2022

Frohe Ace Week 2022 euch allen!

Wie, Ace Week?

Dieses Jahr findet die Aktionswoche für das asexuelle Spektrum vom 23. bis 29. Oktober statt. Feiern, vernetzen und informieren ist angesagt. Ursprünglich hieß die Veranstaltung „Asexual Awareness Week“. Sie wurde 2010 ins Leben gerufen. Aber uns geht es schon lange nicht mehr nur um Sichtbarkeit, sondern noch um einiges mehr: gleiche Rechte, bessere Gesundheitsversorgung und Beratung, und …? Die Organisation hinter der Ace Week heißt Asexual Outreach und ist in den USA mittlerweile als „non-profit“, gemeinnützig, anerkannt.

Veranstaltungen im deutschsprachigen Raum

Offline was auf die Ohren gibt es am Donnerstag, 27.10., im QZM — Queeres Zentrum Mannheim. Lesung mit @acearovolution aus „(un)sichtbar gemacht – Perspektiven auf Aromantik und Asexualität“.

Ein Zoom-Talk zu Acefeindlichkeit mit @acesnrw findet am Mittwoch, 26.10. statt. Und zum zweiten Mal hat der Aspec*German-Discord ein Monsterprogramm auf die Beine gestellt. Die Textform findet ihr ganz unten im Artikel hinter der „weiterlesen“-Marke.

Veranstaltungen auf Englisch findet ihr im Kalender der offiziellen Webseite der Ace Week. Wobei: Ace Aro Wien haben ihr „Wohnzimmer“ am Sonntag, 23.10. in Wien auch dort geteilt.

Mehr Ideen für mehr Sichtbarkeit und Information

Bei regenbogen-online gibt es mittlerweile viel Merchandise, nicht nur in Sachen asexuelle und aromantische Flagge. Auf unseren Hinweis hin hat das Team dort das Angebot für demisexuelle, gray-ace und aroace Menschen erweitert.

Bibliotheken können immer noch Bücher brauchen. Macht ihnen Anschaffungsvorschläge — mittlerweile gibt es zwei Sachbücher auf Deutsch, die auch in Unibibliotheken passen! Wir haben da eine Liste mit Ideen. Eventuell könnt ihr bei dem Anschaffungsvorschlag auch einen Hinweis auf die Ace Week dazuschreiben? Vielleicht lässt sich eine Person begeistern und macht 2023 einen Büchertisch zur Aktionswoche?

Apropos Druckerzeugnisse: Ihr könnt jederzeit unser Papiermaterial bestellen, um es an passenden Orten auszulegen.

Niedrigschwelliger ist das Internet. Ihr könnt neben dem Programmpic auch beispielsweise unsere oder andere ace-zentrische Postings teilen. Außerdem gäbe es schöne Podcastfolgen von InSpektren und ziemlich aktuell ein Grundlagen-Interview mit Carmilla beim DLF nova.

Für das versprochene Programm in Textform bitte klicken: (mehr …)

Endlich auf Deutsch: Loveless von Alice Oseman

Nachdem wir 2020 die englische Version von Alice Osemans Loveless besprochen hatten, erreichte uns 2021 vom Loewe-Verlag eine erfreuliche Nachricht. Das Buch sollte auf Deutsch erscheinen. Ob AktivistA ins Verzeichnis nützlicher Adressen dürfte?

Natürlich haben wir zugestimmt. Und sogar ein Belegexemplar bekommen! Dies ist also das erste Mal in meinem Leben, dass ich (Carmilla) ein Belegexemplar rezensiere. (Eine weitere Vergütung dieser Rezension ist nicht erfolgt. Wir wurden außerdem nicht um Werbung gebeten.)

Ganz kurz noch mal: Worum geht es bei Loveless?

Die achtzehnjährige Georgia ist zum Schulabschluss noch ungeküsst. Im ersten Semester an der Uni will sie dringend etwas daran ändern. Schließlich möchte sie nicht Loveless sein — ohne Liebe. Dazu bittet sie ihre Mitbewohnerin Rooney um Rat. Alles gerät außer Kontrolle, als Rooney auffällt, dass Georgias bester Kumpel in sie verliebt ist. Rooney ermuntert Georgia, da etwas draus zu machen, obwohl Georgia (noch?) gar nicht zurückverliebt ist.

Kleine Kritteleien

Es gilt zu beachten, dass die Rezensentin häufiger dafür bezahlt wird, anderer Menschen Texte zu lektorieren oder korrigieren. Persönlich hätte ich als Lektorin um weniger Kursive und Großbuchstaben gebeten. Zudem lässt der Buchsatz im Print an Sorgfalt zu wünschen übrig.

Was erwartet die Lesenden?

Ihr bekommt eine asexuell-aromantische Selbstfindung:

Ich hatte mein ganzes Leben damit verbracht zu glauben, dass romantische Liebe auf mich wartete. Dass ich sie eines Tages finden würde und dass ich dann endlich glücklich sein würde.

So was habe ich auch mal geglaubt. Insofern ist das nicht nur ein Buch für Aces, sondern auch für solche, die vielleicht einen Stups in die Richtung aro und/oder ace brauchen. Und zuletzt für alle, die Romane mögen, in denen Freundschaften gefeiert werden.

Dazu serviert Oseman Irrungen fast Shakespear’schem Ausmaßes, viel Humor, kluge Gedanken über die Natur der Liebe und ein völlig unromantisches Happy End.

Der Stil ist locker-flockig. Oseman beherrscht ihre Spannungsbögen und zeichnet außerdem liebevoll runde Figuren, die ich einfach umarmen will.

Auch an der Qualität der Übersetzung ist nicht zu kritteln. Die lässt nicht ahnen, dass ein englisches Original dahintersteckt.

Formalia

Alice Oseman: Loveless: Wann endlich beginnt meine Story? Erhältlich überall im Buchhandel unter der ISBN 978-3-7432-1219-0 (Taschenbuch) oder ISBN 978-3-7320-1751-5 (ePUB).

Für mehr: Vorstellungsseite des Verlags.