Kategorie: Aromantik

Ace und Aro Science Showcase am 6. April 2026

Ace und aro Wissen schaffen?

Alle, die unserem Blog regelmäßig folgen, wissen, dass Menschen an deutschen Unis zu Asexualität und Aromantik forschen. Manche präsentieren ihre Ergebnisse sogar bei unseren Konferenzen.

Über die Fragen, ob wir eine Diagnose brauchen, oder wie viele Aces es nun eigentlich gibt, sind wir dabei längst hinaus. Vom Gesundheitswesen über Literatur bis zur Soziologie beschäftigen sich Personen mit Themen aus dem asexuellen und aromantischen Spektrum.

Auf einem lila Hintergrund steht ein Cartoon-Männchen und zeigt auf ein Whiteboard. Über dem Whiteboard steht "Ace und aro Science Showcase". Auf dem Whiteboard steht "6. April 2026, 18 bis 20 Uhr, online." Zusätzlich Info: "und anschließender Austausch". Darunter noch die Logos von AktivistA und ace_arovolution. Ein Pfeil verweist auf die Speaker*innen und Themen im nächsten Bild. (Dazu weiter unten Text statt Bild.)

Was meinen wir mit „Science Showcase“?

Am 6.4.2026, dem International Asexuality Day, werden einige der Forschenden aus dem deutschsprachigen Raum sich und ihre Arbeit vorstellen. Trotz des fancy Titels wird es deutschsprachig, denn wer gut Englisch kann, liest wahrscheinlich eher die frei zugänglichen Veröffentlichungen.

Die Veranstaltung ist für Neugierige gedacht und für alle, die vielleicht auch an Unis sind und sich fragen, wie sie das Aspec und ihre Fachrichtung sinnvoll zusammenbringen können. Das Format ist ähnlich wie ein online TEDx-Talk strukturiert, wir sind aber vorläufig ohne Pflicht zur Aufzeichnung unterwegs.

Wer erwartet euch?

Eure Hosts sind von @ace_arovolution, von AktivistA und aus dem Team des bereits jetzt legendären „On Asexualities“-Workshops vom Dezember 25.

Als Vortragende konnten wir gewinnen:

  • Theo Hohmann – A*spec und Gesundheitsversorgung
  • Clara Bittner Solis – Ace/aro Perspektiven auf Freund*innenschaft
  • Nina Bernhardine Kotschate – Ace Lesbianism
  • Mara Wassermeier – Ace/Aro und Chrononormativität
  • Janna Babuschkina – (A)romantik und Migration/Flucht/Asyl
  • Kira aus dem Bruch – Asexualität: eine Begriffsgeschichte
  • Kristina Weber – Asexuelle Lesarten postkolonialer englischsprachiger Literatur
  • Judith Weidner – Diskriminierungs- und Empowerment-Erfahrungen von jungen Aspecs

Die exakte Reihenfolge steht allerdings noch nicht fest.

Und wo findet das Ganze statt?

Wir treffen uns am 6.4.2026 um 18 Uhr in einem Senfcall-Raum: https://lecture.senfcall.de/cor-9bg-luj-kvv

Senfcall, ein BigBlueButton-System, funktioniert per Browser und am besten von einem PC/Laptop aus. Die Teilnahme ist kostenlos.

Die Veranstaltung soll etwa bis 20 Uhr dauern (mit kleiner Pause). Wer dann noch Lust hat, bekommt Raum für Austausch.

Am Sonntag beginnt die Aro Week 2026

Während (gefühlt) der Rest der Welt auf ein Date am Valentinstag hinfiebert, laufen in der aromantischen Community die letzten Vorbereitungen für die Aromantic Spectrum Awareness Week. Sie erscheint manchmal auch als Aro Week oder Aromantic Visibility Week genannt.

Wozu eine Aromantic Spectrum Awareness Week?

Die Aro Week startet jedes Jahr am ersten Sonntag nach dem Valentinstag, um auf das aromantische Spektrum aufmerksam zu machen. Am Valentinstag liegt aus Vermarktungsgründen der Fokus auf romantische Beziehungen. Er ist also einer der Tage, an denen die Amatonormativität in unserer westlichen Gesellschaft besonders in Erscheinung tritt.

Amatonormativität ist eine in unserer Gesellschaft vorherrschende, meist unbewusste Überzeugung, dass exklusive, romantisch-sexuelle Beziehungen grundsätzlich wichtiger und wertvoller als andere Arten von Beziehungen (z. B. Freund*innenschaften) sind. Und dass alle Menschen romantisch-sexuelle Zweierbeziehungen („RZB“) unterhalten oder zumindest anstreben sollten.

Unter dieser Vorstellung leiden neben aromantischen und manchmach auch asexuellen Personen zum Beispiel auch polyamore Menschen, die mehr als eine wichtige Beziehung führen. Auch Menschen, die gern eine Beziehung führen würden, aber aus welchen Gründen auch immer keine geeignete Partnerperson gefunden haben, sind dadurch benachteiligt.

Die Einsamkeit, die entsteht, wenn Paare und Paarbeziehungen bevorzugt werden, illustriert unter anderem der Kurzfilm „Zucchini“. Wenn ihr weitere Filmtipps habt: Schreibt gern in die Kommentare!

Aromantic Awareness Week 2026 – Veranstaltungshinweise

Die Aro Week 2026 beginnt am 15. Februar und dauert bis zum 21. Februar.

Auf dem Aspec*German Discord ist einiges geboten. Das Programm haben wir als Sharepic hier, oder ihr schaut zum Beispiel auf den passenden Mastodon-Post.

Der Podcast InSpektren plant am 19.2. eine Live-Folge über die Erfahrungen von Bi+ aro Personen. Üblicherweise streamt der Podcast die Live-Folgen auch auf deren YouTube- und Twitch-Kanal.

Mindestens eine Person von uns trefft ihr beim Aktivismus-Austausch auf dem Server am 17.2. um 20 Uhr.

Und damit: Happy Aro Week euch allen!

Breite, zusammengefasste Programmübersicht „ARO WEEK PROGRAMM“ von Aspec*German für den Zeitraum 15.02.26 bis 21.02.26, auf weißem Hintergrund mit grünem vertikalen Streifen links in Aromantik‑Flaggenfarben und QR‑Code unten rechts. Die Events sind in Spalten aufgelistet: Sonntag 15.02. (17:00 Pre‑Show, 18:00 Lesung Nora Kellner), Montag 16.02. (18:00 Stammtisch Orga Austausch, 20:30 Spieleabend), Dienstag 17.02. (18:00 A*telier Hangout, 20:00 Aktivismusaustausch), Mittwoch 18.02. (18:00 Künstlerisch‑chaotischer Austausch vom Kissenburg Podcast, 20:00 Beziehungsanarchie‑Workshop), Donnerstag 19.02. (19:30 Serverrundgang Neulinge, 20:00 Inspektren Live Bi+Aro*specs), Freitag 20.02. (18:00 Aromantik aus männlicher Perspektive, 20:00 Gray/Demi Austausch + Pen&Paper), Samstag 21.02. (ab 13:00 Samstagsaustausche, 18:00 Ace‑Arovolution). @ASPEC‑GERMAN am unteren Rand

 

 

On Asexualities – ein Workshopwochenende in Berlin

In der etwas missverständlich benamsten „Rostlaube“ der Freien Universtität Berlin startete letzten Samstag der Workshop „On Asexualities“, für den wir vor einigen Wochen Werbung gemacht hatten. Tatsächlich ist diese „Laube“ so groß, dass sie eine komplette Bibliothek umschließt und mehrere „Straßen“ hat, an denen sich die Seminarräume und Hörsäle befinden. Dankenswerterweise hatten Menschen, die sich auskannten, ein Poster mit Richtungspfeilen aufgehängt.

Hier jedenfalls ein kleiner Bericht, denn die meisten Forschenden in den Asexuality Studies arbeiten auf Englisch, und an ein paar Ideen möchte ich euch teilhaben lassen.

Inhaltshinweis: allgemeine Fragen nach ethischem Verhalten, Consent und nicht-konsensuellem Verhalten. (mehr …)

Suppe und Frost: Konferenz-Nachklapp 2025

Mitten in die Grippe- und Erkältungssaison fiel unsere Konferenz diesmal, und knackig kalt war es in Stuttgart obendrein, sodass wir leider mit einigen Personen weniger starteten als geplant. Trotzdem sprengten wir die Anzahl der in der Weissenburg vorhandenen Suppenschüsseln.

Der Samstag

Vortrag mit Workshop: Achtsamkeit und Soziale Nachhaltigkeit

Nach einer kurzen Begrüßung ging es gleich in den ersten Programmpunkt: In der üblichen Vorstellungsrunde fragte die referierende Person, Alé*, neben Namen und Pronomen gleich noch ab, was die Anwesenden so brauchten, um sich tagsüber wohlzufühlen. Neben Essen und Trinken wurden da auch ruhige Ecken, Pausen, Spaziergänge und frische Luft genannt.

Aber was hat nun das Thema des Vortrags mit Asexualität zu tun? Es gibt schon länger Forschung, dass Achtsamkeitsübungen die Wahrnehmung des Umfelds verbessern können. Dies kann wiederum dazu führen, dass Menschen eher motiviert sind, sich ressourcenschonend und umwelt- bzw. mitweltfreundlich zu verhalten.

Für eine Masterarbeit war Alé*s Forschungsgegenstand bewegungsbasierte Achtsamkeitsübungen. Wie lassen diese sich zusammen mit Pausen in Gruppentreffen einflechten, um Menschen in Bewegung zu bringen und einen Aktivismus-Burnout zu verhindern?

Und Aktivismus wird es brauchen, nicht nur für ace und aro Themen, um die 17 Ziele Nachhaltiger Entwicklung der UN zu erreichen. So könnten sich ace und aro und queere Aktivist*innen allgemein interessieren für Ziel 3 „Gesundheit und Wohlergehen“, Ziel 4 „Hochwertige Bildung“, Ziel 10 „Weniger Ungleichheiten“. Und das alles geht nur mit Ziel 17 „Partnerschaften zum Erreichen der Ziele“. Zusammenarbeit erfordert Kommunikationsbereitschaft und Diskussionen zur Konfliktbeilegung. Wer da mit einer besseren Wahrnehmung für sich und andere zu Treffen geht, kann nur gewinnen.

Während des Worshopteils war ich dann mit der Buffetvorbereitung beschäftigt. Ein paar Ideen möchte ich mir aber abschauen, da ich gelegentlich in konfliktreicheren Umfeldern als bei AktivistA unterwegs bin.

Ein Tisch mit blauer Decke, darauf Schalen mit Brot, Gläschen mit Aufstrichen und ein Stapel Teller. Im Hintergrund ein Schrank mit diversen Flyern für queere Angebote.
Es gab nicht nur Suppe, sondern auch Brot mit was drauf.

Speedfriending

Nach dem Essen ging es mit einer halben Stunde Speedfriending weiter. Dazu hatte eine teilnehmende Person Gesprächsimpulse vorbereitet, für die mit wechselnden Personen je ein bis zwei Minuten Zeit investiert werden sollten. Alle, die Lust drauf hatten, kamen also im Raum herum. So erzählte ich mir unbekannten oder nur wenig bekannten Menschen von perfekten Sonntagen, Hobbies, Wohnwünschen und Reisezielen. Ich fand es eine willkommene Reflexionsmöglichkeit, bei der einige Personen hoffentlich auch Anknüpfungspunkte für Gespräche am Abend fanden.

Vorstellung SexPositive Community Stuttgart

Witzigerweise lernte ich die SexPositive Community Stuttgart bei einer Veranstaltung im vergangenen Winter kennen, als AktivistA und die Community als komplettes Gegenteil vorgestellt wurden. So einfach ist die Sache natürlich nicht gestrickt. Denn das asexuelle Spektrum ist eben ein Spektrum und besteht nicht nur aus Aroaces, die sich von jedem Körperkontakt fernhalten.

Uns beehrte Ingo, der die Community gegründet hatte. In der SexPositiven Community Stuttgart wird Sexpositivität so verstanden: Alle sind unterschiedlich, und es ist schön, dass wir alle so unterschiedlich sind. Du darfst du selbst sein, solange du im Consent mit anderen bleibst.

Um mit diesem „Consent“ – Einverständnis oder Konsens – weiterzukommen, braucht eins eine gewisse Diversitätsinformiertheit: Auf welchen Ebenen sind Menschen verschieden und führt das zu Machtgefällen? Nötig ist außerdem eine gewisse Achtsamkeit. Wo überschreitet mein Standard die Grenzen anderer Menschen? Wo überschreiten andere meine, wo überschreite ich meine Grenzen?

Für das Thema Konsens würde ich euch zur entsprechenden Unterseite der Community verweisen.

Zur Community in Stuttgart kommen oft Menschen auf der Suche nach besserem Sex. Neben Chaträumen werden Treffen angeboten. Beim „Exploratorium“ geht es dann in einem moderierten Raum auch um Fragen wie „Was ist Romantik?“, „Was ist Sex?“, die durch unterschiedliche Sichtweisen auf ein Thema Menschen dazu bringen können, voneinander zu lernen.

In der Diskussion ging es viel um „gemischte“ Beziehungen und den darin überhaupt zu findenden Konsens. Leider verinnerlichen viele Aces acefeindliche Standards zu Sexualität, bevor sie überhaupt von Asexualität gehört haben. Dies führt zu einem Machtgefälle in der Beziehung. Was wir aber auch merkten: Grenzen gibt es nicht nur, sobald Erwachsene nackt Dinge zusammen tun. Auch der obligatorische Bussi für die Oma kann Grenzen eines Kindes überschreiten, oder unausgesprochene Regeln darüber, wie Freizeitgestaltung in Freund*innenschaften abzulaufen hat.

Vortrag mit Workshop: Beziehungsanarchie

Als letzten Punkt stellten Finx und Nadja das Konzept Beziehungsanarchie vor. Ausgangspunkt dieses Konzepts ist unter anderem die Frage: Lebe ich die Beziehung, die ich mir aufgebaut hätte, wenn ich bei Null angefangen hätte?

Nun fangen wir als Menschen in einer Gesellschaft in den seltensten Fällen bei Null an. Von klein auf lernen wir ausgesprochene und nicht ausgesprochene Regeln, was gut, richtig und normal ist. Unsere Konzepte von romantischer Beziehung und Familie schweben nicht im luftleeren Raum, sondern sind beeinflusst von kapitalistischen und nationalistischen Interessen, von patriarchalen Vorstellungen von Verfügbarkeit über andere, und von neoliberalen Optimierungsgedanken. Selbst, wenn wir mit den besten Absichten in eine Beziehung gehen, sind Privilegien auf rechtlicher, sozialer und ökonomischer Ebene oft ungleich verteilt.

Sobald wir also einer Beziehung ein gewisses Label aufpappen, folgen daraus Erwartungen und Ansprüche an die beteiligten Personen.

Hier setzt die Anarchie an. Anarchie widersetzt sich Hierarchien, Zwang und Kontrolle. Solidarität und Ordnung sollen aus der Gemeinschaft heraus organisiert werden. Das gilt auch für Beziehungen: Es wird keine Hierarchie von Liebesformen aufgebaut und davon ausgegangen, dass Liebe reichlich vorhanden ist. Beziehungen sollen sich organisch aus den Bedürfnissen der Beteiligten im Konsens entwickeln. Basics auf Englisch findet ihr hier.

Nach dem Vortrag gab es noch eine Runde Murmelgruppen über eine Bildauswahl zum Thema. Danach folgte ein Abend voller Gespräche, der vom Thekenteam der Weissenburg exzellent betreut wurde.

Obligatorisches Infotischbild mit ace-farbenem Spendenschweinderl.

 

Sonntag

Am Sonntag trafen wir uns noch einmal für einen von Eggy moderierten Comics Exchange und weitere Gespräche. Beim Comics Exchange trafen die auf deutsch verfügbaren Marvel- und DC-Pride-Bände auf die Tagebücher der Apothekerin, Is Love the Answer? und Sinners of the Azure Abyss. Für die Geschichte von Gwenpool (Marvel) und Is Love the Answer? gab es Leseempfehlungen. Die Tagebücher sind noch nicht abgeschlossen, sodass unklar ist, inwieweit sich die Autorin dem Druck der Fans auf ein romantisch-sexuelles Ende für die Hauptfiguren beugt.

Im Nebenraum ging es derweil um Beziehungsanarchie, Anziehungsformen und das Leben in einer heteronormativen Welt.

Lesefutter: (Un)Willkommen im „Kein Bock Club“?

Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse erschien von Maria Popov das Buch „Kein Bock Club. Warum wir auch mal keine Lust auf Sex haben“.

Maria Popov ist bekannt von der Aufklärungsreihe „Auf Klo“ bei YouTube und arbeitet als Moderatorin und Journalistin, zum Beispiel bei 3sat.

Wer rezensiert hier? Eine weiße aroace cis Frau mit zwei Sachtexten über das asexuelle Spektrum bei Kleinverlagen.

Das Buch "Kein Bock Club" von Maria Popov auf einem Schreibtisch. Das Cover zeigt neben Titel, Untertitel und dem Namen der Autorin auf blauer Grundfarbe eine Illustration von Füßen in den sprichwörtlichen abturnenden weißen Socken.
Das Rezensionsexemplar ist echt selbst gekauft.

 

Worum geht’s?

Ein bisschen irritierte mich zunächst, dass auf dem Klappentext eine andere Beschreibung steht als online. Während „Asexualität“ auf dem hinteren Buchdeckel ziemlich prominent den ersten von zwei Absätzen beendet, ist das online anders:

Sexuelle Lust gilt als Maßstab für Intimität, Beziehungsqualität und persönliche Erfüllung. Doch was passiert, wenn sie ausbleibt? Wenn wir keinen Bock auf Sex haben, obwohl »eigentlich alles stimmt«? Wenn »Ich bin müde« nur eine Umschreibung für etwas ist, das wir selbst kaum benennen können?

Schon in ihrer Jugend hatte Maria Popov nie richtig Bock auf Sex mit Männern und stößt auf ein Wort, das ihr Gefühl zum ersten Mal beschreibt: Asexualität. Aber was heißt das eigentlich genau? …

(Beguckbar unter: https://www.kiwi-verlag.de/buch/maria-popov-kein-bock-club-9783462010145, Hervorhebungen vom Verlag.)

Der Online-Text ist ehrlicher, aber immer noch etwas irreführend, denn um Asexualität als Orientierung geht es kaum. Zwar wird ein wenig ace Literatur zitiert, aber insgesamt ist „Kein Bock Club“ eher als Gesellschaftskritik angelegt. Also: Was hat Sexualität mit Macht zu tun? Und was Sex-Positivität mit Kapitalismus? Welche Erwartungen werden an (cis) Frauen und Männer herangetragen? Was hat Pornographie damit zu tun? Muss ich in Beziehungen dauernd Bock auf Sex haben? Wieso sorgen sich manchmal Medien darüber, dass die Jugend weniger Sex hat als noch vor zehn Jahren? Was können wir von Aces und Aros lernen?

Unter anderem plädiert Maria Popov dafür, sich die Friendzone zurückzuholen, unser Männerbild aufzuweiten (was durchaus auch Männern helfen könnte, sich in der Postmoderne besser zurechtzufinden) und für den Mut, Sex aus dem Mittelpunkt zu rücken.

Der Text streift einige wichtige Themen, ohne sie zu sehr theoretisch zu vertiefen und zu viele Fremdwörter zu verwenden. Der Text sollte sich auch für Uneingeweihte flüssig lesen und kommt ohne laute Schuldzuweisungen aus. Danach kann ihn eins entweder abhaken oder mit den angegebenen Stichworten vertiefen. Dass hinterher wer auf die Barrikaden geht, wage ich zu bezweifeln.

 

Für wen ist das eigentlich?

Kurz: Eher nicht für Menschen, die regelmäßig a*spec Podcasts hören oder eins von den erhältlichen englischsprachigen oder deutschsprachigen Sachbüchern gelesen haben, es sei denn, sie interessieren sich für die sexuelle Rezession.

Außerdem ist das Buch ungeeignet für Menschen, die etwas über die ace und aro Community lernen wollen oder ace oder aro questioning sind.

Super geeignet scheint es mir für vom Feminismus und Heterobeziehungen enttäuschte allosexuelle Personen. Sowie für alle, die sich um die Frage sorgen, warum industrialisierte Gesellschaften einem kollektiven, aber teils unbewussten Sexstreik (und damit Gebärstreik) immer näher rücken zu scheinen.

 

Erstes Manko: Quellen

Ich finde die Quellenangaben teils etwas spärlich. Zum Beispiel werden verschiedene Anziehungsformen vorgestellt. Ein Hinweis, wo sich mehr zum Split Attraction Model nachlesen lässt, fehlt aber, ebenso wie der Name dieses Konzepts. Butch-Femme-Dynamiken werden angerissen und gefühlt tendenziell verurteilt, was ich für die Butches, die ich kennenlernen durfte, nicht so toll finde. Auch da vermisse ich Belege – oder halt den Hinweis, dass es sich um Erfahrungswissen handelt.

Sexualnormen im Islam werden recht differenziert behandelt, aber so etwas bei einem derart aufgeheizten Thema ohne Quelle stehen zu lassen, erscheint mir nachlässig.

 

Zweites Manko: Willkommen im Club?

Trotz einiger wertvoller Quellen und Ideen bleibt ein Geschmäckle, wie eins im Süddeutschen sagt. Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob die ace und aro Community, so wie ich sie kenne, zum Club gehört, der im Buch beschrieben ist.

Auf Seite 135: „Seit einigen Jahren gibt es zum Glück neue Studien und Bücher zum Thema Asexualität, wenn auch meistens im englischen Sprachraum …“

Was ist unsere Bücherliste? Leberwurst? Selbst wenn eins die nicht findet oder zu veraltet findet, reicht es aus, bei einem Online-Buchhandel der Wahl „Asexualität“ zu suchen und einige Sachtexte und Belletristik ausgeworfen zu bekommen. Genauso fehlt ein Hinweis auf die mit viel Liebe und Zeit ehrenamtlich erstellten a*spec Podcasts. Ist ja nicht so, als hätte das Buch am Ende nicht 9 (!) freie Seiten, auf denen „Zum Weiterlesen und -hören“ stehen könnte.

Desgleichen Seite 207 über alternative Beziehungsformen: „Die aromantische Community hat viele Konzepte entwickelt, die nicht nur für sie selbst, sondern für alle Menschen bereichernd sein können.“

Ist die aro Community damit dem „Kein Bock Club“ zuzurechnen? Ich bin mir nicht sicher. Einerseits schön, dass die aro Community separat genannt wird, andererseits erscheint es mir ein wenig wie die Reproduktion von Ausschlüssen. Statt Aros zu vereinnahmen, wie oft an der ace Community bemängelt, dürfen sie gar nicht mitspielen oder sind nur als Stichwortgebende erwünscht.

Es erschien wohl auch nicht opportun, beispielsweise auf die Liste von Kroschel und Baumgart in „(Un)Sichtbar gemacht“ zu verweisen, die neben queerplatonischen Beziehungen noch andere Optionen wie Soft Romo nennt.

Fazit

Insgesamt fühlt es sich beim Lesen nicht so an, als hätte da wer großen Bock auf die a*spec Community. Dazu sind wir eventuell nicht cool genug – wir sind insgesamt eher nerdig drauf und haben Mastodon statt Tiktok! Außerdem posaunen wir manchmal Informationen über loveless und aplatonische Personen raus, die nicht zum Plädoyer für die kuschelige Friendzone passen.

Konzepte abgreifen geht also, aber die Quellen und damit die jahrelange Wissensproduktion in der Community zu würdigen, scheint nicht nötig. Was es dann erschwert, sich mit allen anderen im „Kein Bock Club“ zu verbünden, die nicht ace sind, sondern aus anderen Gründen dauerhaft oder zeitweilig keine oder wenig oder selten Lust auf Sex haben. Obwohl es dringend nötig wäre.

Zurück bleibt ein ambivalentes Gefühl: Ein informatives Buch, das ein wenig Solidarität vermissen lässt. Gefühlt irgendwie typisch für die Zeit seit 2020.

Stuttgart Pride 2025: Zwei Tage volle Bedröppelung.

Normalerweise brauche ich ja nicht gar so lange, einen Bericht zu verfassen. So richtig abgehakt ist die Stuttgart Pride für die Verfasserin dieser Zeilen allerdings nicht: Das Zelt versucht weiterhin, auf der Terrasse zu trocknen. Bei regelmäßigen heftigen Gewitterschauern mehr ein frommer Wunsch als Realität.

Aber von Anfang an …

Der Paradesamstag

Trotz schwäbischer Ordnungsliebe war es im Aufstellungsbereich etwas eng und Fahrzeuge standen auf den falschen Markierungen. Kurz vor Paradestart fing es dann an auch noch an zu regnen.

Eine Handvoll Menschen unter bunten Schirmen, von hinten und mit ace und aro Flaggen als Umhänge.
Ein Teil der Fußgruppe vor dem Start im Regen.

Das erste Drittel der Strecke legten wir daher gut beschirmt zurück. Danach zeigte sich die Sonne. Dadurch konnte wir doch ein paar Informationen und Sticker unters teils sehr interessierte Publikum bringen.

Drei Menschen tragen ein Banner, das die Logos von AktvistA und Aspec*German zeigt. Am Straßenrand steht eine Menge Publikum.
Die Demogruppe unterwegs.

Einige am Rand stehende ace und aro Personen sammelten wir im Lauf der Parade noch ein, sodass wir am Ende ein paar mehr Menschen waren als am Anfang.

Die fast komplette Fußgruppe von vorn hinter einem Banner mit den Logos von AktivistA und Aspec*German. Außerdem die Forderung: Sichtbarkeit und Akzeptanz für aplatonische, aromantische und asexuelle Menschen.Die meisten sind irgendwie in ace oder aro Farben verkleidet, im Hintergrund noch ein Schild mit "Nur wegen J.K. Rowling muss ich dieses Schild rumtragen."
Die Demogruppe nach der Parade.

Die etwas auffälligere Kostümierung kam beim Publikum ziemlich gut an. Wer weiß, wo die Fotos überall rumschwirren. Wenn ihr uns irgendwo entdeckt, sagt Bescheid!

Filmisch waren wir dieses Jahr nicht so prominent unterwegs wie anno 2024, wo wir es tatsächlich in die Tagesschau schafften.

Entdecken könnt ihr uns im Livestream zur Pride, allerdings nur der vor der Stuttgarter Zeitung & Stuttgarter Nachrichten bei YouTube. Ihr findet uns ab ca. 2:53:10. Der offizielle Stream der IG CSD Stuttgart litt leider unter einigen Schluckaufen, vielleicht auch wegen des Wetters.

Kaum waren wir zusammengepackt, fing es wieder an zu regnen, diesmal mit einer gute halbe Stunde Starkregen, die die Heimreise für einige feucht und wenig fröhlich gestaltete.

Sonntag mit Infostand

Was soll ich sagen? Es regnete bis um neun Uhr morgens. Ich fuhr bei Sonnenschein nach Stuttgart, wo wir das Zelt aufbauten. Dann regnete es. Es blieb eine gute Stunde trocken, bis es wieder eine gute halbe Stunde regnete. Um halb sechs fingen wir an zusammenzupacken, weil es laut Regenradar um 18 Uhr wieder anfangen sollte zu regnen. … Das Regenradar hatte recht.

Auf der Heimfahrt fuhren manche meiner Mithelfenden durch zwei weitere Gewitter.

Zwischen den Starkregenereignissen bekamen wir okay, aber nicht überragend viel Besuch, sodass neben dem Stand zumindest auch mein Gemüt etwas bedröppelt war.

Vielen Dank an alle, die an den beiden Tagen geholfen haben!

Eine Auslage von ace und etwas aro Infomaterial auf einer lila Tischdecke. Dahinter pladdert Regen auf eine schicke Fußgängerzone.
Gewitterregen vor dem Infostand.

Über das Neinsagen

Ambition und Inspiration

Vor einigen Wochen habe ich versprochen, meinen eher nachdenklichen Redetext aus Pforzheim nachzureichen. Kurz, bevor sich der süddeutsche Teil des Vereins in die Stuttgart Pride stürzt, ist mir aufgefallen, dass das noch aussteht.

So ein Text fällt nicht vom Himmel. Zunächst hatte ich mich entschieden, nicht einfach politische Forderungen aufzustellen. Es war absehbar, dass andere auf der Bühne das tun würden. Nicht, dass wir keine politschen Forderungen hätten. Einige davon sind im Posting zum diesjährigen Internationalen Asexuality Day nachlesbar.

Gleichzeitig war mir klar, dass es nötig wäre, eine ace und aro Präsenz zumindest in Ansätzen zu erklären. Warum sind wir bei so einer Veranstaltung? Was trennt, was haben wir mit anderen Anwesenden gemeinsam? Wie viel Trennung wollen wir zulassen?

Diese Überlegungen wurden durch Lesestoff der letzten Monate befeuert. Daher ein paar Buchhinweise.

Zum einen Audre Lorde, die sowohl zum Thema Selfcare als auch zum Thema gewaltfreier Widerstand kluge Dinge geschrieben hat. Und zu einigen anderen Dingen auch. Die Aufsatzsammlung Sister Outsider ist äußerst empfehlenswert, auch wenn zeitbedingt trans Themen wenig vorkommen. Die deutsche Übersetzung ist bei Penguin/btb erschienen.

Cornelia Fleck hat Audre Lorde und andre Quellen genutzt, um in Queerfulness (beim Quer Verlag) Ideen für eine solidarische Protestkultur darzulegen. Ganz ohne Sara Ahmed, die in The Promise of Happiness aber zu ähnlichen Schlüssen kommt.

Und damit zum eigentlichen Text.


Über das Neinsagen: Textentwurf

Ich gehöre zu dem ziemlich lila Infostand da hinten: Das ist AktivistA, der Verein zur Sichtbarmachung des asexuellen Spektrums.

Als wir 2012/2013 mit Infoständen und Demogruppen angefangen haben, auf den CSDs in Stuttgart und Karlsruhe, und auch auf dem transgenialen CSD in Berlin-Kreuzberg, da waren viele andere Besuchende erst mal irritiert. Denn wenn ich es ganz kurz fassen müsste: Wir sind das Nein.

Nein, ich blicke nicht, warum mich die Genitalien anderer Menschen interessieren sollten, und ich habe keine Ambitionen, die anzufassen.

Nein, ich verstehe nicht, warum alle so auf romantische Paarbeziehungen abzufahren scheinen und irgendwen zu ihrem Ein und Alles erklären möchten.

Derartige Neins könnte ich noch ausdifferenzieren. Aber dafür ist die Redezeit zu kurz, und an unserem Infostand gibt es das alles auch zum Nachlesen.

Im Lauf der Zeit haben die meisten mit Fragezeichen in den Augen verstanden, dass unser Nein sich nicht so sehr von ihrem Nein unterscheidet.

Nein, in diesen Traum vom normalen Glück mit Hetero-Beziehung und allem, in den passe ich leider nicht rein. Ich brauche eine Maßanfertigung, gern in Lila, mit viel Glitzer und Pailletten.

Ich glaube, die meisten von uns wissen, dass solche Neins nicht einfach zu äußern sind.

Manchmal ist es zum Beispiel für Teenies der Weg des geringsten Widerstands, irgendeine hetero-genehme Schwärmerei zu erfinden, statt zu sagen: Ich steh nicht auf Mädchen. Oder: Ich steh nicht auf Jungs. Oder: Ich finde Jungs und Mädchen interessant. Oder: Ich blicke nicht, was ihr mit „heiß“ meint.

Genauso ist es einfacher, einen rassistischen, ableistischen, sexistischen oder queerfeindlichen Spruch wegzulächeln, statt zu sagen: Du trittst gerade nach unten, und das ist nicht witzig.

Solche Neins kosten Kraft.

Aber es gibt einen Grund, warum patriarchale Gesellschaften Frauen gern vereinzeln. Es gibt einen Grund, warum Nazis und Rechtsaußen und religiöse Fundis gegen CSDs protestieren und versuchen, uns aus dem öffentlichen Raum zu vertreiben:

Die haben Angst. Die haben Angst vor unserem Nein.

Kultur ist immer eine Sache der gesellschaftlichen Aushandlung, und genau diese Aushandlungen, diesen Diskurs wollen sie verhindern. Denn unsere bloße Anwesenheit enttarnt die Angst, die Pluralität, Veränderung und Mehrdeutigkeiten in ihnen auslösen. Unser Nein stört die Grenzen, die sie ziehen möchten. Diese sauberen Grenzen brauchen sie, um sich dann gut, sicher und gerecht zu fühlen und sich auf der obersten Stufe der Hierarchie breit zu machen.

Weil sie Angst haben, verbreiten sie Angst. Sie fabulieren Bedrohungen zusammen. Diese Märchen verpacken und verbreiten sie dann so geschickt, dass ungefähr 25 % Prozent des Wahlvolks in diesem Land ihre Vernunft und ihre Empathie ausschalten.

Und dann wollen sie uns noch einreden, dass es wieder besser würde, wenn nur LGB das TIQplus unter die Räder des Faschismus kommen ließe.

Mal ist die Angstmache von rechtsaußen und von religiösfaschistischer Seite sehr direkt, indem sie uns und unsere Lieben mit Worten und Taten bedrohen. So auch heute.

Und denen ist entlarvenderweise egal, welche Buchstaben wir benutzen.

In Anbetracht dieser Tatsache kann ich nur sagen: Danke, dass ihr trotzdem da seid und mit uns demonstriert!

Ich weiß, unsere Neins kosten Kraft, aber sie haben in der Vergangenheit was gebracht. Der allererste Christopher Street Day war ein Aufstand gegen die Obrigkeit, für den wir heute dankbar sind.

Auf Dauer bringt es aber nichts, Pflastersteine zurückzuwerfen: Zwischen verhärteten Fronten bleibt am Ende für alle nur ein Scherbenhaufen.

Ja, wir haben manchmal Angst. Und nein, lassen wir uns davon nicht kirre machen. Entscheiden wir uns für Solidarität statt Egoismus. Seien wir kreativ statt restriktiv. Und statt uns ins Ewiggestrige zurück zu wünschen: Seien wir bereit, die Zukunft mit radikaler Zärtlichkeit zu gestalten.

Danke!

Mehr Leute auf der Demo als am Straßenrand: CSD Karlsruhe 2025

In einer heroischen Anstrengung tippe ich diese Zeilen trotz Muskelkater. Gestern habe ich drei Kilometer Stop-and-Go mit dem bewährten wie voll befüllten AktivstA-Demohandwagen zurückgelegt. Diese machen sich nun im Bizeps bemerkbar.

Das folgende Bild gibt in etwa einen Eindruck der zu bewegenden Last vorn rechts. Im Hintergrund hat die erste Vorsitzende versucht, sich praktisch, aber in den Farben der Aroace-Flagge zu verpacken und sich dabei ohne den üblichen Hut gut getarnt. Das ist aber nichts gegen die Pan-Dämonie links und die Aces am Zylinder daneben. Insgesamt hatten wir acht Mitstreitende.

Fünf Menschen posieren hinter einem bunten Banner. Die Personen haben sich verschiedene Pride-Flaggn umgehängt oder sind passend kostümiert. Auf dem Banner steht "AktivistA und Aspec*German - Mehr Sichtbarkeit und Akzeptanz für das asexuelle, aromantische und aplatonische Spektrum." Im Vordergrund steht ein Bollerwagen, aus dem eine Demi-Ace-Flagge ragt. Ein kleines Textilbaner macht Werbung für AktivistA, aromantik.de und Aspec*German.

Und leichter wurde der Wagen auch nicht. Anders als zum Beispiel aus Stuttgart, Köln oder Berlin gewohnt, befand sich der Großteil der 11’000 angereisten Personen tatsächlich im Demowurm statt am Straßenrand. Deswegen wurden wir nur begrenzt Flyer und Sticker los. Aber immerhin konnten wir einige Aces und Aros darauf hinweisen, dass es Organisationen gibt, bei denen sie Menschen aus den asexuellen und aromantischen Spektren finden können. Vielen Dank auch an QueerAmnesty Karlsruhe! Diese sehr netten Menschen hatten für uns Faltblätter ausgelegt, da wir wegen der Urlaubszeit keinen eigenen Stand auf die Beine stellen konnten.

Im Fernsehen sind wir diesmal nicht gelandet (hier der SWR-Berichtaber/nur KA-News hat ein schönes Bild von einigen von uns und den Demoschildern. Alle bekannten Bildquellen für die komplette Parade 2025 versammelt der CSD Karlsruhe.

Der 28. Mai – ein neuer Tag des Lieblingsmenschen?

Mehr aus Zufall stellten wir fest, dass Blume2000 den 28. Mai als Tag des Lieblingsmenschen ausgerufen hat.

Eine regenbogenfarbene Tonspur vor schwarzem Hintergrund. Auf der hälfte ein stilisiertes Megafon, das die Tonspur von schmal (also leise) nach breit (also laut) dreht.

Dies selbstverständlich nicht ganz uneigennützig, will Blume2000 doch gewiss, wie der Name des Unternehmens schon sagt, Blumen verkaufen. Aber es hat was, denn nicht alle unsere Lebens- oder Lieblingsmenschen sind uns in romantischer Liebe verbunden. Es soll ja tatsächlich so was wie queerplatonische Partner*innenschaften und beste Friends with Benefits geben, mal mit, mal ohne Poly-Anteile. Damit bricht Blume2000 aus vermutlich kapitalistischen Gründen amatonormative Stereotype auf.

Amatonormativität ist die in unserer Gesellschaft vorherrschende, meist unbewusste Überzeugung, dass exklusive, romantisch-sexuelle Beziehungen grundsätzlich wichtiger und wertvoller als andere Arten von Beziehungen (z. B. Freund*innenschaften) sind und dass alle Menschen diese unterhalten oder zumindest anstreben sollten.

Nun hätte eins den Weg Finnlands gehen können. In Finnland ist der Valentinstag nämlich nicht für romantische Paare reserviert, sondern vor allem für die Freundschaft. Überall sonst sind asexuelle und vor allem aromantische Menschen am 14. Februar außen vor. Aber bei Blume2000 wurde es, warum auch immer, der 28. Mai.

Denn Blume2000 kennt tatsächlich zudem den Internationalen Tag der Freundschaft am 30. Juli, den die Vereinten Nationen 2011 in ihr Register aufgenommen haben.

Leider sind Schnittblumen nicht so günstig, welken schnell, und je nach Variante gehen sie ganz schön aufs Klima. Daher haben wir ein paar unkommerzielle Ideen versammelt, falls eins von euch diesen Tag nutzen möchte, um euren besten Freundespersonen, (queer)platonisch Verbundenen, Familienangehörigen oder sonst wem euch wichtigen eine Freude zu machen.

Eins könnte …

  • miteinander kochen
  • den Lieblingsmensch anrufen, falls ihr nicht zusammen wohnt
  • für die Person was basteln
  • liebe Zettel schreiben
  • sich auf einen Tee treffen
  • sich zu einem gemeinsamen Spaziergang treffen
  • Wiesenblumen pflücken
  • oder Samenbomben für Bienenfutter verteilen, falls zu wenig blüht bei euch
  • gemeinsam wandern gehen
  • einen Brettspielabend veranstalten
  • gemeinsam picknicken
  • einander aus einem Buch vorlesen (per Telefon oder bei einem Treffen)
  • zusammen in den Himmel schauen und Wolkenformen entdecken.

Habt ihr noch Ideen? Wollt und braucht ihr einen nicht romanzen-lastigen Tag, um eure(n) Lieblingsmenschen zu feiern?

Warum gehört das zweite A zum IDAHOBITA?

CN: Wiedergabe von trans- und acefeindlichen Meinungen und verschwörungserzählerischem Geschwurbel, Erwähnung von Pädokriminalität


Unser Sharepic zum IDAHOBITA: In der Mitte das Logo des Aktionstags, ein lila Dreieck mit dem Ausrufezeichen und dem Untertitel "International Day against Homophobia, Transphobia and Biphobia, A Worldwide Celebration of Sexual and Gender Diversities, May 17". Außenrum der Titel unseres Beitrags, die CNs und das AktivistA-Logo.

 

Wieso soll denn da noch ein A rein?, werden sich auch dieses Jahr Menschen fragen. Die Diskussionen erleben wir online oder offline in aktivistischen Kontexten. Soll der 17.5. das bleiben, als was er gegründet wurde, nämlich ein Aktionstag gegen Homofeindlichkeit? So kommt die älteste Abkürzung zustande: International Day Against HOmophobia, kurz IDAHO. Mit den Jahren ergänzt wurden Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit, sodass dass das häufigste Akronym IDAHOBIT wurde, mal mit, mal ohne Plus. Als Verein, in dem ace und aro Menschen unterwegs sind und der mit anderen ace und aro Organisationen verbündet ist, kann AktivistA logisch auf ein zweites A nicht verzichten. Das queere Landesnetzwerk in Baden-Württemberg folgte sogar einem Aufruf aus Heidelberg und spricht vom IDAHOBALTI+, erinnert also neben der Aspec- auch an Lesbenfeindlichkeit.

Populären Annahmen zum Trotz gibt es Feindlichkeit gegen ace und aro Menschen, und tatsächlich erleben wir gerade live, wie diese Gruppen zum Hassobjekt von rechten und religiös-fundamentalistischen Gruppierungen im englischsprachigen Raum werden.

Sozusagen von 0 (wie unsichtbar) auf 100 zum Sündenbock für den vermeintlichen Untergang des christlichen Abendlands.

Was passiert da also seit 2021?

 

Schritt 1:

Es beginnt mit intuitiver Ablehnung als Reaktion auf Sichtbarkeit von bzw. Konfrontation mit besagter Minderheit, die in Form von Spott, Verleugnung und Entmenschlichung daherkommt.

Beispiele:

“Happy International Fake Oppression Day to everyone who wants complete strangers to know they don’t fancy a shag.”

(In etwa: „Fröhlichen Internationalen Tag der Pseudo-Unterdrückung für alle, die komplett fremden Menschen mitteilen wollen, dass sie keine Lust aufs Vögeln haben.“ – J. K. Rowlings Reaktion auf einen Tweet zum International Asexuality Day am 6.4.2025, siehe unter anderem unsere Reaktion)

 

“Well, humans aren’t asexual. Some animals are asexual. Komodo dragons and crayfish are asexual, but humans aren’t Komodo dragons and crayfish.”

(In etwa: „Nun ja, Menschen sind asexuell. Manche Tiere sind asexuell. Komodowarane und Süßwasserkrebse sind asexuell, aber Menschen sind weder Komodowarane noch Krebstiere.“ – Matt Walsh in einem Beitrag über Latoya Raveneau vom 9.4.2022, Quelle: https://theacecouple.com/episode085/)

Diese Reaktion kann unter anderem dadurch ausgelöst sein, dass man das Gefühl hat, die eigene Identität (als Frau/Mann/heterosexuelle cis Person) würde durch die bloße Existenz von Menschen, die anders sind, in Frage gestellt werden.

 

Schritt 2:

Statt die darauffolgende Kritik zum Nach- und ggf. Umdenken zu nutzen, sieht man sich im Recht und erfindet, in Ermangelung echter Gründe für die Ablehnung, Lügen über die Minderheit, teilweise mit pseudowissenschaftlichem Anstrich, die scheinbar harmlos beginnen, aber recht schnell in Verschwörungserzählungen wie die vom „Großen Austausch“ eingewoben werden. Je nach Erzählung hängt die Pharmaindustrie mit drin, da Asexualität angeblich wahlweise durch Impfungen oder durch Antidepressiva entstehe, oder man greift auf die „Groomer“-Vorwürfe der 1970er zurück. Für diejenigen, an denen die Debatten um Cybergrooming etc. vorbeigingen: „Grooming“ („Heranziehen“) beschreibt, wenn potentielle Täter sich in Missbrauchsabsicht stufenweise das Vertrauen von Minderjährigen erschleichen.

 

Beispiele:

“Puberty blockers probably stop sexual development so these kids will never have an orgasm. They’ll be asexual. [There will] be a growing community of asexual trans kids.”

(In etwa: „Pubertätsblocker halten die sexuelle Entwicklung an, also werden diese Kinder nie einen Orgasmus erleben. Sie werden asexuell sein. [Es wird] eine wachsende Community von asexuellen trans Kindern geben.“ Tweet als Reaktion auf die Ace Week im Oktober 2021, zitiert nach Sherronda J. Brown: https://prismreports.org/2023/01/13/acephobic-conspiracy-theories-transphobic-fascist-roots/)

 

„It is an ideological creep overlapping with transhumanism, transgender subcultures and online cult, with very aggressive policing of presentation and language, often promoting having sex with people you feel nothing emotional for. I believe it is about breaking boundaries and making people exposed to manipulative peers all whilst disconnected from parents and outsiders who are baffled by the novel terminologies. Shame and embarrassment are a way to keep people under control and will occur when children and young adults are forced to disavow their asexuality when they fall in love or pass puberty and have sexual feelings.“

(In etwa: „Es handelt sich um eine schleichende ideologische Verbreiterung, die überlappt mit Transhumanismus, trans Subkulturen und Onlinekulten, mit einer sehr aggressiven Kontrolle von Präsentation und Sprache, die oftmals dazu ermutigt, mit Menschen Sex zu haben, für die man keine Gefühle hegt. Ich glaube, dass es darum geht, Grenzen zu überschreiten und Menschen einer manipulativen Peergroup auszusetzen, während sie gleichzeitig getrennt werden von Eltern und Außenstehenden, die von den neuen Begrifflichkeiten verwirrt sind. Scham und Verlegenheit sind ein Weg, um Menschen zu kontrollieren und werden unweigerlich auftauchen, wenn Kinder und junge Erwachsene von ihrer Asexualität abschwören müssen, sobald sie sich verlieben oder nach der Pubertät sexuelle Gefühle entwickeln.“ Bryndis Blackadder in einem Blogbeitrag vom 9.5.2021, https://bryndisb.substack.com/p/asexuality-queering-the-mundane, Anmerkung der Übersetzerin: Das steht da wirklich so.)

 

„It is our opinion that conversations about asexuality may groom children to see enthusiastic consent as an optional extra; this is clearly a risk. […] He can use the cover of “I am an asexual so I have no sexual desire” to give the child a false sense of reassurance while he continues to groom her (or him).“

(In etwa: „Unserer Meinung nach könnten Gespräche über Asexualität dazu heranziehen, enthusiastischen Consent [zu sexuellen Handlungen] als optional zu betrachten; dies ist ein eindeutiges Risiko. […] Er kann ‚Ich bin asexuell und empfinde deshalb kein sexuelles Verlangen‘ als Tarnung verwenden, um dem Kind ein falsches Gefühl der Sicherheit einzuflößen, während er weiterhin Grooming betreibt‘.“ Safe Schools Alliance UK in einem Blog-Beitrag vom 2.11.2021 als Reaktion auf einen Facebook-Beitrag von Girlguiding UK zur Ace Week https://safeschoolsallianceuk.net/2021/11/02/girl-guiding-and-asexuality/)

 

 

Schritt 3:

Auf diese Weise entsteht nach und nach ein Bild der Minderheit als Bedrohung für die gesamte Gesellschaft im Allgemeinen und (weiße) Frauen und Kinder im Speziellen und einer angeblichen Gefahr für die Sicherheit letzterer und für den Fortbestand der (weißen) Zivilisation und des Status Quo. Gleichzeitig stellt man sich selbst als moralisch überlegenen Menschen dar, der das alles „nur für die Kinder“ tut.

 

Fazit

Seit einigen Jahren kann man beobachten, wie auf diese Weise öffentliche Hasskampagnen gegen asexuelle und teilweise auch aromantische Menschen entstehen, und wie ihnen dieselben Dinge unterstellt werden, die auch schon anderen queeren Menschen unterstellt wurden und werden.

Aces und Aros sind also von derselben Queerfeindlichkeit betroffen wie alle anderen, die nicht hetero und/oder nicht cis sind.

Genau deswegen braucht und hat der IDAHOBITA/IDAHOBALTI+ ein zweites A.

 

 

Weiterführende Links: