Kategorie: Vortrag

Vortrag am 5. November in Stuttgart

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Asexualität – Vom Leben auf mehr als einem Spektrum

Vortrag und Gesprächsrunde mit Carmilla
von AktivistA (Verein zur Sichtbarmachung des asexuellen Spektrums)

am Dienstag, 5. November 2019 um 19 Uhr

im Feministischen Frauen* Gesundheitszentrum, Kernerstr. 31, Stuttgart

 

Worum geht’s?

Die Erwähnungen von Asexualität häufen sich, und bei CSDs tauchen immer mal wieder schwarz-grau-weiß-lila Flaggen auf. Was ist Asexualität, und was ist das „asexuelle Spektrum“? Carmilla erklärt die Grundlagen und lädt dazu ein, sexuelle und romantische Anziehung neu zu denken.

All genders welcome. Keine Anmeldung notwendig.

Facebook-Veranstaltung: Klick.

 

A_sexualität und queere Communities

Zum Ende der Ace Week habe ich hier wie versprochen die erste Zusammenfassung der übrigen Beiträge von der AktivistA 2019.

Balthazar Bender

„A_sexualität und queere Communities. Solidarität, Ausschlüsse, Konflikte“

Begriffe: Allonormativität, queer

Zunächst einmal wichtig war, den Begriff „Allonormativität“ zu klären.

Allonormativität heißt, dass die Gesellschaft davon ausgeht, dass alle Menschen sexuelles Verlangen kennen und dieses ausleben möchten.

Damit wird ein Mensch ohne dieses Verlangen automatisch „unnormal“. Das heißt, man ignoriert, dass es solche Menschen geben könnte.

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Plakat: Wenn ich nicht existiere, muss ich trotzdem Steuern zahlen?

Wenn diese doch darauf aufmerksam machen, dass sie existieren, wird nach Gründen für ihr Anderssein oder ihre „Seltsamkeit“ gesucht und/oder dies als „krank“ bewertet.

Dies schadet einerseits asexuellen Menschen. Andererseits übt Allonormativität auch auf allosexuelle Menschen durchaus Druck aus, was unter Umständen dazu führen kann, dass diese Dinge tun, die ihnen schaden oder die sie unter anderen Bedingungen abgelehnt hätten.

„Queer“ sei in diesem Falle ein Schirmbegriff, der Menschen meint, die nicht heterosexuell sind und/oder nicht cis-gender sind, die also ein anderes Geschlecht bzw. Gender als das haben, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.

Aces in der (queeren) Geschichte

Danach verfolgte Balthazar Spuren a_sexueller Menschen in der Geschichte. Generell ist es aber schwierig, dort Aces zu finden, denn meist reichen die Quellen dazu nicht aus. Jede solche Überlegung muss somit Spekulation und eine Zuschreibung bleiben.

Wir erinnern uns, dass derlei Zuschreibungen einer sexuellen Orientierung oder Identität aus guten Gründen in a_sexuellen Communities nicht gern gesehen sind.

Der älteste Zusammenfall von „kein Sex“ und „queer“ ist war „Spinster Movement“ („Alte-Jungfern-Bewegung“), grob eine Art Heiratsverweigerung und Kommunenbildung, die aus den Sufragetten hervorging. (Wir erinnern uns, dass das Wahlrecht für Frauen oft hart erkämpft werden musste.) Diese Frauen wurden von außen mit dem Begriff „queer“ benannt, also als „schräg, seltsam“ wahrgenommen.

Etwas später stellte der Sexualforscher Alfred Kinsey fest, dass es Leute gab, die kein oder nur sehr geringes Interesse an Sex hatten und demnach auch kein sexuelles Verhalten zeigten: Die berühmte „Gruppe X“. Da er aber hauptsächlich beweisen wollte, dass es zwischen „homosexuell“ und „heterosexuell“ keine eindeutige Grenze gibt, forschte er nicht weiter dazu.

In den lesbischen Communities waren „Stone Butches“ bekannt: Maskulin auftretende Frauen, die selbst keine sexuelle Aufmerksamkeit wünschten, sich aber gern um eine Partnerin kümmerten. „Bambi Lesbians“ hingegen sind frauenliebende Frauen, die weniger an Sex als an anderen Formen von Intimität interessiert sind.

Es gibt auch ein Foto von einer feministischen Konferenz aus den 1970ern, wo „asexuell“ auf einem Plakat mit anderen sexuellen Orientierungen versammelt ist.

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Quelle: Pollner, F. (1973). Lesbian dynamics. Off Our Backs, 3(6), 7-7. Retrieved from http://www.jstor.org/stable/25783532 — „Ja, es ist schwierig, aber! Dies ist eine Chance, eure eigene Beschreibung zu wählen, anstatt das jemand anderem zu überlassen. Hetero / asexuell / lesbisch / bisexuell / gegen Labels / […]“
Ein „asexuelles Manifest“, erstellt von Lisa Orlando 1972, enthält einerseits eine Beschreibung von A_sexualität, die wir ähnlich heute noch verwenden:

Wir wählten als Selbstbeschreibung den Begriff Asexualität
‘, weil sowohl enthaltsam‘ also auch anti-sexuell‘ Konnotationen haben, die wir vermeiden wollten: Ersteres impliziert, dass man Sexualität für einen höheren Zweck geopfert hat, zweiteres, dass Sexualität erniedrigend oder irgendwie von Natur aus schlecht ist. ‚Asexuell‘, wie wir es benutzen, heißt nicht ‚ohne Sex‘, sondern ‚sich sexuell auf niemanden beziehend‘. Dies schließt natürlich Selbstbefriedigung nicht aus, sondern meint, dass, wenn man sexuelle Gefühle hat, man nicht unbedingt eine andere Person benötigt, um diese auszudrücken.

Andererseits geht es im „Asexual Manifesto“ weniger um ein „Eben-so-Sein“, sondern um eine gewählte Daseinsform. Ziel dieser Asexualität war grob, die sexuelle Ausbeutung des eigenen und fremder Körper zu vermeiden.

Siggy hat das Manifest transktibiert und (auf Englisch) analysiert: Klick. Es bietet einen beeindruckenden Einblick in die feministischen Diskussionen der frühen Siebziger.

Ihr habt hier nichts zu suchen?

Obwohl also schon früher Asexualität in queeren Kontexten erwähnt wurde, haben einige Teile queerer Communities erhebliche Schwierigkeiten damit, a_sexuelle Menschen als queer zu akzeptieren. Laut der Datenerhebung des Ace Community Census begreifen sich nämlich etwa 90% aller befragten Aces als „queer“ oder als Teil der „LGBT“-Bewegung. (LGBT: englisch für lebisch, schwul, bi, trans.)

Vor allem auf tumblr sind diejenigen, die Aces von queeren Räumen fernhalten wollen, sehr laut, sodass die dortige Debatte-plus-Shitstorms den Namen „The Discourse“ erhielt. (Also „DIE Debatte“. Als würde außerhalb von tumblr niemand mitteinander reden.)

Es handelt sich bei den Gegener*innen um eine eher kleine Gruppe, die aber überall Streit sucht und diesen daher auch nach Twitter etc. trägt.

Gängige Vorwürfe sind

  • dass a_sexuelle Menschen nicht diskriminiert würden. Gegenteilige Beweise werden ins Lächerliche gezogen und als „nicht so wichtig“ dargestellt.
  • dass a_sexuelle Menschen, vor allem die hetero- und a_romantischen, als „Heten“ durchgehen würden (sogenanntes „straight passing“) und daher kein Recht hätten, sich in LGBT-Räumen aufzuhalten.
  • dass A_sexualität ein Internethype sei und Aces nur auffallen wollten,
  • dass a_sexuelle Menschen Angebote in Anspruch nehmen würden, die dann „echt queeren“ Menschen nicht mehr zur Verfügung stünden.

Entgegnungen auf angebliche Ausschlusskriterien und weitere Überlegungen

Einige dieser Vorwürfe sind logisch nicht besonders haltbar.

„LGBT“ war nicht „schon immer“ ein Oberbegriff. Tatsächlich mussten sowohl bisexuelle als auch vor allem trans Menschen einige Kämpfe ausfechten, um explizit mitgenannt zu werden.

Zum Vorwurf des Ressourcenverbrauchs: Angeblich haben a_sexuelle keine Probleme. Warum sollten sie dann anderen Hilfsangebote wegnehmen? Ein Widerspruch. Für einen Vorwurf von zweien müsste man sich dann schon entscheiden.

Es wurde in der folgenden Diskussion die Vermutung laut, dass derart auschließendes Verhalten aus Unsicherheit entstehen könnte. Wer nicht im Frieden mit der eigenen Selbstbeschreibung/Identität ist, muss sie unter Umständen gröber verteidigen als andere.

Die Postion, dass man nur dazugehören dürfe, wenn es einem*einer dreckig geht, schließt auch LGBT Menschen aus, denen es gerade nicht dreckig geht. Das ist ein ziemlich widersinniges Verhalten, denn solche Menschen sind oftmals diejenigen, die Unterstützung bereitstellen können und Angebote aufbauen.

„Gatekeeping“ — also diese Art Türsteherverhalten — ist sicher manchmal auch der Versuch, eine Machtposition zu erreichen oder auszubauen.

Nebenbei spielt sicher auch die sogenannten „Respektabilitätspolitik“ eine Rolle. Kleine, neue Minderheiten werden von den „Normalos“ besonders schräg angeschaut, sind nicht „respektabel“ und könnten dem eigenen Ansehen oder dem Ansehen der Begewung schaden.

Eine gewisse Portion Aufmerksamkeitsneid könnte ebenfalls eine Rolle spielen. Die Aufmerksamkeit jeder Person ist notwendigerweise beschränkt, und solange sich Medien lieber um Heidi Klums Hochzeit (oder sonstige Promi-Geschichten) kümmern, als sexuellen Minderheiten Aufmerksamkeit zu widmen, ist diese Ressource tatsächlich beschränkter, als sie sein könnte.

Da A_sexualität angeblich sehr kompliziert sei, fragte jemand, warum sich selbige Menschen, die diesen Vorwurf äußern, üblicherweise Dutzende Pokémons, Klingonisch oder Eigenschaften von World-of-Warcraft-Figuren merken können. Grund ist natürlich, dass ich erst mal ein gewisses Interesse aufbringen muss, um mir Dinge zu merken. Ich muss das lernen wollen. Am einfachsten ist es wohl, die Begriffe als eine Werkzeugkiste zu betrachten. Man muss sich nicht alles merken, und man kann höflich nach einer Erklärung fragen, wenn ein Begriff fehlt.

Andere Beobachtungen waren folgende:

Gab es früher weniger allonormative Geschichten? Würde eine alte Dame wie Miss Marple heute noch unhinterfragt allein leben dürfen?

Da bisexuelle Menschen oft sehr ähnliche Vorwürfe zu hören bekommen, liegt ein Schulterschluss nahe. Tatsächlich funktioniert die Zusammenarbeit im Raum Stuttgart/Karlsruhe sehr gut, und in Netzwerken engagierte bi Menschen sind eher breit, A_sexualität mitzudenken.

Oft ist es also sinnig, mit Menschen zu reden, die Interesse beweisen und Aces einladen. Dort, wo man einen Fuß in der Tür hat, kann man weiterarbeiten.

Offline gibt es insgesamt mehr Zwischentöne, manchmal helfen aber nur Humor und Geduld weiter.

Nichtsexuelle Räume helfen nicht nur Aces, sondern auch Neulingen im Bereich LGBT, die sich mit dem Thema erst einmal anfreunden müssen und/oder jung sind.

Es gibt auch einige a_sexuelle Menschen, die sich nicht als queer betrachten und es nicht einsehen, sich mit diesen Communities auseinanderzusetzen. Gewiss muss sich kein Ace als „queer“ beschreiben. Es handelt sich gewissermaßen um einen unbesetzten Platz, den man einnehmen kann oder auch nicht. Ein völliger Rückzug aus den Communities allerdings behindert den Informationsfluss. Infostände zum Thema A_sexualität sind beispielsweise viel sinnvoller, angenehmer und nachhaltiger bei einem CSD-Straßenfest zu verwirklichen, als wenn man sich einfach mal einen Nachmittag völlig zusammenhanglos in eine Fußgängerzone stellt.

 

Unten folgt noch ein Link zu den Folien. Die PDF ist urheberrechtlich geschützt und kann für den Hausgebrauch verwendet werden. Sie für eigene Vorträge oder andere öffentliche Zwecke zu übernehmen, ist nicht gestattet.

PPP Asexuelle Diskriminierung Stuttgart AktivistA

Zum Fünften wenig Fotos

wegweiser
Der diesjährige Wegweiser zur Konferenz.

Die Kurzfassung geht so: Die erste Vorsitzende hatte eine sehr gute Zeit am 21. und 22. September und über lauter netten Leuten das Fotografieren vergessen.

Aber von vorn.

Wir starteten beinahe pünktlich mit einer kleinen Überraschung für die Anwesenden. Immerhin ging unsere Konferenz mit überregionalem Treffen in die fünfte Runde, und um im Klischee zu bleiben, hat der Verein Kuchen ausgegeben. Selbstverständlich vegan. Hat man aber, laut der Rückmeldungen von nicht-veganen Menschen, die nicht ich waren, nicht bemerkt: War lecker. Mit extra viel Schokolade.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde und der mittlerweile üblichen Pizza-Bestellung startete DasTenna von Nixblix‘ simple Sicht der Dinge mit „Sechs Farben Ass“: Einer Vorstellung eines illustrierten Kurzgeschichtenprojekts. Wir wurden in ihre Fantasy-Welt Talnia entführt und bekamen ein paar Auszüge aus Geschichten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Vom umgekehrten Bingo zwischen zwei befreundeten Alben bis zu einer fast Lovecraft’schen Expedition ist hinterher wohl alles dabei …

Die ausführliche Beschreibung  mit Bildern zum Anschauen (Klick!) und Ergänzungen (mehr klick) ist auf ihrem Blog zu finden.

Im Anschluss ging es bei Balthazar Bender vom Podcast Buchstabensuppe etwas ernster zu. Wir bekamen zunächst einen Einblick in die Geschichte von Überschneidungen zwischen queeren (bzw. lsbttiqap-etc.) und asexuellen Communities. Obwohl es aber Überlappungen gibt und sich zahlreiche Aces laut einer nicht repräsentativen Umfrage als „queer“ verstehen, versuchen diverse queere Personen immer wieder, a_sexuelle Menschen aus Räumen auszusperren. Vor allem online. Den Vortrag und die anschließende Diskussion muss ich noch ordnen und kann sie dann hoffentlich in einem eigenen Beitrag präsentieren.

infotisch
Der Tisch mit dem Infomaterial und den Buttons. Wir haben mittlerweile auch ein flaggenfarbenes Spendenschwein. Wer Spenden an uns steuerlich absetzen möchte, findet unsere Kontoverbindung im Sidebar …

Ähnliches gilt für Annika Spahns Beitrag. Annika Spahn war diesmal anwesend in ihrer Rolle als Herausgeberin der Broschüre „Schule lernt Vielfalt“ der Akademie Waldschlösschen. Nach einer kurzen Vorstellung, wie die Broschüre aufgebaut ist, was sie bezweckt und was explizite und implizite Erwähnungen sind, war ebenfalls eine Diskussionsrunde eröffnet. Auch hier plane ich einen Zusammenschrieb.

Zuletzt gab es noch eine von mir moderierte Diskussionsrunde zum Thema „(verbale) Grenzen“. Und auch die ist einen eigenen Beitrag wert. (Uff.)

Ich muss allen Beteiligten und Anwesenende an dem Tag ein großes Lob aussprechen: So produktiv waren wir, meine ich, selten.

Hinterher war ich jedenfalls platt.

Der Hintergrund bot dann noch eine kleine Überraschung. In der Weissenburg ist gerade eine Fotoausstellung, die Menschen in Stuttgart ans Herz gelegt sei, die keine Angst vor nackter Männerhaut haben.

Und da fand ich: Fünf Farben und beinahe ein Ass …

kunst in der weissenburg
Die Fotoausstellung im Zentrum Weissenburg wartete sogar mit einem Bild in a_sexuellen Signalfarben auf.

 

Am Sonntag stand dann noch für drei Stunden ein Raum im Obergeschoss der Weissenburg für einen lockeren, unmoderierten Plausch zur Verfügung.

Fazit: Schön war’s. Das nächste Mal müssen wir mehr Cola mitbringen.

 

 

Programm AktivistA 2019

Etwa fünf Wochen vor unserer Konferenz mit überregionalem Treffen haben wir hier das hoffentlich abschließende Samstags-Programm für euch und suchen ein paar Leute für ein außerplanmäßiges Forschungsprojekt am gleichen Tag.

Baendchen

Zuerst wird euch Carmen von Nixblix‘ simple Sicht der Dinge „Sechs Farben Ass – Über Coming Outs, Bullshit Bingos und andere Interaktionen“ vorstellen. Wir bekommen Einblicke in ein Kunst- und Erzählprojekt, die Welt drumherum und den Arbeitsprozess dazu.

Balthazar (Gender Studies, Uni Freiburg) beschäftigt sich mit „A_sexualität und queere Communities – Solidarität, Ausschlüsse, Konflikte“. Dass die Meinungen bei dem Thema häufig auseinanderklaffen, ist bekannt. Wir bekommen einen kurzen Input-Vortrag und haben dann viel Zeit für eigene Meinungen und Erfahrungen.

Nach der Mittagspause geht es mit einem ziemlich vernachlässigten Thema weiter. Woher erhält der Nachwuchs eigentlich Informationen, beziehungsweise erhält er sie überhaupt? Annika Spahn (Uni Freiburg, Uni Basel) beleuchtet daher „A_sexualität in Schule und Bildung“.

Abschluss unseres Programms ist eine Diskussionsrunde zum Thema Grenzen. Als a_sexuelle Menschen haben wir ja oft andere Grenzen als die Mehrheit bei dem, was wir sozial akzeptabel finden. Gleichzeitig finden es viele sozial akzeptabel, unsere Grenzen mit indiskreten Fragen zu überschreiten. Auch gegen Zweifel an unserer Selbstbeschreibung müssen wir uns häufiger abgrenzen. Vielleicht gelingt es im Gespräch, nicht nur Grenzen auszuloten, sondern auch Möglichkeiten zu finden, wie das mit dem Grenzen Ziehen besser gelingt.

Und dann ist hier das außerplanmäßige Forschungsprojekt, das nach dem letzten Programmpunkt ansetzt:

Teilnehmer*innen für Gruppendiskussion zu Asexualität in der Medizin gesucht

Liebe AKTIVISTA-Menschen,

Ich heiße Annika und schreibe aktuell an meiner Doktorarbeit an den Universitäten Freiburg (D) und Basel (CH). Darin versuche ich herauszufinden, wieso die gesundheitliche Lage von LSBATIQ-Personen in Deutschland und der Schweiz so schlecht ist. Im Rahmen dessen geht es mir auch um die Erfahrungen, die a_sexuelle Menschen als Patient*innen gemacht haben. Dazu will ich mit euch eine Gruppendiskussion durchführen, wo es vor allem um die Sexualmedizin gehen soll (Gynäkologie, Andrologie, Psychologie, Endokrinologie, Urologie).

Die Gruppendiskussion soll ca. eine Stunde dauern. Ich werde eine Audio-Aufnahme machen und diese dann transkribieren und dabei alle Angaben anonymisieren (Namen, Orte, Dialekte etc.).

Wenn ihr noch Fragen habt, schreibt mir gerne unter Annika.spahn@unibas.ch

Ich würde mich freuen, wenn ihr mein Forschungsvorhaben unterstützen würdet!

Liebe Grüße,

Annika

Kleiner Nachtrag: Für diese Diskussion wird natürlich ein separater Raum zur Verfügung stehen.

 

Klingt nach einem würdigen fünften Versuch, meinen wir. Ihr hoffentlich auch? Bitte anmelden nicht vergessen, wenn ihr kommen wollt.

Interessiertes Publikum sucht Vortragende

Wir haben ein Problem. Unser Verein wird schon seit einigen Jahren für Vorträge im gesamten deutschsprachigen Raum angefragt und in diesem Jahr ist die Anzahl der Anfragen deutlich gestiegen.

Klingt doch super – warum ist das ein Problem?

Weil wir den Interessierten häufig absagen müssen. Von den derzeitigen Mitgliedern des Vereins hält eine Handvoll Personen Vorträge, diese Personen können nicht endlos weit fahren und haben auch nicht an jedem beliebigen Termin Zeit. Daher möchten wir die Bevölkerung um Mithilfe bitten.

Was wird gesucht?

Menschen, die bereit sind, vor Publikum über A_sexualität zu sprechen. Angefragt werden meistens allgemeine, einführende Vorträge, teilweise besteht Interesse an der einen oder anderen Vertiefung. Manchmal werden auch Leute für Podiumsdiskussionen u. ä. gesucht. Veranstalter sind häufig CSDs oder Hochschulen, die queere Themenwochen organisieren (schaut einfach mal hier, wo wir schon überall Vorträge gehalten haben).

Muss ich Expert_in sein? Muss ich dem Verein beitreten, wenn ich mithelfen möchte?

Wir freuen uns generell über neue Mitglieder, dies ist aber keine Voraussetzung, um unser Netzwerk von potenziellen Vortragenden zu erweitern. Es ist auch völlig in Ordnung, wenn du einmal einen Vortrag hältst und dann nie wieder, niemand muss Übermenschliches leisten. Diejenigen unserer Mitglieder, die Vorträge halten, haben beruflich allesamt einen Hintergrund, der mit dem Thema A_sexualität wenig zu tun hat, wir alle sind in die Aufgabe nach und nach hineingewachsen. Mit Neulingen teilen wir sehr gern unsere Folien und Unterlagen, geben Tipps und drücken die Daumen.

An welchen Orten besteht Bedarf?

Grundsätzlich in ganz Deutschland, gelegentlich auch in anderen deutschsprachigen Ländern. Besonders drückt der Schuh derzeit im geographischen Osten Deutschlands, d. h. von Greifswald über Dresden bis Rosenheim.
Interesse geweckt? Sehr schön! Dann melde dich einfach bei uns.

 

Vortrag in Karlsruhe im Mai

Die CSD Saison wirft ihre Schatten voraus! Am 1. Juni steht der erste Infostand für uns in Karlsruhe an. Außerdem beteiligen wir uns dieses Jahr auch am Rahmenprogramm des CSD mit einem Vortrag mit anschließender Fragerunde. Karlsruhe demonstriert, informiert und feiert dieses Jahr unter dem Motto: „Geschlecht: ☐ ja ☐ nein ☐ vielleicht ☑ wieso?“ und wie unschwer zu erkennen, ist davon auch der Vortragstitel inspiriert. Nun folgt der Ankündigungstext, Zeit und Ort findet ihr am Ende 😉 Herzliche Einladung an alle, die in der Gegend sind und Interesse haben.

Sex:  ☐ ja ☐ nein ☐ vielleicht ☑ wieso? – Vielfalt der Asexualität

Asexualität gehört zu den eher unbekannten sexuellen Orientierungen. Daher haben viele Leute nur unklare Vorstellungen, was genau es damit auf sich hat – sofern sie überhaupt schon einmal davon gehört haben. Außerdem sind diverse Fehlinformationen und Mythen im Umlauf. Zumindest mit einigen davon will dieser Vortrag aufräumen: Asexualität ist komplex und voller Facetten. Der Vortrag vermittelt Grundlagen zu Asexualität und die wichtigsten Begriffe dazu. Außerdem will er zeigen, welche Bedürfnisse dahinterstecken können und wie vielfältig Asexualität sein kann. Im Anschluss an den Vortrag wird es die Möglichkeit für Nachfragen und Gespräche geben.

Samstag, 18.5.2019 16.30 bis 18 Uhr, Saal im ibz – Internationales Begegnungszentrum e.V., Kaiserallee 12 d, Karlsruhe

Eine Veranstaltung im Rahmenprogramm des CSD Karlsruhe 2019 von AktivistA – Verein zur Sichtbarmachung des asexuellen Spektrums.

AktivistA 2019: Bitte um Beiträge/Call for Submissions

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Auch dieses Jahr wird es eine neue Auflage unseres überregionalen Treffens mit Konferenz geben, und zwar vom 20. bis 22. September. (Details und Anmeldung wie immer auf einer eigenen Unterseite.)

Diesmal haben wir drei offene Slots für Beiträge.

Falls hier wer mitliest und uns am Samstag, den 22. September in Stuttgart mit einem ca. 45-minütigem Vortrag oder Workshop beehren möchte, oder einen Kurzfilm zu zeigen hat, oder, oder, oder, schreibe uns bitte über das Kontaktformular oder an die Mailaddresse corinna(bei)asex-web(punkt)de.

Wir freuen uns über asex-spezifische Themen genauso wie über Einblicke in andere Teile des Akronyms (LSBTTIQAPetc.), außerdem über alle anderen Themen, die sich mit A_sexualität überlappen. Wir erwarten ca. 25 bis 40 Menschen mit sehr unterschiedlicher Vorbildung zu diesen Themen.

Wie gehabt tragen wir gerne die Fahrtkosten und Mittagessen.

„Wir, die Anderen und die Neurobiologie“

… so lautete der Titel des Vortrags, den ich aushilfsweise am 15.09. bei der AktivistA 2018  gehalten habe.

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Wo es um die „Wir-Gruppe“ gegen „die Anderen“ geht, setzt das mit den überlegten Entscheidungen oftmals aus. Überlegung war, dass Menschen hoffentlich bessere Entscheidungen treffen, wenn sie wissen, wir ihr Gehirn funktioniert.

Zuerst musste ich aber beweisen, dass „Ich habe keine Vorurteile und bin nicht rassistisch“ etwas ist, womit sich Menschen gerne mal in die eigene Tasche lügen. Tatsächlich ist das mit dem „Wir sind super, die Anderen sind bäh“ schon bei Schimpansen zu beobachten, nämlich in Form von Assoziationstest. Bilder von der Fremdgruppe in Kombination mit leckerem Obst erzeugen bei den getesteten Tieren im Schnitt eher kognitive Dissonanz als in Kombination mit Spinnenviehzeugs. Mit Bildern aus der eigenen Gruppe läuft es genau umgekehrt. Offenbar ist also schon bei diesen unseren entfernten Verwandten eine Neigung vorhanden, die eigene Gruppe mit leckerem Obst zu vergleichen, die Fremden aber mit ekligen Krabbeltieren.

Befragungen bei US-amerikanischen Kindergartenkindern (also im Alter 3 bis 4 Jahre) ergeben, dass sie Gesichter aus der eigenen Ethnie besser einschätzen können und Gesichter aus anderen Ethnien eher als bedrohlich und wütend einstufen.

Bei Erwachsenen, die (Bilder von) Menschen anderer Ethnien sehen, dauert es im Schnitt 50 Millisekunden, bis in ihrem Hirn die Amygdala aktiv wird. Diese Struktur ist für Furcht und Angst zuständig.

Apropos Amygdala. Wenden wir uns dem Gehirn zu.

Das Gehirn hat, sehr grob ausgedrückt, drei funktionelle Schichten. Die Schicht 1 ist für automatische Prozesse wir Hunger, Verdauung, Tempeaturregulierung und Blutdruck zuständig.

Die Schicht 2 ist das Limbische System. Es ist besonders in Säugetieren stark ausgeprägt und für Emotionen zuständig. Hier liegt die Amygdala, die eben für Furcht und Angst zuständig ist, und manchmal auch für gewaltsame Reaktionen auf diese Gefühle.

Außerde wichtig ist der Insellappen. Der ist ursprünglich für Ekel aufgrund von Sinnesreizen zuständig. Die Evolution ist aber eine faule Socke und die Moral ist erdgeschichtlich sehr jung. Deswegen ist für Dinge, die wir unfair finden, ebenfalls der Insellappen zuständig — wir empfinden moralischen Ekel.

Die Schicht 3 liegt vor allem in der Hirnrinde. Hier werden Sinnesreize eingeordnet, das Gedächtnis gebildet, Probleme logisch zerlegt und gelöst, es wird vom Speziellen auf das Allgemeine abstrahiert und auch dafür gesorgt, dass wir auf eine aufgeschobene Belohnung akzeptieren – wie die Bikinifigutr nächsten Sommer, wenn wir jetzt auf Süßes verzichten.

Der neueste Teil der Hirnrinde heißt Präfrontaler Kortex. Er ist der „oberste Bestimmer“, und unterhält sich sehr viel mit dem Limbischen System. Gleichzeitig dient er als Impulskontrolle und Hirn-zu-Mund-Filter. Der Präfrontale Kortex entwickelt sich erst im Laufe der Pubertät richtig und ist mit etwa Mitte zwanzig beim Menschen ausgereift. Auf jeden Fall beweist diese Struktur, dass im Menschen keine Trennung zwischen Denken und Fühlen stattfindet. Die Gefühle entscheiden, was wichtig ist, dann kann die Logik auf die Umsetzung hinarbeiten. Ohne Gefühle funktioniert zwar die Logik, aber diese hat keinen Antrieb.

Nun sollte mensch meinen, dass das alles immer von oben nach unten geht: Schicht 3 sieht Kekswerbung, Schicht 2 meldet Gelüste, Schicht 1 signalisiert Hunger. Andersrum geht’s aber auch: Von den wackeligen Knien auf der Hängebrücke zum Flirt in drei, zwei, eins.

Manchmal ist der Präfrontale Kortex auch komplett ausgesperrt. Wahrscheinlich jedes Mal, wenn US-amerikanische Polizisten erst auf einen Schwarzen Menschen schießen und dann später ermitteln, dass er ein Telefon statt einer Waffen in der Hand hielt, war die Amygdala schneller als der Rest des Hirns.

Und wieso teilen wir Menschen in Gruppen?

Der derzeitige Stand der Wissenschaft ist, dass Evolution Folgendes bedeutet: Jeder Organismus ist darauf aus, so viele Kopien seiner Gene wie möglich weiterzugeben.

Das kann ein Organismus in direkter Konkurrenz erreichen: Zwei XY-Chromosom-Tiere streiten sich im ein XX-Tier. Oder andersrum.

Manchmal ist Kooperation eine Möglichkeit. Denn Geschwister von denselben Eltern haben ja den gleichen Satz Gene. Wenn ich also einem meiner Geschwister helfe, sich fortzupflanzen, dann ist das evolutionär gesehen genauso, wie wenn ich mich direkt fortpflanze.

Mit ein bisschen Abstrichen funktioniert das auch bei entfernteren Verwandten wie Tanten, Onkels, Halbgeschwistern, Cousins, Cousinen und Genichter. (Das ist eine Wortschöpfung statt „Neffen und Nichten“.)

Deswegen heißt das Prinzip auch Verwandtenselektion.

Es gibt noch eine Pseudoverwandtenselektion. Wenn ich nämlich eine mir unbekannte Person treffe, die ein auffälliges Merkmal mit mir teilt, kann ich davon ausgehen, dass bei uns ein Teil der Gene gleich ist. Handelt es sich um, sagen wir, einen grünen Bart, entsteht das, was in der Verhaltensforschung Grünbarteffekt heißt: Die Grünbärte schließen sich aufgrund der angenommenen Verwandtschaft zusammen, kooperieren und sind langfristig erfolgreicher als Individuen, die nicht kooperieren.

Nachteil an der ganzen Sache ist, dass es fast unmöglich ist, sich diese Kooperation ohne eine „Gegen“ zu denken. Wir setzen unsere Gene entweder gegen eine feindliche Umwelt durch oder gegen eine konkurrierende Gruppe.

Anderswo hatte ich auch schon bewiesen, dass die Amygdala dafür zuständig ist, die Umwelt zu beobachten und Neues mit potentieller Gefahr gleichzusetzen.

In Kombination mit der Verwandtenselektion hat die Amygdala deshalb eine Lerndisposition für Angst vor Fremdgruppen. Das heißt: Menschen lernen leichter, Angst vor Menschen aus anderen Ethnien zu haben, als Angst vor Katzen oder Hunden.

Einmal gelernt gibt Bauchgefühl.

Habe ich nun Angst verinnerlicht, passiert bei einer Konfrontation mit einer Fremdgruppe Folgendes.

Schritt 1: Mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich eine Person irgendwie nicht gut finde und misstrauisch sein sollte.

Schritt 2: Mein Präfrontaler Kortex erklärt mir, warum ich das Bauchgefühl hatte und bemüht dazu wahrscheinlich jedes mir bekannte Vorurteil als Argument.

Das Prinzip heißt Rationalisierung. Unser „oberster Bestimmer“ ist in so einem Fall nur dazu da, uns zu erklären, dass unser Bauchgefühl recht hatte. Und übt ansonsten hoffentlich seine Funktion zur Impulskontrolle aus.

Ein schönes Beispiel war ja Angela Merkels Bauchgefühl zwecks Ehe für Alle. Sie war wenigstens ehrlich und hat nur das Bauchgefühl angeführt, statt mit Pseudo-Argumenten zu arbeiten.

Aber es wird noch komplizierter.

  1. Menschen mit niedriger Ekelschwelle sind häufig auch gesellschaftlich konservativer eingestellt und eher bereit, „die Anderen“ für moralisch eklig zu halten. Ihr Insellappen ist also ein bisschen hyperaktiv und daher eher bereit, auch Menschen für ihr Verhalten oder ihre bloße Existenz eklig zu finden.
  2. „Willenskraft“ ist ein äußerst akkurates Sprachbild. Der Präfrontale Kortex hat nämlich einen enormen Energiebedarf. Der Beweis sind alle, die sagen: „Prüfung direkt vor der Mittagspause? Oh, oh.“ Es gibt darüber auch eine Studie mit US-amerikanischen Richter*innen, die über Freilassung auf Bewährung von Strafgefangenen zu entscheiden hatten. Mindestens zehn Fälle am Vormittag. Das Gesuch wurde umso eher abgelehnt, je weiter weg das Frühstück war. Auch Menschen, die durch eine  Matheaufgabe abgelenkt sind, äußern  mehr Vorurteile, da der Hirn-zu-Mund-Filter anderweitig beschäftigt ist.
  3. Der Präfrontale Kortex ist außerdem sehr stressanfällig. Je mehr das Dauerstresshormon Cortisol im Körper strömt, desto schlechter unterhalten sich die zugehörigen Nervenbahnen mit dem Rest, und desto schlechter bildet der Präfrontale Kortex neue Vernetzungen.  Akuter Stress beeinträchtigt also das innerliche Zurücktreten und nochmal Nachdenken. Wir fallen dann in bewärhrte Muster zurück. Dauerstress in der Kindheit behindert die gesamte Entwicklung einer Impulskontrolle.
  4. Die „grünen Bärte“ (die Pseudoverwandtschaft) ist oft extrem willkürlich, es handelt sich eher um gefärbte grüne Bärte. So halten wir auch Menschen mit derselben Religion für unsere Verwandten, oder Fans des gleichen Fußballklubs. Manchmal machen wir an einem Stück Kleidung fest, ob eine Person zu unserem oder einem anderem Kulturkreis gehört, und ob wir sie verachten oder nicht.
  5. Alle grünen Bärte sind extrem kontextabhängig, wenn jemand zum Beispiel nicht an Schwarze Menschen vermietet, es sei denn, sie sind katholisch.
  6. Die meisten Gehirne sind anfällig für das sogenannte Priming — unterschwellige Beeinflussung. Stinkende Mülleimer führen dazu, dass der moralische Ekel erhöht ist und Menschen im Schnitt konservativer urteilen, sich also auf ihre gelernten Furchtmechanismen verlassen. Ein Klassiker ist auch das Experiment mit asiatischen Frauen und Mathematik.
  7. Nicht selten geht es auch um Wertekonflikte — „*isten!“ und „Volksverräter!“ beschimpfen sich gegenseitig und kommen nicht weiter. Hier streitet sich die Gruppe, die Freiheit und Gerechtigkeit bevorzugt, mit Menschen, die Loyalität und „heilige Reinheit“ wichtiger finden. Menschen, denen die Loyalität in der Eigengruppe wichtig ist, sind eher bereit, Ungerechtigkeiten innerhalb der Grupe zu ertragen, Menschen, die es wichtiger finden, ein Ehegespons innerhalb der Gruppe zu finden als einen netten Menschen, nehmen Einschnitte in der Freiheit eher hin. Somit ist es für Diktaturen von Interesse, möglichst viele Untertanen aus der zweiten, autoritätsorientierten Gruppe zu haben.

Von klaren Einschätzungen kann also selten die Rede sein.

Alle die oben genannten Gründe führen zu Wahrnehmugsverzerrungen — Biases.

„Wir sind Helden!“

Es gibt eine Eigengruppenbevorzugung. Menschen reagieren auf besorgte Gesichter aus der Eigengruppe mit mehr Empathie als auf besorgte Gesichter der Fremdgruppe. „Wir“ halten uns für korrekter, klüger, können besser Kinder erziehen, Krieg führen oder die Wirtschaft leiten. „Wir“ haben die höher entwickelte Kultur und sowieso den besseren Draht zu den höheren Mächten. Und so weiter.

Dies bedeutet neben einer Selbstüberhöhung auch oft eine Selbstüberschätzung.

Vergehen aus der Eigengruppe an der Eigengruppe werden differenziert betrachtet und die Umstände hinterfragt.

Ganz im Gegensatz zu den Anderen, der Outgroup.

„Die sind alle gleich (doof)!“

Schadet nämlich ein Mitglied der „Anderen“ einem der „Unseren“, heißt es: Klar, „die“ bauen Mist, weil „die“ eben so sind.

Wir halten Mitglieder der Anderen, der Outgroup, für eine gesichtslose Masse aus Wesen, die alle die gleichen Ziele und schlechten Eigenschaften haben. Sie sind mal einfach/kindlich und mal mysteriös/bedrohlich. Auf jeden Fall sind sie homogen und uniform. Es werden keine Einzelpersonen wahrgenommen. „Die“ waren schon immer so und werden immer so sein. Ihre „Essenz“, ihr innerstes Wesen, unterscheidet sich fundamental von „Uns“ und ist unveränderlich.

Diese Fehleinschätzung nennt sich Essentialismus.

Die Anderen muss ich nicht ernst nehmen.

Es folgt also oft neben der Selbstüberschätzung eine Abwertung der Outgroup. Vor allem, wenn sich diese Outgroup beklagt, wie sie behandelt wird, sorgt die Ingroup mit Abwertungsmechanismen dafür, dass man die Outgroup nicht ernst nehmen muss.

Als da wären:

  1. Ein Vergleich mit einer anderen verachteten Gruppe, z.B. (psychisch) kranke Menschen, Frauen, Schwule.
  2. Eine Unterstellung der (geistigen) Inkompetenz,also die Behauptung, dass die Person sowieso nicht weiß, was sie tut. Dies überschneidet sich mit Punkt 1.
  3. Sexualisierung: Eine Person wird auf ihren Körper und das reduziert, was sie mit ihren Geschlechtsteilen tut.
  4. Moralische Abwertung: Personen seien entweder „primitiv/unzivilisiert“ oder darauf aus, andere für ihre Ziele zu manipulieren. Damit rücken diese Vorwürfe in die Nähe zu Verschwörungstheorien. (Auch Faschisten bauen ja gern mal eine Theorie auf, dass „die bösen Sowieso“ nur daran interessiert sind, ihr Heimatland abzuschaffen.) Paradebeispiel ist hier die omninöse Homolobby. Menschen, die an die Homolobby glauben, nehmen an, dass alle(!) schwulen, bisexuellen, lesbischen, asexuellen, pansexuellen, transgender, transsexuellen und queeren  Menschen nichts Besseres zu tun haben, als Kinder frühzusexualisieren.

Der Extremfall der Abwertung ist die Pseudospezifikation. Wir vergleichen die Outgroup mit einer anderen Spezies, seinen es Gorillas, Ratten, Ungeziefer, Zecken. Oder noch heftiger: Etwas, das gar kein Lebenwesen mehr ist. Geschwüre, ein Haufen Dreck oder eine Flüchtlingswelle gefällig?

Meine ausführliche Serie über Wahrnehmungsverzerrungen und was sie für das Leben in der Outgroup bedeuten, ist auf meinem Privatblog.

Damit es nicht zu deprimierend wird: Lösungsvorschläge.

Zum einen gibt es die Möglichkeit akuter Löschversuche:

  1. Sachlich bleiben und jegliche Argumentation logisch hinterfragen. Manche Verschwörungstheoretiker entlarven sich sehr einfach selbst, wenn sie beispielsweise die Eurokrise den Flüchtlingen ankreiden.
  2. Beschimpfungen führen noch eher dazu, dass abgeblockt wird. Wenn ich meiner Wut Luft mache, darf ich nicht erwarten, dass die andere Partei mehr wahrnimmt, als dass sich wütend bin.

In der Regel fallen derlei Versuche bei Menschen mit sehr starken Meinungen auf taube Ohren. Derlei Strategien nützen also nicht direkt, sondern indirekt, weil andere zuhören oder mitlesen, die vielleicht noch keine abschließende Meinung haben oder nicht so emotional involviert sind, dass sie nicht mehr für Logik zugänglich sind.

Sobald es um Werte geht, ist eh im Akutfall Hopfen und Malz verloren. Da kann eine dann nur hoffen, dass alle Beteiligten daran interessiert sind, einen zivilen Kompromiss zu finden. Unglücklicherweise haben wir gerade den Fall, dass eine Partei im Bundestag sitzt, die eben daran nicht interessiert ist und mit ihrer Propaganda dafür gesorgt hat, dass sich die Grenzen des moralisch akzeptablen zugunsten autoritärer, faschistoider Gedanken verschiebt.

Gründlicher geht es eventuell mit der Erziehung.

Vorausgesetzt, das Kind konnte eine Impulskontrolle ungestört entwickeln, ist also weder Opfer von Missbrauch noch Misshandlung geworden, musste nicht den traumatischen Verlust einer Bezugsperson verarbeiten, ist nicht in einem Kriegsgebiet oder in Armut (und damit dauerndem Neid) aufgewachsen … dann ist das mit dem Präfrontalen Kortex nämlich ein Münzwurfspiel.

Ansonsten kann ich:

  1. Hinterfragen lehren. Sind „die Anderen“ wirklich Schuld an einer Situation, oder sind sie nur die Sündenböcke? Wer profitiert von einer solchen Beschuldigung? Wo ist das Geld und die Macht? Wie gesagt, Faschisten sind exzellent darin, Verschwörungstheorien aufzubauen.
  2. Wahrnehmung von Individuen fördern. Wer sich vor einem Urteil überlegen muss, welches Lieblingsessen eine Person aus der Outgroup hat, urteilt differenzierter. Auch Menschen, die in einer diversen Umwelt aufwachsen, neigen weniger zu Hass auf „Andere“.
  3. Menschen darauf hinweisen, wie Stereotype und Wahrnehmungsverzerrungen funktionieren. Niemand ist frei von Vorurteilen. Wir können unserem Gehirn die einmal gelernten Reaktionen der Amygdala kaum abtrainieren. Wir können aber lernen, wann es wichtig ist, nochmal durchzuatmen und nicht auf unseren Bauch zu hören, sondern zu warten, bis sich die Menschlichkeit meldet.
  4. Und vor allem: Wenn wer behauptet, andere Menschen seien eklige Krabbeltiere oder sie anderweitig entwertet: Auf Abstand gehen. Nicht glauben und andere darauf hinweisen, dass ein derartiger Vergleich kein akzeptables Argument ist. (Alldieweil muss eine sich dann auch mal an die eigene Nase fassen. Gauland und Konsorten sind ja weder blöd noch geisteskrank, und ein deraartiger Vergleich ist kein Argument.)

 

Und damit sind wir bei meinen Quellen:

„Gewalt und Mitgefühl – Die Biologie des menschlichen Verhaltens“, Robert Sapolsky

„Schnelles Denken, langsames Denken“, Daniel Kahnemann

„Excluded – Making feminist and queer movements more inclusive“, Julia Serano

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