Kategorie: Vortrag

„Wir, die Anderen und die Neurobiologie“

… so lautete der Titel des Vortrags, den ich aushilfsweise am 15.09. bei der AktivistA 2018  gehalten habe.

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Wo es um die „Wir-Gruppe“ gegen „die Anderen“ geht, setzt das mit den überlegten Entscheidungen oftmals aus. Überlegung war, dass Menschen hoffentlich bessere Entscheidungen treffen, wenn sie wissen, wir ihr Gehirn funktioniert.

Zuerst musste ich aber beweisen, dass „Ich habe keine Vorurteile und bin nicht rassistisch“ etwas ist, womit sich Menschen gerne mal in die eigene Tasche lügen. Tatsächlich ist das mit dem „Wir sind super, die Anderen sind bäh“ schon bei Schimpansen zu beobachten, nämlich in Form von Assoziationstest. Bilder von der Fremdgruppe in Kombination mit leckerem Obst erzeugen bei den getesteten Tieren im Schnitt eher kognitive Dissonanz als in Kombination mit Spinnenviehzeugs. Mit Bildern aus der eigenen Gruppe läuft es genau umgekehrt. Offenbar ist also schon bei diesen unseren entfernten Verwandten eine Neigung vorhanden, die eigene Gruppe mit leckerem Obst zu vergleichen, die Fremden aber mit ekligen Krabbeltieren.

Befragungen bei US-amerikanischen Kindergartenkindern (also im Alter 3 bis 4 Jahre) ergeben, dass sie Gesichter aus der eigenen Ethnie besser einschätzen können und Gesichter aus anderen Ethnien eher als bedrohlich und wütend einstufen.

Bei Erwachsenen, die (Bilder von) Menschen anderer Ethnien sehen, dauert es im Schnitt 50 Millisekunden, bis in ihrem Hirn die Amygdala aktiv wird. Diese Struktur ist für Furcht und Angst zuständig.

Apropos Amygdala. Wenden wir uns dem Gehirn zu.

Das Gehirn hat, sehr grob ausgedrückt, drei funktionelle Schichten. Die Schicht 1 ist für automatische Prozesse wir Hunger, Verdauung, Tempeaturregulierung und Blutdruck zuständig.

Die Schicht 2 ist das Limbische System. Es ist besonders in Säugetieren stark ausgeprägt und für Emotionen zuständig. Hier liegt die Amygdala, die eben für Furcht und Angst zuständig ist, und manchmal auch für gewaltsame Reaktionen auf diese Gefühle.

Außerde wichtig ist der Insellappen. Der ist ursprünglich für Ekel aufgrund von Sinnesreizen zuständig. Die Evolution ist aber eine faule Socke und die Moral ist erdgeschichtlich sehr jung. Deswegen ist für Dinge, die wir unfair finden, ebenfalls der Insellappen zuständig — wir empfinden moralischen Ekel.

Die Schicht 3 liegt vor allem in der Hirnrinde. Hier werden Sinnesreize eingeordnet, das Gedächtnis gebildet, Probleme logisch zerlegt und gelöst, es wird vom Speziellen auf das Allgemeine abstrahiert und auch dafür gesorgt, dass wir auf eine aufgeschobene Belohnung akzeptieren – wie die Bikinifigutr nächsten Sommer, wenn wir jetzt auf Süßes verzichten.

Der neueste Teil der Hirnrinde heißt Präfrontaler Kortex. Er ist der „oberste Bestimmer“, und unterhält sich sehr viel mit dem Limbischen System. Gleichzeitig dient er als Impulskontrolle und Hirn-zu-Mund-Filter. Der Präfrontale Kortex entwickelt sich erst im Laufe der Pubertät richtig und ist mit etwa Mitte zwanzig beim Menschen ausgereift. Auf jeden Fall beweist diese Struktur, dass im Menschen keine Trennung zwischen Denken und Fühlen stattfindet. Die Gefühle entscheiden, was wichtig ist, dann kann die Logik auf die Umsetzung hinarbeiten. Ohne Gefühle funktioniert zwar die Logik, aber diese hat keinen Antrieb.

Nun sollte mensch meinen, dass das alles immer von oben nach unten geht: Schicht 3 sieht Kekswerbung, Schicht 2 meldet Gelüste, Schicht 1 signalisiert Hunger. Andersrum geht’s aber auch: Von den wackeligen Knien auf der Hängebrücke zum Flirt in drei, zwei, eins.

Manchmal ist der Präfrontale Kortex auch komplett ausgesperrt. Wahrscheinlich jedes Mal, wenn US-amerikanische Polizisten erst auf einen Schwarzen Menschen schießen und dann später ermitteln, dass er ein Telefon statt einer Waffen in der Hand hielt, war die Amygdala schneller als der Rest des Hirns.

Und wieso teilen wir Menschen in Gruppen?

Der derzeitige Stand der Wissenschaft ist, dass Evolution Folgendes bedeutet: Jeder Organismus ist darauf aus, so viele Kopien seiner Gene wie möglich weiterzugeben.

Das kann ein Organismus in direkter Konkurrenz erreichen: Zwei XY-Chromosom-Tiere streiten sich im ein XX-Tier. Oder andersrum.

Manchmal ist Kooperation eine Möglichkeit. Denn Geschwister von denselben Eltern haben ja den gleichen Satz Gene. Wenn ich also einem meiner Geschwister helfe, sich fortzupflanzen, dann ist das evolutionär gesehen genauso, wie wenn ich mich direkt fortpflanze.

Mit ein bisschen Abstrichen funktioniert das auch bei entfernteren Verwandten wie Tanten, Onkels, Halbgeschwistern, Cousins, Cousinen und Genichter. (Das ist eine Wortschöpfung statt „Neffen und Nichten“.)

Deswegen heißt das Prinzip auch Verwandtenselektion.

Es gibt noch eine Pseudoverwandtenselektion. Wenn ich nämlich eine mir unbekannte Person treffe, die ein auffälliges Merkmal mit mir teilt, kann ich davon ausgehen, dass bei uns ein Teil der Gene gleich ist. Handelt es sich um, sagen wir, einen grünen Bart, entsteht das, was in der Verhaltensforschung Grünbarteffekt heißt: Die Grünbärte schließen sich aufgrund der angenommenen Verwandtschaft zusammen, kooperieren und sind langfristig erfolgreicher als Individuen, die nicht kooperieren.

Nachteil an der ganzen Sache ist, dass es fast unmöglich ist, sich diese Kooperation ohne eine „Gegen“ zu denken. Wir setzen unsere Gene entweder gegen eine feindliche Umwelt durch oder gegen eine konkurrierende Gruppe.

Anderswo hatte ich auch schon bewiesen, dass die Amygdala dafür zuständig ist, die Umwelt zu beobachten und Neues mit potentieller Gefahr gleichzusetzen.

In Kombination mit der Verwandtenselektion hat die Amygdala deshalb eine Lerndisposition für Angst vor Fremdgruppen. Das heißt: Menschen lernen leichter, Angst vor Menschen aus anderen Ethnien zu haben, als Angst vor Katzen oder Hunden.

Einmal gelernt gibt Bauchgefühl.

Habe ich nun Angst verinnerlicht, passiert bei einer Konfrontation mit einer Fremdgruppe Folgendes.

Schritt 1: Mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich eine Person irgendwie nicht gut finde und misstrauisch sein sollte.

Schritt 2: Mein Präfrontaler Kortex erklärt mir, warum ich das Bauchgefühl hatte und bemüht dazu wahrscheinlich jedes mir bekannte Vorurteil als Argument.

Das Prinzip heißt Rationalisierung. Unser „oberster Bestimmer“ ist in so einem Fall nur dazu da, uns zu erklären, dass unser Bauchgefühl recht hatte. Und übt ansonsten hoffentlich seine Funktion zur Impulskontrolle aus.

Ein schönes Beispiel war ja Angela Merkels Bauchgefühl zwecks Ehe für Alle. Sie war wenigstens ehrlich und hat nur das Bauchgefühl angeführt, statt mit Pseudo-Argumenten zu arbeiten.

Aber es wird noch komplizierter.

  1. Menschen mit niedriger Ekelschwelle sind häufig auch gesellschaftlich konservativer eingestellt und eher bereit, „die Anderen“ für moralisch eklig zu halten. Ihr Insellappen ist also ein bisschen hyperaktiv und daher eher bereit, auch Menschen für ihr Verhalten oder ihre bloße Existenz eklig zu finden.
  2. „Willenskraft“ ist ein äußerst akkurates Sprachbild. Der Präfrontale Kortex hat nämlich einen enormen Energiebedarf. Der Beweis sind alle, die sagen: „Prüfung direkt vor der Mittagspause? Oh, oh.“ Es gibt darüber auch eine Studie mit US-amerikanischen Richter*innen, die über Freilassung auf Bewährung von Strafgefangenen zu entscheiden hatten. Mindestens zehn Fälle am Vormittag. Das Gesuch wurde umso eher abgelehnt, je weiter weg das Frühstück war. Auch Menschen, die durch eine  Matheaufgabe abgelenkt sind, äußern  mehr Vorurteile, da der Hirn-zu-Mund-Filter anderweitig beschäftigt ist.
  3. Der Präfrontale Kortex ist außerdem sehr stressanfällig. Je mehr das Dauerstresshormon Cortisol im Körper strömt, desto schlechter unterhalten sich die zugehörigen Nervenbahnen mit dem Rest, und desto schlechter bildet der Präfrontale Kortex neue Vernetzungen.  Akuter Stress beeinträchtigt also das innerliche Zurücktreten und nochmal Nachdenken. Wir fallen dann in bewärhrte Muster zurück. Dauerstress in der Kindheit behindert die gesamte Entwicklung einer Impulskontrolle.
  4. Die „grünen Bärte“ (die Pseudoverwandtschaft) ist oft extrem willkürlich, es handelt sich eher um gefärbte grüne Bärte. So halten wir auch Menschen mit derselben Religion für unsere Verwandten, oder Fans des gleichen Fußballklubs. Manchmal machen wir an einem Stück Kleidung fest, ob eine Person zu unserem oder einem anderem Kulturkreis gehört, und ob wir sie verachten oder nicht.
  5. Alle grünen Bärte sind extrem kontextabhängig, wenn jemand zum Beispiel nicht an Schwarze Menschen vermietet, es sei denn, sie sind katholisch.
  6. Die meisten Gehirne sind anfällig für das sogenannte Priming — unterschwellige Beeinflussung. Stinkende Mülleimer führen dazu, dass der moralische Ekel erhöht ist und Menschen im Schnitt konservativer urteilen, sich also auf ihre gelernten Furchtmechanismen verlassen. Ein Klassiker ist auch das Experiment mit asiatischen Frauen und Mathematik.
  7. Nicht selten geht es auch um Wertekonflikte — „*isten!“ und „Volksverräter!“ beschimpfen sich gegenseitig und kommen nicht weiter. Hier streitet sich die Gruppe, die Freiheit und Gerechtigkeit bevorzugt, mit Menschen, die Loyalität und „heilige Reinheit“ wichtiger finden. Menschen, denen die Loyalität in der Eigengruppe wichtig ist, sind eher bereit, Ungerechtigkeiten innerhalb der Grupe zu ertragen, Menschen, die es wichtiger finden, ein Ehegespons innerhalb der Gruppe zu finden als einen netten Menschen, nehmen Einschnitte in der Freiheit eher hin. Somit ist es für Diktaturen von Interesse, möglichst viele Untertanen aus der zweiten, autoritätsorientierten Gruppe zu haben.

Von klaren Einschätzungen kann also selten die Rede sein.

Alle die oben genannten Gründe führen zu Wahrnehmugsverzerrungen — Biases.

„Wir sind Helden!“

Es gibt eine Eigengruppenbevorzugung. Menschen reagieren auf besorgte Gesichter aus der Eigengruppe mit mehr Empathie als auf besorgte Gesichter der Fremdgruppe. „Wir“ halten uns für korrekter, klüger, können besser Kinder erziehen, Krieg führen oder die Wirtschaft leiten. „Wir“ haben die höher entwickelte Kultur und sowieso den besseren Draht zu den höheren Mächten. Und so weiter.

Dies bedeutet neben einer Selbstüberhöhung auch oft eine Selbstüberschätzung.

Vergehen aus der Eigengruppe an der Eigengruppe werden differenziert betrachtet und die Umstände hinterfragt.

Ganz im Gegensatz zu den Anderen, der Outgroup.

„Die sind alle gleich (doof)!“

Schadet nämlich ein Mitglied der „Anderen“ einem der „Unseren“, heißt es: Klar, „die“ bauen Mist, weil „die“ eben so sind.

Wir halten Mitglieder der Anderen, der Outgroup, für eine gesichtslose Masse aus Wesen, die alle die gleichen Ziele und schlechten Eigenschaften haben. Sie sind mal einfach/kindlich und mal mysteriös/bedrohlich. Auf jeden Fall sind sie homogen und uniform. Es werden keine Einzelpersonen wahrgenommen. „Die“ waren schon immer so und werden immer so sein. Ihre „Essenz“, ihr innerstes Wesen, unterscheidet sich fundamental von „Uns“ und ist unveränderlich.

Diese Fehleinschätzung nennt sich Essentialismus.

Die Anderen muss ich nicht ernst nehmen.

Es folgt also oft neben der Selbstüberschätzung eine Abwertung der Outgroup. Vor allem, wenn sich diese Outgroup beklagt, wie sie behandelt wird, sorgt die Ingroup mit Abwertungsmechanismen dafür, dass man die Outgroup nicht ernst nehmen muss.

Als da wären:

  1. Ein Vergleich mit einer anderen verachteten Gruppe, z.B. (psychisch) kranke Menschen, Frauen, Schwule.
  2. Eine Unterstellung der (geistigen) Inkompetenz,also die Behauptung, dass die Person sowieso nicht weiß, was sie tut. Dies überschneidet sich mit Punkt 1.
  3. Sexualisierung: Eine Person wird auf ihren Körper und das reduziert, was sie mit ihren Geschlechtsteilen tut.
  4. Moralische Abwertung: Personen seien entweder „primitiv/unzivilisiert“ oder darauf aus, andere für ihre Ziele zu manipulieren. Damit rücken diese Vorwürfe in die Nähe zu Verschwörungstheorien. (Auch Faschisten bauen ja gern mal eine Theorie auf, dass „die bösen Sowieso“ nur daran interessiert sind, ihr Heimatland abzuschaffen.) Paradebeispiel ist hier die omninöse Homolobby. Menschen, die an die Homolobby glauben, nehmen an, dass alle(!) schwulen, bisexuellen, lesbischen, asexuellen, pansexuellen, transgender, transsexuellen und queeren  Menschen nichts Besseres zu tun haben, als Kinder frühzusexualisieren.

Der Extremfall der Abwertung ist die Pseudospezifikation. Wir vergleichen die Outgroup mit einer anderen Spezies, seinen es Gorillas, Ratten, Ungeziefer, Zecken. Oder noch heftiger: Etwas, das gar kein Lebenwesen mehr ist. Geschwüre, ein Haufen Dreck oder eine Flüchtlingswelle gefällig?

Meine ausführliche Serie über Wahrnehmungsverzerrungen und was sie für das Leben in der Outgroup bedeuten, ist auf meinem Privatblog.

Damit es nicht zu deprimierend wird: Lösungsvorschläge.

Zum einen gibt es die Möglichkeit akuter Löschversuche:

  1. Sachlich bleiben und jegliche Argumentation logisch hinterfragen. Manche Verschwörungstheoretiker entlarven sich sehr einfach selbst, wenn sie beispielsweise die Eurokrise den Flüchtlingen ankreiden.
  2. Beschimpfungen führen noch eher dazu, dass abgeblockt wird. Wenn ich meiner Wut Luft mache, darf ich nicht erwarten, dass die andere Partei mehr wahrnimmt, als dass sich wütend bin.

In der Regel fallen derlei Versuche bei Menschen mit sehr starken Meinungen auf taube Ohren. Derlei Strategien nützen also nicht direkt, sondern indirekt, weil andere zuhören oder mitlesen, die vielleicht noch keine abschließende Meinung haben oder nicht so emotional involviert sind, dass sie nicht mehr für Logik zugänglich sind.

Sobald es um Werte geht, ist eh im Akutfall Hopfen und Malz verloren. Da kann eine dann nur hoffen, dass alle Beteiligten daran interessiert sind, einen zivilen Kompromiss zu finden. Unglücklicherweise haben wir gerade den Fall, dass eine Partei im Bundestag sitzt, die eben daran nicht interessiert ist und mit ihrer Propaganda dafür gesorgt hat, dass sich die Grenzen des moralisch akzeptablen zugunsten autoritärer, faschistoider Gedanken verschiebt.

Gründlicher geht es eventuell mit der Erziehung.

Vorausgesetzt, das Kind konnte eine Impulskontrolle ungestört entwickeln, ist also weder Opfer von Missbrauch noch Misshandlung geworden, musste nicht den traumatischen Verlust einer Bezugsperson verarbeiten, ist nicht in einem Kriegsgebiet oder in Armut (und damit dauerndem Neid) aufgewachsen … dann ist das mit dem Präfrontalen Kortex nämlich ein Münzwurfspiel.

Ansonsten kann ich:

  1. Hinterfragen lehren. Sind „die Anderen“ wirklich Schuld an einer Situation, oder sind sie nur die Sündenböcke? Wer profitiert von einer solchen Beschuldigung? Wo ist das Geld und die Macht? Wie gesagt, Faschisten sind exzellent darin, Verschwörungstheorien aufzubauen.
  2. Wahrnehmung von Individuen fördern. Wer sich vor einem Urteil überlegen muss, welches Lieblingsessen eine Person aus der Outgroup hat, urteilt differenzierter. Auch Menschen, die in einer diversen Umwelt aufwachsen, neigen weniger zu Hass auf „Andere“.
  3. Menschen darauf hinweisen, wie Stereotype und Wahrnehmungsverzerrungen funktionieren. Niemand ist frei von Vorurteilen. Wir können unserem Gehirn die einmal gelernten Reaktionen der Amygdala kaum abtrainieren. Wir können aber lernen, wann es wichtig ist, nochmal durchzuatmen und nicht auf unseren Bauch zu hören, sondern zu warten, bis sich die Menschlichkeit meldet.
  4. Und vor allem: Wenn wer behauptet, andere Menschen seien eklige Krabbeltiere oder sie anderweitig entwertet: Auf Abstand gehen. Nicht glauben und andere darauf hinweisen, dass ein derartiger Vergleich kein akzeptables Argument ist. (Alldieweil muss eine sich dann auch mal an die eigene Nase fassen. Gauland und Konsorten sind ja weder blöd noch geisteskrank, und ein deraartiger Vergleich ist kein Argument.)

 

Und damit sind wir bei meinen Quellen:

„Gewalt und Mitgefühl – Die Biologie des menschlichen Verhaltens“, Robert Sapolsky

„Schnelles Denken, langsames Denken“, Daniel Kahnemann

„Excluded – Making feminist and queer movements more inclusive“, Julia Serano

AktivistA 2018: Vorläufiges Line-up für die Vorträge

Kurz vor Beginn der CSD-Saison haben wir mittlerweile auch die Themen der Vorträge für die AktivistA 2018 im September.

In noch ungeklärter Reihenfolge dürfen wir präsentieren:

Balthazar vom Podcast Buchstabensuppe: „Männlich/Weiblich/Meins! – Nichtbinäre Geschlechter und die Dritte Option“

Carmen/DasTenna (vom Blog Das Nixblix): „Danke, aber meine Worte gefallen mir besser.“ – Über Deutungshoheit und wie wir sie erlangen können“

Selma von SCHLAU RLP: „Asexualität in der Schulaufklärung“

Außerdem planen wir einen kleine Brainstorm-Session zum Thema „Was braucht die Community?“

Wir sehen: Ein bunter Mix mit Blick über den Tellerrand.

Bis dahin hoffen wir, euch möglichst zahlreich auf den verschiedenen Veranstaltungen zu treffen.

Konferenz: Bitte um Beiträge/Call for Submissions

Auch dieses Jahr wird es eine neue Auflage unseres überregionalen Treffens mit Konferenz geben, und zwar vom 14. bis 16. September. (Details und Anmeldung wie immer auf einer eigenen Unterseite.)

Diesmal haben wir vier offene Slots für Beiträge.

Falls hier wer mitliest und uns am Samstag, den 15. September in Stuttgart mit einem ca. 45-minütigem Vortrag oder Workshop beehren möchte, oder einen Kurzfilm zu zeigen hat, oder, oder, oder, schreibe uns bitte über das Kontaktformular oder an die Mailaddresse corinna(bei)asex-web(punkt)de.

Wir freuen uns über asex-spezifische Themen genauso wie über Einblicke in andere Teile des Akronyms (LSBTTIQAPetc.), außerdem über alle anderen Themen, die sich mit A_sexualität überlappen. Wir erwarten ca. 25 bis 35 Menschen mit sehr unterschiedlicher Vorbildung zu diesen Themen.

Wie gehabt tragen wir gerne die Fahrtkosten.

AktivistA 2017 – Schön/anstrengend

oder: Eine Rekapitulation der AktivistA 2017 – Konferenz und überregionales Treffen für deutschsprachige a_sexuelle Menschen

Weil das Wetter zu wünschen übrig ließ, hier ein Eindruck des Zentrums Weissenburg von außen von einem anderen Jahr:

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Innen hatten wir wie immer gebeten, das Fotografieren zu unterlassen, um nicht unabsichtlich Menschen zu outen.

Schon am Freitagabend hatten sich einige Menschen, die früher angereist waren, zum Essen getroffen.

Am Samstag begann dann offiziell um kurz vor zehn unsere Veranstaltung mit einer kleinen Rede meinerseits und einer Vorstellungsrunde.

Als erstes durften wir dann Jordan T. A. Wegberg begrüßen, von Berufs wegen Autor und Übersetzer, der letztes Jahr bei der EuroPride Con auf unsere Minderheit aufmerksam wurde und beschloss, das Thema gleich in seinem nächsten Werk zu berücksichtigen. Dieses hatte zum Zeitpunkt der Konferenz noch keinen Verlag – wenn sich also wer bemüßigt fühlt, hier ist ein Prozent der lesenden Bevölkerung, die das Teil fast unbesehen kaufen würde …

Trotzdem bekamen wir einen exklusiven Einblick in die Entstehungsgeschichte des Romans – Recherchequellen und die ultrageheimen Fotos eingeschlossen, die als Vorbilder für die Protagonisten dienen. In der zweiten Hälfte des Vortrags las Jordan T.A. Wegberg aus jenem Nebenhandlungsstrang, in dem A_sexualität besonders zum Tragen kommt, und wurde gleich noch gelöchert, was denn die Betaleser*innen dazu zu sagen gehabt hätten. Für eine noch offene Frage fand Jordan dann hoffentlich im persönlichen Gespräch mit anderen Anwesenden eine passende Antwort.  Mehr wird nicht verraten, außer, von einer nicht ganz so renommierten Kollegin: Das Ace in der Geschichte fühlt sich sehr wahrhaftig an und der Rest klingt auch schweinemäßig spannend.

Überbrückt werden kann die Wartezeit unter anderem mit „Meine Mutter, ihr Exmann und ich“.

Da Annika Spahn erkrankt war, aber die Folien geschickt hatte, gab es ein von Yannic und mir moderiertes Gespräch über die Folien, das sich zu einer längeren Diskussion auswuchs – Details folgen in einem eigenen Beitrag.

Die Diskussion zog sich auch deswegen, weil die Pizza nicht so schnell eintraf wie erhofft. Hier vielen Dank an Jürgen, der sich über die Bestellung den Kopf zerbrochen hat und mit dem Online-Auftritt des Restaurants kämpfte, während der Rest der Anwesenden Jordan Wegberg lauschen konnte.

Die Pizza entschädigte allerdings mit u.a. erstaunlich viel Käse (für die nicht-veganen Menschen) für ihr verspätetes Eintreffen und hielt dementsprechend lange vor.

Etwas verspätet stürzten wir uns dann auf Punkt Drei: PANdemiC gab einen kurzen Einblick in die Polyamorie, sowie deren Vorteile und Gefahren für a_sexuelle Menschen. Auch dazu später mehr.

Als vierten Programmpunkt sahen wir einen Bachelor-Kurzfilm, „Herz Ass“, der demnächst bei YouTube verfügbar sein wird. KEINE neuerliche Doku, wie manche schon befürchtet hatten, sondern wirklich eine künsterlisch wertvolle Erzählform. Die Regisseurin gab nach der Vorführung Einblicke in den Entstehungsprozess mit Recherche. Der Film wurde realisiert mit einem Budget von unter 1000 Euro, von einer Erstlingsregisseurin innerhalb von ca. drei Monaten geschrieben und gedreht: Hut ab für das Ergebnis.

Für Gänsehautfeelnig sei empfohlen, den Film nicht auf einem Laptop, sondern einer Leinwand zu genießen.

An dem Werk entzündete sich eine längere Diskussion – wer fand sich wo in der Geschichte wieder? Was war vielleicht problematisch? Würden wir das weiterempfehlen?

Schlussendlich: Keine Geschichte kann das Erleben aller a_sexuellen Menschen widerspiegeln. Aber sie kann darauf hinweisen, dass wir existieren, dass wir viele sind, dass es völlig in Ordnung ist, sich eine Beziehung ohne Sex zu wünschen, und dass diese trotz gegenteiliger Vorstellungen der Gesellschaft zählt.

Und wie im letzten Jahr kamen wir zu dem Schluss, dass es mehr Geschichten braucht.

Eigentlich hatten wir geplant, danach noch eine Diskussionsrunde zu veranstalten. Obwohl der Verein den Input zu schätzen gewusst hätte: Allen rauchten nach den vier Beiträgen die Köpfe, sodass wir gleich zum geselligen Teil des Abends übergingen.

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Früher Szenetreffpunkt, heute Automatencasino – sic transit gloria mundi? Foto von DasTenna.

Am Sonntag führte uns der wunderbare Sven von Schwulst e.V. durch die schwullesbische Geschichte Suttgarts.  Ein Bunkerhotel, ein Stolperstein und zwei schwule Könige – und das ist nur der Anfang … Die warmen Seiten der Stadt sozusagen, während uns wieder ein recht kühles Lüftchen umwehte. Auch manch zitiertes Schriftstück aus dem Dritten Reich verursachte ein Schauern, da es unangenehm an aktuellere Äußerungen seitens rechtskonservativer Parteien erinnerte.

Aber wenigstens schien am Vormittag die Sonne.

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Gegenüber des Rotlichtviertels dann ehrbare und religiös motivierte Baukunst.  Foto von DasTenna.

Die Szeneführung sei hiermit allen ans Herz gelegt, die es zu einem passenden Termin in die Landeshauptstadt Baden-Württembergs verschlägt.

Danach eigentlich schon geplättet, zogen die anwesenden Vereinsmitglieder zu ihrer jährlichen Versammlung weiter – rauchende Köpfe, Teil 2. Die Ergebnisse trefft ihr hoffentlich demnächst hier auf dieser Seite und anderswo.

AktivistA 2017 – letzter Programmteil für Samstag steht

Tusch und großer Vorhang:

Unser Aufruf bzw. Call for Submissions vor einigen Wochen war erfolgreich!

Der fantastische Jordan T. A. Wegberg wird uns beehren. Geplant ist eine Mischung aus einer Lesung aus einem noch nicht veröffentlichten Skript, dessen eine Hauptfigur a_sexuell ist, Informationen über die diesbezügliche Recherche und Diskussion über eigene Erfahrungen der Zuhörenden.

Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass mensch Jordan mit Genuss lauschen kann (sofern mensch nicht gehörlos ist).

 

AktivstA 2017: Programm und Call for Submission

Ein halbes Jahr vor der Konferenz mit überregionalem Treffen, kurz AktivistA 2017, haben wir folgenden Stand zum Programm:

Am Sonntag gibt es diesmal eine Führung durch die SchwuLesBische Stadtgeschichte.

Für den Samstag haben wir Zusagen von Annika Spahn (Regenbogenreferat Uni Freiburg), von der Regisseurin des Kurzfilms „Herz Ass“, den wir auch anschauen werden, und von Elli (vom Handyfeuerzeug), die ebenfalls die Popkultur in Form von Spielfilmen und Comics unter die Lupe nehmen wird. PANdemiC (bekannt unter diesem Namen aus dem AVEN-Forum) wird über „Vorteile und Gefahren nicht-monogamer Beziehungsformen für Aces und Aros“ sprechen.

Und damit kommen wir zum zweiten Teil:

Call for Submission

Wir haben fünf Plätze zu vergeben, aber bislang nur vier Vortragende. Falls hier wer mitliest und und uns gerne am 16. September in Stuttgart mit einem ca. 45-minütigem Vortrag beehren möchte, schreibe uns bitte über das Kontaktformular oder die Mailaddresse corinna(bei)asex-web(punkt)de.

Wir freuen uns über asex-spezifische Themen genauso wie über Einblicke in andere Teile des Akronyms (LSBTTIQAPundsoweiter) bzw. deren Überlappungen mit A_sexualität. Wir erwarten ca. 25 bis 35 Menschen mit sehr unterschiedlicher Vorbildung zu diesen Themen.

Die Fahrtkosten können wir je nach Höhe ganz oder größtenteils erstatten.

AktivistA 2016, Teil 3 von 5: Besonderer Beratungsbedarf & Grundbegriffe geschlechtlicher Vielfalt

Isabelle Hlawatsch ist eine Sprechende des Netzwerks LSBTTIQ Baden-Württemberg, betreut die Gruppe „Teen Gender“ in Ulm und leitet eine Beratungsstelle, die unentgeltlich Beratungen für transsexuelle, transgender und intersexuelle Menschen anbietet.

Bei ihrem Vortrag ging es also um jenen Aspekt der sexuellen Vielfalt, der mit Gender, Geschlecht und Geschlechtsidentität zu tun hatte.

Zuerst versuchte sie mit uns zu ergründen, welche Facetten „Geschlecht“ eigentlich hat. So gibt es ein biologisches Geschlecht (feststellbar am Chromosomensatz), das juristische Geschlecht, das bei der Geburt von Außenstehenden anhand der sichtbaren anatomischen Merkmale festgelegt wird und das der Staat so übernimmt, und, manchmal im Widerstreit dazu, das „Ich-Geschlecht“.

Was meinen wir mit den Begriffen? Welche Schwierigkeiten haben Menschen, die sich darunter verorten?

Alle Zitaten von der Netzwerkshomepage.

Intersexualität ist eine natürliche Ausprägung des menschlichen Körpers, auch in der Kombination von körperlichen Anlagen gibt es eine immense Vielfalt. Als intersexuell benennen sich Menschen, deren Körper nicht der medizinischen Norm von „eindeutig männlich“ oder „eindeutig weiblich“ zugeordnet werden kann, sondern sich aufgrund verschiedener medizinischer Merkmale in einem Spektrum dazwischen bewegt.“

Es kann eine körperliche, genetische oder endokrinologische Intersexualität vorliegen.

Obwohl sich die rechtliche Lage gebessert hat und es möglich ist, ein intersexuelles Kind ohne juristisches Geschlecht zu belassen, kommt es immer noch vor, dass Kinder, die körperlich nicht eindeutig zuzuordnen sind, per Operation einfach zugeordnet werden. Eine Beratung für die oftmals überforderten Eltern ist leider noch nicht verpflichtend, zumal diese oft von außen einem gewissen Druck ausgesetzt sind. Noch immer ist die häufigste Frage Außenstehender: „Was wird/ist es denn?“ Hier gegenüber dem Bekanntenkreis, Familie und auch z.B. einem Kindergarten selbstbewusst zu bleiben, kann sehr anstrengend sein.

In Sachen Transsexualität/Trassexus und Transgender stimmt das Ich-Geschlecht nicht mit dem Geschlecht überein, das derjenigen Person bei der Geburt zugeschrieben wurde.

„Als transsexuell werden Menschen bezeichnet oder bezeichnen sich selbst, deren Identitätsgeschlecht nicht mit ihrem anatomischen Geschlecht übereinstimmt und/oder von dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, abweicht. Transsexuelle Menschen ergreifen oft (aber nicht immer) Maßnahmen, um ihrem Identitätsgeschlecht auch körperlich zu entsprechen (z.B. Hormontherapien oder geschlechtsangleichende Operationen). Transsexuelle Menschen haben in der Regel eine eindeutige Zuordnung in Bezug auf das eigene Geschlecht.“

„Als transgender identifizieren sich Menschen, die sich mit ihrem geschlechtlichen Selbstverständnis nicht in einem zweigeschlechtlichen Gesellschaftsbild wiederfinden. Der Begriff kann sich auch auf Menschen beziehen, die sich zwischen den Geschlechtern verorten oder sich selbst keinem Geschlecht bzw. sich situativ und/oder temporär einem Geschlecht zuordnen. Transgender wird aber auch oft bewusst anstelle von „Transsexualität“ gebraucht, da der Begriff sprachlich keinen Bezug zu Sexualität herstellt. Der Begriff transgender ist dabei viel weiter gefasst und beinhaltet nicht zwingend, dass sich Identitätsgeschlecht und anatomisches Geschlecht in einem Widerspruch zueinander befinden.“

Es hat sich noch nicht herumgesprochen, dass in diesen Fällen das Wissen der Person um ihr Geschlecht und nicht die Meinung der anderen Leute ausschlaggebend sein sollte.

In diesem Zusammenhang ein Hinweis: Eine höfliche Frage ist besser als ewiges Rätselraten und schiefe Blicke: „Wie heißt du und soll ich dich ansprechen?“

Über die Zahlen von transsexuellen und transgender Menschen gibt es widersprüchliche Aussagen. Isabelle zitiert eine Zahl, dass ca. 2% der Bevölkerung in der „Genderfindung“ sind oder sich schon einmal mit solchen Fragen beschäftigt haben.

Weil das juristische Geschlecht in Deutschland in etwa die Beweglichkeit des Matterhorns hat, ist die Änderung des Eintrags extrem hindernisreich. Die Person, die sich eine solche Personenstandsänderung wünscht, muss zwei psychiatrische Gutachten vorlegen, die sie selbst zu finanzieren hat, und die nur nach Ermessen des Gerichts ausreichen (heißt, mit Pech ist ein drittes Gutachten von einer anderen Stelle fällig). Ein solches Verfahren dauert sechs bis neun Monate, und auch hier müssen die Kosten selbst übernommen werden. Die Änderung des Vornamens läuft separat und kostet ebenfalls Geld.

Aus diesen Umständen ergibt sich ein besonderer Beratungsbedarf für intersexuelle, transsexuelle und transgender Menschen.

Weil in allen drei Fällen eine Pathologisierung vorliegt („selten“ wird als „nicht normal“ betrachtet und daher als „krank“), benötigen Betroffene Anprechpartner*innen außerhalb des medizinischen Systems.

Von Vorteil ist es, wenn mit den Beratenden wirklich geredet werden kann, es sich also um eine Peer-Beratung handelt. Heißt, es tauschen sich Menschen aus, die einen ähnlichen Hintergrund und ähnliche Erfahrungen haben. Peer-Beratende können oft mehr Echtheit und Wertschätzung vermitteln als Außenstehende.

Gute Beratung versucht, das Selbst gegen die Ansprüche von außen zu stärken. Komorbiditäten (also gleichzeitig vorliegenden Krankheiten) werden aufgegriffen. Da TTI-Personen als Minderheiten besonders belastet werden, treten Ängste und Depressionen häufiger auf als in der Gesamtbevölkerung. Letztere sind schwieriger zu behandeln, wenn das Thema TTI ignoriert oder als völlig unabhängig davon betrachtet wird.

Isabelle bemerkte noch, dass mittlerweile vermehrt Elternberatungen nachgefragt werden und stattfinden. Die Eltern werden hierbei im Umgang mit der Umwelt und dem Rest der Familie gestärkt, sodass ihr Kind sich ohne Druck von Außen entwickeln und finden kann.

Eigentlich sollte der Vortrag sich neben dem besonderen Beratungsbedarf von transgender, transsexuellen und intersexuellen Menschen auch dem von a_sexuellen Menschen zuwenden, leider reichte die Zeit nicht.

AktivistA 2016, Teil 5 von 5: Asexualität in Zeitungsartikeln

Fiammetta de Bornelh an den Tasten. Um euch ein bisschen zu verwirren, kommt nach der zwei die fünf. Im Folgenden also eine schriftliche Zusammenfassung meines Vortrags „Darstellung von Asexualität in deutsch- und italienischsprachigen Zeitungsartikeln von 2005 bis heute“. Sie fällt recht lang aus; wer sie sich zu Gemüte führen möchte, möge hier weiterlesen. (mehr …)

AktivistA 2016: Teil 2 von 5 – Workshop/Diskussion A_sexuelles Erzählen

Von „langweilig“ zu „neuer Trend“ …

Nachdem wir vorher etwas zur Darstellung asexueller Figuren gehört hatten, begann ich meinen eigenen Workshop mit zwei Zitaten, um die Angelegenheit von der handwerklichen Seite zu beleuchten.

Das erste ist von 2012, und stammt von Steven Moffat – jenem Autor, der den BBC Sherlock maßgeblich mit zu verantworten hat.

Dies ist der (gekürzte) Originalwortlaut:

There’s no indication in the original stories that he was asexual or gay. He actually says he declines the attention of women because he doesn’t want the distraction. (…) It’s the choice of a monk, not the choice of an asexual. If he was asexual, there would be no tension in that, no fun in that – it’s someone who abstains who’s interesting.

Auf Deutsch:

In den Originalgeschichten gibt es keine Hinweise, dass er asexuell oder schwul war. Er sagt ausdrücklich, dass er die Aufmerksamkeit von Frauen meidet, weil er die Ablenkung nicht wünscht. (…) Es ist die Wahl eines Mönchs, nicht die Wahl eines Asexuellen. Wenn er asexuell wäre, läge darin keine Spannung, es würde keinen Spaß machen – es sind die, die auf etwas freiwillig verzichten, die interessant sind.

Moffat verrät damit ein besorgniserregendes Konzept von A_sexualität oder, dass er sich mit der Materie gar nicht auskennt, obwohl er eine Figur geschrieben hat, in der sich viele a_sexuelle Menschen wiederfinden können.

Andererseits scheint es mittlerweile ein Trend, in der M/M-Liebesliteratur (also Liebesromane mit zwei Männern als Hauptfiguren, zu deutsch auch „Gay Romance“) asexuelle Figuren auftreten zu lassen.

Hierzu mein Verlagskollege T.A. Wegberg von Dead Soft über einen Vortrag bei einer Convention:

Die Popularität dieses Subgenres werde aber, so war zu erfahren, in den USA bereits übertroffen von „Asexual Romance“, also Liebesgeschichten mit allem Drum und Dran, aber ohne den Wunsch eines oder beider Partner nach einer sexuellen Beziehung. Wir können davon ausgehen, dass auch auf dem deutschsprachigen Buchmarkt künftig mehr davon zu lesen sein wird.

Offenbar bahnt sich eine 180-Grad-Wende an.

Ziel des Workshops war nun, zu erkunden, was Autorinnen eigentlich „interessant“ finden. Wie konstruieren wir Geschichten? (Notiz: Wir reden hier von handelsüblichen Geschichten, die sich tatsächlich auch verkaufen und nicht nur für ein Publikum aus Kritikerinnen interessant sind.)

Und dann freie Bahn für Diskussionen: Was finden wir als a_sexuelle Menschen interessant? Worüber möchten wir lesen? Was könnte für ein allosexuelles (= nicht-a_sexuelles) Publikum interessant sein?

Warum erzählen Menschen Geschichten?

Geschichten sind zunächst mündlich, später schriftlich aufbewahrte Lebenserfahrung. Was tue ich, wenn der Säbelzahntiger im Gras raschelt? Wie überliste ich einen Feind? Wie überlebe ich ein Familientreffen/die Zombieapokalypse?

Geschichten erzielen einen Lerneffekt, indem sie Menschen mit den Figuren der Geschichte mitleiden lassen.

Außerdem vermitteln sie Bedeutung: Den Ereignisse der Geschichte wird durch das Erzählen Wichtigkeit verliehen, sie interpretiert und deutet die erzählten Ereignisse. Und Menschen sind in der Regel sehr hungrig nach Deutungen und nach Bedeutung in dieser chaotischen Welt.

Was braucht eine Geschichte?

Der Lerneffekt entsteht durch Mitleiden – das Publikum wird in einen „fiktionalen Traum“ versetzt. Dazu benötige ich eine Hauptfigur, die zur Identifikation dient.

Die Ereignisse sollten in einer logischen Reihenfolge stattfinden: aus A folgt B, aus Aktion folgt Reaktion, aus der schlechten Kindheit des Protagonisten folgt … etc. Bei den Ereignissen in logischer Reihenfolge handelt es sich um diese ominöse Sache namens Plot.

Um den Lerneffekt vollständig zu machen und der ganzen Sache eine Bedeutung zu verleihen, muss die Geschichte ein Ende haben, das sozusagen eine Schlussfolgerung über die erzählten Ereignisse erlaubt.

Da eine Figur, die leicht durch’s Leben spaziert, nicht von Interesse ist, zwingt eine gute Geschichte sie von ihrem üblichen Pfad. Die Figur baut einen inneren Widerstand gegen die Kraft auf, die sie von ihrem Pfad zwingt: Das ist der erste Konflikt der Geschichte.

Für eine Story brauchen wir dann noch mehr von diesen Konflikten: Jede Figur der Geschichte vermutet ihr Lebensglück in einer anderen Richtung. Die Interessen der Figuren kollidieren, sie reiben sich aneinander, die Konflikte schaukeln sich auf bis zum Showdown, in dem der wichtigste Konflikt der Geschichte gelöst werden sollte.

Durch die Konflikte verändert sich nicht nur der Lebensweg der Figur, sie muss auch Entscheidungen treffen, die sie zu einer inneren Veränderung zwingen.

Frei nach Lisa Cron (s.u.) erzählt also eine Geschichte, wie sich eine Figur durch die Ereignisse der Geschichte verändert.

Fragen für die Diskussion:

Welche Geschichten über a_sexuelle Figuren kennt ihr?

Was hat euch daran gefallen oder gestört?

Welche Geschichten wollt ihr sehen/lesen?

Was daran wäre für ein allosexuelles Publikum interessant?

Gibt es Konflikte, die nur a_sexuelle Menschen/Figuren erleben können, und wenn ja, welche sind das?

Ideen aus der Diskussion:

Gesehen und nicht für gut befunden wurden Narrative, die sich über die „Seltsamkeit“ von a_sexuellen Menschen lustig machen.

Desgleichen gibt es Geschichten über a_sexuelle Figuren, in denen Sex in einer (romantischen) Beziehung als unabdingbar notwendig dargestellt wird. Auf die a_sexuelle Figur wird dann ein emotionaler Druck aufgebaut, bis sie „nachgibt“. Dies kommt einer Nötigung gleich, wird aber offenbar nur von a_sexuellen Menschen als verstörend wahrgenommen.

Gewünscht werden daher auch Geschichten, die eine Anleitung geben, wie über solche Konflikte gesprochen werden kann, sodass hinterher alle Beteiligten (und nicht nur der allosexuelle Teil) zufrieden sind. Dass eine zufriedenstellende Lösung auch eine einvernehmliche Trennung sein kann, kam ebenfalls zur Sprache.

Von schlechter Gay Romance kamen wir so auf den Roman „How to Be a Normal Person“, worüber die Meinungen geteilt waren. Einerseits wurde der offene Umgang mit dem Thema A_sexualität gewürdigt. Allerdings wird auch hier versucht, die Hauptfigur, Gus, zur „normalisieren“, inklusive einmal ungebetenen Hanfkonsums per Keks.

Der Wunsch nach glücklichen a_sexuellen Figuren wurde geäußert. Also nicht solche, die generell glücklich sind, denn die taugen wenig als Hauptfiguren, sondern solche, die a_sexuell sind und statt diesbezüglicher Ängste einfach die üblichen Probleme haben: Zombies, böse Magierinnen, Mörderinnen, kaputte Waschmaschinen etc. Die sexuelle Orientierung der Figur sollte erwähnt werden, um Ratespiele zu vermeiden, darf aber anderweitig kein Thema sein oder könnte in einem Subplot (=Nebengeschichte) abgehandelt werden.

Geschichten, die ich nur über a_sexuelle Menschen erzählen kann, wären die o.g. Verhandlungen und Geschichten, wie eine Person auf das Wort „Asexualität“ stößt und sich damit in einem Findunsprozess identifiziert. Auch das Thema Kinderwunsch könnte eine Rolle spielen, denn der ist für a_sexuelle Paare nicht immer ganz einfach zu erfüllen. Andere Ideen: Eine Welt mit vorwiegend a_sexuellen Bewohnern, oder vielleicht nur eine WG aus Personen im a_sexuellen Spektrum, die nun mit einem nicht-asexuellen Mitbewohner zurande kommen müssen.

Insgesamt braucht es mehr Abbildungen, um Schablonen wie dem „asexuellen Junggesellen“ Sherlock entgegenzuwirken. Wir haben ein Spektrum!

Eine Teilnehmerin schlug vor, autobiographische Statements zu sammeln, sodass die Vielfalt sichtbar wird. Die Vortragende selbst hofft auf/plant eine Kurzgeschichtensammlung.

Kritisiert wurde, dass vielfach eine Romanze als Subplot dient, die anscheinend die Figuren menschlicher machen soll, „im wildesten Kugelhagel“ aber eher unglaubwürdig bleibt bzw. für a_sexuelle und/oder a_romantische Menschen zusammenhanglos im Raum steht, also eher als Plotloch empfunden wird denn als Bereicherung.

Insgesamt wird auch gehofft, dass die a_sexuellen Abwesenheiten besser benannt werden. Neben Fernsehserien wie Sherlock und The Big Bang Theory wurde Gaming genannt: Bei manchen Spielen kann eine sexuelle Orientierung der Spielerfigur angegeben/ausgewählt werden, aber nicht A_sexualität, sodass diese zwar aus Handlungen lesbar wäre, aber letztlich unsichtbar bleibt. Denn für Abwesenheiten und „Nein“ kann es viele Gründe geben.

Nebenbei wurde die Vortragende noch nach ihren Schreibgewohnheiten und Veröffentlichungen gefragt. Eine prominente a_sexuelle Figur (ace/aro und genderqueer) findet sich in Heilika in der „Albenbrut“-Duologie, wo sie die drittwichtigste Person ist.

Schlussendlich noch zwei Literaturhinweise zur Schreibtheorie bzw. sogenannte Schreibratgeber: Lisa Cron: Wired for Story  und der Klassiker James N. Frey: How to write a damn good novel/Wie man einen verdammt guten Roman schreibt

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