Vorab ein Nachtrag zur letzten Presseschau: In ihr hatte ich einen Text auf web.de weitestgehend unkommentiert gelassen. Daraufhin wies eine Person auf verschiedene Probleme nicht nur mit diesem Text, sondern der Berichterstattung über das Aspec generell hin. Vielen Dank dafür! Ich freue mich, lernen zu dürfen, und generell gilt: Diese Texte geben meine Erfahrungen und mein Wissen wieder. Das Feedback anderer Personen aus den asexuellen und aromatischen Communities ist sehr willkommen!

Hier einige der Punkte, die fehlten:

  • Auch wenn eine Person ace UND aro ist, stellen Artikel oft alles unter das Framing der Asexualität.

  • Bemerkungen wie „asexuelle Personen sind nicht traumatisiert / krank / bindungsgestört / autistisch / behindert“ marginalisieren Aces, die, wie Menschen anderer Orientierungen auch, genau all das sein können.

  • Asexualität wird oft noch pathologisiert. Besser als die Person, die mich auf meine Oberflächlichkeit hinwies, kann ich’s auch nicht sagen: „Im Text wird ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie befragt. Wenn der sagt, dass Asexualität nicht behandlungsbedürftig ist, ist das an sich gut. Aber: Asexualität wird nach wie vor im ICD-11 pathologisiert. Die Psychiatrie hat uns immer pathologisiert und hört erst allmählich damit auf, weil seit über 20 Jahren Aktivist*innen diese Strukturen bearbeiten. Aces haben ca. 15 Jahre lang selbst Konzepte entwickelt und community research betrieben, jetzt reißen Akademiker*innen die Themen an sich und und schlagen Profit (Zitationen, Ruhm, Jobchancen) daraus, ohne uns zu referenzieren. Ich finde es mit wenigen Ausnahmen inakzeptabel, Leute dieses Systems nach der Validität von Asexualität zu befragen. Das suggeriert zudem, dass Asexualität eine Störung sein und erst die „Fachmeinung“ das final bestätigen oder verneinen könnte. Das Gegenteil ist der Fall: Wir wussten von Anfang an, dass unsere sexuelle Orientierung valide ist und haben Jahrzehnte des Aktivismus gebraucht, um solche Leute zu überzeugen.“

Nochmals tausend Dank! Weiter geht’s mit ein paar neuen Fundstücken:

Vital.de: Libidoverlust beim Mann: Woran liegt es?

Ein ganz einfacher und natürlicher Grund für eine nicht vorhandene oder nur schwach ausgeprägte Libido kann Asexualität sein. Asexuelle Menschen empfinden keine sexuelle Lust gegenüber anderen und haben daher kein Interesse an Sex. Asexualität wird nicht als Krankheit klassifiziert, da asexuelle Personen keinen Leidensdruck infolge ihrer fehlenden Lust verspüren.

Libido hat nichts mit Asexualität zu tun, Aces können eine Libido haben. Dass sie „keine sexuelle Lust gegenüber anderen“ empfinden, ist immerhin fast richtig, falls damit sexuelle Anziehung oder der Wunsch nach sexueller Interaktion gemeint sein sollte. Schließlich kann beides auch sehr selten auftreten oder gering sein. Ob es gemeint ist, wissen wir aber nicht, vor allem nicht, weil im letzten Satz dann wieder sehr allgemein von „fehlender Lust“ die Rede ist. Eine potentiell asexuelle Person mit Libido wird sich in dieser Definition nicht wiederfinden können und Rat suchen, der in den meisten Fällen darauf hinauslaufen dürfte, sich entgegen ihrer sexuellen Identität zu verhalten. Vielleicht hat sie auch nur ein wie auch immer geartetes „Interesse an Sex“ (sozial, künstlerisch, kulturell) oder wäre bereit, einer Partnerperson zuliebe Sex zu haben. Auch dann wird sie mit solchen Ratschläge in die Irre geleitet.

Refinery29.com: „Ich habe Angst, dass meine Asexualität meine Beziehung zerstört“

Die Probleme dieser fehlenden Unterscheidung zwischen sexueller Anziehung, Libido, „Interesse an Sex“ und Wunsch nach sexueller Interaktion verdeutlicht die Antwort einer Ehe- und Familientherapeutin auf folgendes Anliegen:

Ich glaube, dass ich mich auf dem Asexualitätsspektrum befinde. Ich habe mich nie groß sexuell zu jemandem hingezogen gefühlt und Sex war in meinem Leben bisher auch nie eine Priorität. Ich bin absolut zufrieden damit, es nicht allzu oft zu tun. (… ) Ich habe schon ganz offen mit (meinem Partner) darüber gesprochen, dass ich glaube, asexuell zu sein und deswegen nie den Sex einzuleiten – es kommt mir einfach nie in den Sinn. Ich habe ihm auch klargemacht, was ich für ihn empfinde, dass ich ihn liebe und dass ich absolut mit ihm Sex haben würde, wenn er es für wichtig hält oder auch einfach nur Lust darauf hat. Meine mangelnde Erfahrung macht mich extrem nervös, weil ich nie wirklich etwas Sexuelles erlebt habe – geschweige denn mit einer anderen Person. Ich habe Angst, dass eine sexuelle Situation zwischen uns zu peinlich werden oder ich meinem Partner damit wehtun könnte, dass ich nicht weiß, was ich tue (…) Ich will ja Sex mit ihm haben, weil es uns beiden Spaß macht und ich es mit ihm auch nie wirklich bereut habe – aber meine fehlende Erfahrung und meine Gefühle rund um Sex machen mich einfach so nervös, dass ich Angst davor habe, ihm körperlich wehzutun oder beim Sex gleichgültig zu wirken.

Die Therapeutin gibt auf dieses Anliegen eine potentiell schädliche Antwort. Sie schreibt: „Asexualität ist ein Spektrum; manche Menschen empfinden gar keine Lust auf Sex, während andere ab und an doch an Sex, Masturbation oder Orgasmen interessiert sind.“ Ja, Asexualität ist ein Spektrum, hat aber nichts mit „Lust auf Sex“ (Was ist gemeint? Allein? Mit anderen? Lust, erotische Literatur zu lesen? Erregung? Libido?), Masturbationsgewohnheiten oder Orgasmen zu tun, sondern mit sexueller Anziehung. In ihrem Text nennt die Therapeutin viele Gründe, weshalb eine Person trotz sexueller Anziehung außerstande sein könnte, mit eine*r Partner*in sexuell aktiv zu werden. Darauf, dass der Fragende sich als asexuell vorstellt und lernen möchte, wie er als asexueller Partner die Bedürfnisse eines allosexuellen Partners erfüllen kann, geht sie nicht ein. Die Begriffe sex-repulsed (gänzlich abgeneigt), sex-indifferent (gleichgültig und unter Umständen bereit, Sex mit anderen zu haben) und sex-favourable (zugeneigt bis hin zum Genuss) fehlen vollkommen, obwohl es durch manche Äußerungen in der Anfrage immerhin möglich scheint, dass der Fragende sich zwischen repulsed und indifferent verorten könnte. Mehr noch, die Therapeutin schreibt:

So, wie du über deine Sexualität sprichst, frage ich mich, welche Aspekte deiner persönlichen Beziehung zu Sex und Lust mit einer asexuellen Identität zusammenhängen, und welche sich auf dein Unwohlsein in deinem Körper zurückführen lassen. Obwohl sich das so anhört, als sei beides dasselbe, glaube ich, dass es in Wahrheit zwei Teilbereiche sein könnten, die hier miteinander vermischt werden.

Richtig, Asexualität hat nichts mit Abneigung gegen den eigenen Körper zu tun, aber das hat sex indifferent oder repulsed zu sein auch nicht. Fehlende Libido bei allosexuellen Menschen kann behandelbare Ursachen haben. Eine sexuelle Identität, zu der gehören kann, sexuellen Handlungen gegenüber eher abgeneigt oder gleichgültig zu sein, braucht keine Heilung, sondern Ratschläge für eine offene Kommunikation und Vorschläge, wie eine romantische Beziehung mit einseitiger sexueller Anziehung gelingen kann. Weil beides fehlt, ist die auf den ersten Blick recht einfühlsam zu lesende Antwort leider nicht mehr als der fehlgeleitete und schädliche „Rat“, die eigene sexuelle Identität zu ignorieren und am Ende ausgerechnet durch „Selbstliebe“ zu ändern. Erwähnt werden auch die Bullsh*it-Bingo-Klassiker „Ist es vielleicht nur Trauma, Angst oder ein unbewusster Kink?“. Damit wird der aufrichtige Wunsch des Fragenden, an der Beziehung gemeinsam mit dem Partner zu arbeiten, zu einer individuellen Schuldzuweisung an ihn, den asexuellen Part. Und darauf, der allosexuelle Partner könnte durch offene Kommunikation Verständnis entwickeln, seine Bedürfnisse anpassen und ebenfalls Lösungen suchen wollen, weil seine Ansprüche nicht über denen anderer stehen, wird schon gar nicht hingewiesen. Solange aber die Aussage einer Person über ihre sexuelle Orientierung nicht ernst genommen und der „wirkliche“ Grund für die Selbstidentifikation als asexuell gesucht wird, ist jeder vermeintliche Ratschlag nur eine Zurecht- und Zurückweisung.

Diese Seite steht unter CC BY-SA 4.0.
CC BY-SA 4.0

1 Comment on Presseschau #2

  1. Asexualität wird weder im ICD-11 noch im ICD-10 pathologisiert.

    Außer natürlich man möchte Menschen mit für sie selbst unerfreulichen Entwicklung im Bereich der sexuellen Appetenz grundsätzlich der Asexualität zuordnen. Das würde aber letztlich bedeuten, dass man ihnen sowohl ihren subjektiven Leidensdruck als auch einen intrinsischen Wunsch nach Veränderung abspricht und damit die Möglichkeit einer Veränderung in ihrem Sinne als nicht erstrebenswert und/oder nicht mittels einer Therapie erreichbar betrachtet. Schließlich liegt der Zweck einer Diagnose primär darin eine adäquate Behandlung zu ermöglichen und mit den Krankenkassen abzurechnen.

    Bereits im nun schon 30 Jahre alten ICD-10 findet sich folgende Kriterienliste im Kapitel F52 „sexuelle Funktionsstörungen, nicht verursacht durch eine organische Störung oder Krankheit“ welche somit der konkreten Diagnose F52.0 „Mangel oder Verlust von sexuellem Verlangen“ übergeordnet ist.

    G1. "die Betroffenen sind nicht in der Lage eine sexuelle Beziehung so zu gestalten wie sie möchten"

    G2. "Die Funktionsstörung tritt häufig auf, kann aber bei Gelegenheit auch fehlen"

    G3. "Die Funktionsstörung besteht seit mindestens sechs Monaten"

    G4. "Die Störung ist nicht auf eine andere psychische oder Verhaltensstörung der ICD-10, auf körperliche Störungen (wie eine endokrine Störung) oder auf medikamentöse Behandlung zurückzuführen"

    Wobei G4 nur den ohnehin selbstverständlichen Grundsatz der Differentialdiagnostik nochmals explizit ausführt welcher besagt, dass eine Störung nur dann diagnostiziert werden darf, wenn es keine andere Störung gibt, die die Symptomatik besser erklärt.

    Der Begriff der sexuellen Anziehung taucht ohnehin nirgends auf. Wenn man Asexualität also womöglich sogar als unabhängig vom Verlangen nach Sex betrachten möchte, dann gibt es dazu im ICD-10 überhaupt keine Aussagen mehr.

    Zusätzlich liegt natürlich grundsätzlich keine psychische Störung vor, wenn keines der folgenden allgemeinen Kriterien erfüllt ist (vergl. dazu beliebige Handbücher zum Thema Klinische Psychologie):

    persönliches Leid,
    Beeinträchtigung der Lebensführung,
    Unangemessenheit des Verhaltens und Erlebens (damit sind insbesondere auch Fremd- und Selbstgefährdung aufgrund der Störung gemeint).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.