Schon seit längerer Zeit hatten wir festgestellt, dass für Menschen mit Lernschwierigkeiten nicht besonders viel Material zu queeren Themen erhältlich ist. Und zum asexuellen Spektrum? Da gab und gibt es noch mal weniger.
Und es ist ja auch schwierig zu erklären. Asexualität als sexuelle Orientierung ist unbekannt, und das mit dem Spektrum erfordert schon auf Standardsprache einiges an Platz. Wie vermittelt man das Thema nun Personen, die Schwierigkeiten mit dem Lesen haben? Oder die mit Abstraktionen hadern?
Nach einigen Runden mit unserer Übersetzerin Sarah Riehle sind wir dieses Jahr endlich fertig geworden. Es gibt ein PDF! Liebevoll illustriert wurde das Heft von Kimi Tenna Keßler.
Wie die Überschrift schon sagt: Die alljährliche Befragung der ace Community mit Internetzugang ist eröffnet. Mittlerweile habt ihr 16 Sprachen zur Auswahl, darunter auch Deutsch.
Wobei, ein bisschen ist der Name irreführend: Neben Menschen aus dem asexuellen Spektrum und noch Unentschiedenen freut sich das Survey Team auch über Beteiligung von nicht-asexuellen Verbündeten. Mindestens 15 Jahre alt solltet ihr aber sein, wegen der Datenschutzrichtlinien bei der Uni, die das Projekt unterstützt.
Dass es etwa ein Prozent asexuelle Menschen gäbe, geistert seit 2004 durch die Medien- und die Aktivismuslandschaft. Die Zahl hat aufgrund ihrer Rundheit einen nicht unerheblichen Charme und wird häufig wiederholt. „So viele asexuelle Menschen, wie es Rothaarige gibt!“, heißt es dann, beispielsweise in einem neuen Podcast vom Bayerischen Rundfunk.
Und klar: Wenn ich erstens darauf hinweisen möchte, dass wir wirklich existieren, und zweitens ein bisschen politischen Rumms als Interessengruppe entwickeln möchte, ist so eine Zahl echt praktisch. (Wir nutzen sie auch.)
Aber stimmt sie?
Aces zählen ist wie Schäfchen zählen, nur schwieriger.
Wen zählen wir eigentlich wie?
Bevor wir uns die Ergebnisse der oftmals zitierten Arbeit von Bogaert aus dem Jahre 2004 anschauen, ist erst mal die Frage: Wer zählt überhaupt als asexuell?
Wahrscheinlich irritiert Außenstehende, dass es beim ace Schirmbegriff keine klaren Kategorien gibt sowie eine große Zahl ein Mikrolabeln. Das heißt, wenn ich abfragen will, wer sich alles zum ace Umbrella zählt, muss ich beim Umfragedesign gut aufpassen.
So sollte ich in Multiple-Choice-Bögen nicht die Option „asexuell“ anbieten, sondern eher so etwas wie „asexuelles Spektrum“, um wirklich alle Aces einzufangen. Andernfalls müsste ich eine Write-in-Möglichkeit anbieten — also ein leeres Feld, in das die Menschen ihre Selbstbeschreibung eintragen können. Die Auswertung von Write-ins ist recht zeitaufwendig und daher teuer.
Desgleichen muss ich bei Multiple Choice mindestens zwei Antworten zulassen. Eins kann ja beispielsweise demi-ace und schwul sein, etc. pp.
Mit so einer Methode werden im Idealfall Menschen erfasst, die sich als ace beschreiben.
Menschen, die sich eventuell auf dem asexuellen Spektrum verorten könnten, sich aber nicht so identifizieren, bleiben außen vor. Vielleicht haben sie das Wort gehört, aber nicht auf sich bezogen, oder sie kennen den Begriff nicht. Und Menschen, die sich nicht als ace beschreiben, obwohl sie theoretisch ins Spektrum passen würden, sind so ebenfalls nicht zu zählen. „Aces-in-potentia“ bleiben also unsichtbar.
Die nächste Frage: Über welche Personengruppe möchte ich Aussagen treffen? Die ace Community oder alle potentiellen Aces? Das sind zwei unterschiedliche Gruppen. Ergebnisse aus der einen Art Zählung dürfen nicht einfach auf Ergebnisse der zweiten Art Zählung übertragen werden.
Möchte ich potentielle Aces einfangen, muss ich mich auf Hilfsgrößen beziehen. Manche neuere Studien nutzen dafür die Asexual-Identification-Scale nach Yule und Brotto, die wahrscheinlich demi-ace und gray-ace Personen schlecht erfasst. Andere untersuchen, wie Bogaert damals, die Frage „Ich habe noch nie in meinem Leben sexuelle Anziehung gespürt.“
Wen hat Anthony Bogaert gezählt?
Wie ace_arovolution dankenswerterweise und detailliert aufzeigen, hat sich Bogaert auf Daten gestützt, die 1990/91 in Großbritannien von 18’876 Menschen zu sexueller Gesundheit erhoben wurden. Dazu gab es dann 1994 eine größere Veröffentlichung, die Bogaert 2004 noch einmal neu auswertete.
Ihm fiel auf, dass da etwa ein Prozent der Befragten eine kontraintuitive Auskunft gegeben hatten (genauer 1,05 %) auf die Frage: „Zu wem fühlen Sie sich sexuell hingezogen?“ Und eben diese 1,05 % gaben an, dass sie noch nie sexuelle Anziehung empfunden hatten.
Warum „kontraintuitiv“? Weil die meisten Menschen annehmen, dass alle Menschen sexuelle Anziehung empfinden – diese Annahme heißt mittlerweile Allonormativität.
Insofern ist denen, die die Umfrage vor 1990 entwarfen, ein großes Verdienst zuzuschreiben: Sie hatten sich von dieser Annahme nicht beeindrucken lassen und eine fast undenkbare Antwortmöglichkeit auf ihre Frage erlaubt.
Und für diese Antworten aus der britischen Erhebung kam Bogaert zu folgender Schlussfolgerung: Wenn wir Asexualität als lebenslange Abwesenheit sexueller Anziehung definieren, dann können wir 1,05 % der britischen Bevölkerung Asexualität zuschreiben.
Insofern stützt sich Anthony Bogaert auf eine Hilfsgröße, die die derzeitige ace Community sehr ungenau beschreibt.
Was das Ergebnis neben der runden Zahl so verführerisch macht, ist natürlich, dass Bogaerts Arbeitsdefinition und die Erklärung auf der englischen AVEN-Landingpage sich seit 2004 fast entsprechen.
Wenn wir uns also auf diese Studie beziehen, müssten wir korrekterweise immer dazuschreiben, was Anthony Bogaerts Arbeitsdefinition war, woher die Daten stammen (Großbritannien) und wie alt die Daten sind (über dreißig Jahre).
Gibt es neuere Zahlen?
Wenn wir nur Selbstbeschreibungen gelten lassen, gibt es drei neuere Studien mit akzeptabler Qualität – zumindest, was ich so gefunden habe oder auf das ich hingewiesen wurde – danke an Claudia Haupt vom EBGH.
Im Jahr 2018 gab es in Deutschland die Pilotstudie Liebesleben, bei der etwa 1155 Fragebögen ausgewertet wurden. Dort gaben 0,3 % der Befragten (alles Frauen) an, sich als asexuell zu beschreiben.
Aus Neuseeland gibt es Daten einer Erhebung aus den Zehnerjahren, die 2017 von Greaves und Mitarbeitenden veröffentlicht wurden. Hier hatten die Befragten eine Write-in-Option erhalten, die 0,4 % von ca. 11’000 Befragten für ace, ace-angelehnte und selten auch aro Selbstbeschreibungen nutzten – all diese wurden als „asexuelles Spektrum“ subsumiert.
Etwas neuer (von 2022) ist eine Veröffentlichung aus Belgien: Hier berichten De Schrijver und Mitarbeitende, dass sich 0,6 % der etwa 4600 Befragten bei einer nationalen Erhebung als asexuell beschrieben.
Und was heißt das jetzt?
Das eine Prozent (für westliche Gesellschaften) scheint etwas zu hoch gegriffen, wenn wir die ace Selbstbeschreibungen anschauen. Über nicht-westliche Gesellschaften können wir keine Aussage treffen.
Die Wahrscheinlichkeit, dass Zahl von selbstgelabelten Aces mit größerer Bekanntheit des Begriffs steigt, ist jedoch sehr hoch. Daher sehe ich persönlich vorläufig keinen Grund, unsere äußerst grobe Schätzung auf Eis zu legen, falls wir sie aus politischen Gründen brauchen.
Aber am Ende sollte es egal sein, wie viele Aces es genau gibt: Wir haben als asexuelles Spektrum allosexuellen Menschen einiges an Ideen zu bieten. Und eine menschenwürdige Behandlung sollte sowieso nicht davon abhängen, wie viele Personen nun einer gewissen marginalisierten Gruppe angehören.
ace_arovolution, Die Lüge, dass 1% der Welt asexuell sei. Oder: Niemand zitiert Bogaert richtig! Eine Tirade mit Fußnoten, veröffentlicht 24.01.2025 (https://acearovolution.webnode.page/l/die-luge-dass-1-der-welt-asexuell-sei/, zuletzt geprüft am 17.10.2025)
Bogaert, A. F. (2004). Asexuality: Prevalence and associated factors in a national probability sample. Journal of sex research, 41(3), 279-287. https://doi.org/10.1080/00224490409552235
De Schrijver, L., Fomenko, E., Krahé, B., Dewaele, A., Harb, J., Janssen, E., … & Keygnaert, I. (2022). An assessment of the proportion of LGB+ persons in the Belgian population, their identification as sexual minority, mental health and experienced minority stress. BMC Public Health, 22(1), 1807. https://doi.org/10.1186/s12889-022-14198-2
Greaves, L. M., Barlow, F. K., Huang, Y., Stronge, S., Fraser, G., & Sibley, C. G. (2017). Asexual identity in a New Zealand national sample: Demographics, well-being, and health. Archives of sexual behavior, 46, 2417-2427. https://doi.org/10.1007/s10508-017-0977-6
Liebesleben. Matthiesen S, Dekker A, Brunner F, Klein V, Martyniuk U, Schmidt D, Wendt J, Briken P (2018). Sexuelles Verhalten, Einstellungen und sexuelle Gesundheit in Deutschland. Erste Ergebnisse einer Pilotstudie zur Erwachsenensexualität. https://gesid.eu/wp-content/uploads/2018/09/Endbericht-Pilotstudie-2017.pdf(zuletzt geprüft 25.1.25)
Yule, M. A., Brotto, L. A., & Gorzalka, B. B. (2015). A validated measure of no sexual attraction: the Asexuality Identification Scale. Psychological Assessment, 27(1), 148.
Wenn am Hamburger Rathaus die Regenbogenflagge weht, heißt es wieder: drei Tage Pride-Straßenfest! Unser Infostand befand sich diesmal ganz in der Nähe des eindrucksvollen Gebäudes. Gemeinsam mit Gruppen wie der AIDS-Hilfe, dem queeren Sportverein „Startschuss“ und 100 % Mensch hatte man uns auf dem Rathausmarkt platziert.
Zusätzlich zu unserem altbewährten Informationsmaterial hatten wir diesmal unter anderem eine Auflistung von Microlabels mit den dazugehörigen Flaggen sowie einige Exemplare der Broschüre „Einblick in das Aspec“ dabei. Und Süßigkeiten für das nicht abgebildete Glücksrad! Während unserer ersten Stunden am Freitag bestand unsere Kundschaft hauptsächlich aus jüngeren Straßenfest-Besuchenden, die gern einmal drehen wollten. Für sie hatten wir schwierige Scherzfragen („Was hat vier Beine und kann fliegen? Zwei Vögel!“), während das ältere Publikum wie üblich Begriffe aus dem asexuellen und aromantischen Spektrum definieren sollte. Unsere „Glücksrad-Diensthabenden“ gaben alles, um Unsicheren auf die richtige Fährte zu helfen, und es ergab sich vielfach ein guter Austausch.
Richtig voll wurde es auch in diesem Jahr erst am Samstag nach der Demonstration; ab diesem Zeitpunkt kamen uns plötzlich auch zahlreiche Personen aus den o. g. Spektren besuchen. Viele Buttons fanden ihren Platz an T-Shirts und Taschen. Dabei war vor allem die kombinierte Aro-Ace-Flagge beliebt, die wegen ihrer Farbgebung auch „Sunset-Flagge“ genannt wird. Dies mag auch daran liegen, dass mittlerweile an vielen Ständen Merch in den Ace- und Aro-Farben erhältlich ist, während die Kombination aus beidem Seltenheitswert hat.
Eine Person war ganz verblüfft, dass es da sogar einen Verein gibt… Ja, den gibt es und das schon seit 2012! Andere konnten wir mit Informationen zum Hamburger Stammtisch versorgen. Die unangenehmen Begegnungen hielten sich sehr in Grenzen, wobei die Aussage, Gott habe Mann und Frau geschaffen und Kinder bräuchten Vater und Mutter, sonst würden sie nicht richtig erzogen, schon recht schräg war (zumal sie wenig mit dem Thema unseres Stands zu tun hatte).
Den ganzen Freitag und die erste Hälfte des Samstags über hingen die Flaggen brav senkrecht. Am Samstagnachmittag wurden sie unruhig und mussten zusammengeknotet und beschwert werden. Wind war aufgekommen, daneben verdüsterte sich der Himmel und schickte uns gegen 19 Uhr plötzlich starken Regen. An der Hauptbühne nahm man es mit Humor und legte den Klassiker „It’s raining men“ auf, dennoch rannte das Volk in Scharen in die U-Bahn-Station. Über Nacht kippte unser Pavillon nach vorn und wurde beschädigt (beim Abbau ließ er sich glücklicherweise noch zusammenklappen). Der Sonntag war dann generell windig und kühler, aber weitgehend trocken.
Ebenfalls eine windsichere Befestigung brauchte dieses Fragen stellende Pappschild, dessen Schnüre dazu einluden, Antworten anzuklammern. Davon waren viele so rührend oder witzig, dass ich ihnen einen eigenen Post widmen werde.
Pride-Moden: Ich habe weniger „Free Hugs“-Schilder gesehen, aber es scheint derzeit beliebt zu sein, Plüschtiere mit sich herumzutragen. Es war mindestens ein Hai sowie eine Gans unterwegs.
Und wie lief es mit der Fußgruppe? Die kam auch in diesem Jahr wieder recht spät los, weil sie weit hinten platziert war. Außerdem soll ein Teil der Demo wegen Bauarbeiten entlang der Strecke kein Publikum gehabt haben – Flaggen und Banner sind aber dazu da, dass sie jemand sieht. Die Wahl der Route (eine andere als im letzten Jahr) war vielleicht nicht die beste.
Vorab ein Nachtrag zur letzten Presseschau: In ihr hatte ich einen Text auf web.de weitestgehend unkommentiert gelassen. Daraufhin wies eine Person auf verschiedene Probleme nicht nur mit diesem Text, sondern der Berichterstattung über das Aspec generell hin. Vielen Dank dafür! Ich freue mich, lernen zu dürfen, und generell gilt: Diese Texte geben meine Erfahrungen und mein Wissen wieder. Das Feedback anderer Personen aus den asexuellen und aromatischen Communities ist sehr willkommen!
Hier einige der Punkte, die fehlten:
Auch wenn eine Person ace UND aro ist, stellen Artikel oft alles unter das Framing der Asexualität.
Bemerkungen wie „asexuelle Personen sind nicht traumatisiert / krank / bindungsgestört / autistisch / behindert“ marginalisieren Aces, die, wie Menschen anderer Orientierungen auch, genau all das sein können.
Asexualität wird oft noch pathologisiert. Besser als die Person, die mich auf meine Oberflächlichkeit hinwies, kann ich’s auch nicht sagen: „Im Text wird ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie befragt. Wenn der sagt, dass Asexualität nicht behandlungsbedürftig ist, ist das an sich gut. Aber: Asexualität wird nach wie vor im ICD-11 pathologisiert. Die Psychiatrie hat uns immer pathologisiert und hört erst allmählich damit auf, weil seit über 20 Jahren Aktivist*innen diese Strukturen bearbeiten. Aces haben ca. 15 Jahre lang selbst Konzepte entwickelt und community research betrieben, jetzt reißen Akademiker*innen die Themen an sich und und schlagen Profit (Zitationen, Ruhm, Jobchancen) daraus, ohne uns zu referenzieren. Ich finde es mit wenigen Ausnahmen inakzeptabel, Leute dieses Systems nach der Validität von Asexualität zu befragen. Das suggeriert zudem, dass Asexualität eine Störung sein und erst die „Fachmeinung“ das final bestätigen oder verneinen könnte. Das Gegenteil ist der Fall: Wir wussten von Anfang an, dass unsere sexuelle Orientierung valide ist und haben Jahrzehnte des Aktivismus gebraucht, um solche Leute zu überzeugen.“
Nochmals tausend Dank! Weiter geht’s mit ein paar neuen Fundstücken:
Von mehreren Seiten erreichten AktivistA Hinweise auf einen Online-Artikel, den wir so nicht stehen lassen konnten, da wir uns beim Lesen direkt in die schlechte alte Zeit zurückversetzt fühlten: https://www.sat1.de/themen/ratgeber/news/asexualitat-definition-und-ursachen-der-lustlosigkeit-51984. (Content Notes: Acefeindlichkeit, Ignoranz gegenüber dem Bi+-Spektrum und m-spec Personen, Pathologisierung, Allonormativität u.a.)
Sehr geehrtes Team der Sat1.de-Redaktion,
(…)
Asexualität ist eine sexuelle Orientierung. Asexuelle Menschen (Aces) empfinden sehr geringe bis keine oder sehr selten sexuelle Anziehung. Wie die eigene Asexualität empfunden und ausgelebt wird, ist sehr persönlich, weshalb sie als ein Spektrum verstanden wird, auf dem sich eine Person selbst verortet.
Eine gemeinsame Erfahrung aller auf dem asexuellen Spektrum ist das Unwissen, das ihnen begegnet, wenn sie öffentlich oder privat über ihre Sexualität sprechen. Oft äußert es sich in taktloser, unbeholfener Neugier, in etwa der Frage: „Masturbierst du?“ Aces werden aber auch mit Meinungen und Urteilen konfrontiert, die auf der Überzeugung basieren, dass es Asexualität nicht gebe und es sich stattdessen um eine fixe Idee, eine Krankheit, einen Charakterfehler oder etwas Widernatürliches handle. Ihre Erfahrungen werden ignoriert und stattdessen Vorschläge gemacht, wie sich Asexualität „heilen“ lässt.
Ein gutes Beispiel dafür bietet der Artikel „Keine Lust auf Sex. Asexualität: Definition und Ursachen der Lustlosigkeit“. Der Grund dafür ist einfach. Obwohl in der Überschrift von einer „Definition“ die Rede ist, wird im Text keine erwähnt, die sich mit einer kurzen Recherche in Internet oder Fachliteratur zitieren und belegen ließe. Aces wurden keine befragt.
„Lustlosigkeit“
In der Überschrift, aber auch an anderen Stellen wird Asexualität mit „Lustlosigkeit“ gleichgesetzt. Zur Erinnerung: Wie jede sexuelle Orientierung geht es bei Asexualität um sexuelle Anziehung. Bei dem, was sich als „Lust“ oder „Erregung“ bezeichnen lässt, handelt es sich um Libido. Manche Aces haben eine starke Libido, andere eine verschwindend geringe und viele verorten sich dazwischen. Manche stillen sie durch Masturbation, andere nicht. Darin unterscheiden sie sich nicht von anderen Menschen.
Zu schreiben, Aces „(…) empfinden keinerlei Erregung (…)“ ist also falsch. Weiter im Satz heißt es außerdem „(…) oder aber haben keinen Spaß daran, ihre Sexualität auszuleben“, was schon dann nicht stimmt, wenn eine Person das körperliche Empfinden der Masturbation genießt.
Gefährliche Mutmaßungen
Was ist die Ursache der behaupteten Lustlosigkeit? Vage wird von „Hormonmangel“, „emotionalen“ oder „psychischen Problemen“, „frühen negativen sexuellen Erfahrungen“ und „Wissenschaftlern“ gemunkelt, die „eine Fehlfunktion in denjenigen Arealen im Gehirn, die das Verlangen steuern“, vermuten. Asexualität wird hier mit einem Libidoverlust durch innere und äußere medizinische Einflüsse gleichgesetzt. Das ist gefährlich. Zum einen wird vollkommen gesunden, asexuellen Person nahegelegt, sich unnötigen Behandlungen auszusetzen: „Ziehen Sie möglicherweise einen Arzt zurate, der dem Partner Ihre Situation erklären kann.“ Personen, die Asexualität nicht kennen oder nicht an sie glauben wollen, egal, ob medizinische geschult oder nicht, werden so ermutigt, Mutmaßungen über Ursachen anzustellen und schlimmstenfalls ihre Art der „Heilung“ anzubieten. Dies entspricht einer verdeckten Konversionsmaßnahme.
Zur „Diagnose“ in vier Fragen
Ein sehr schlichtes Beispiel einer solchen Fremddiagnose bietet der Text selbst an. Es werden vier Fragen gestellt. Falls eine Person „die meisten“ dieser Fragen mit „Nein“ beantwortet, sei sie asexuell.
1. „Fühlen Sie sich zu einem Geschlecht klar hingezogen?“
Personen, die sich nicht nur zu einem Geschlecht hingezogen fühlen, können, gehen wir von sexueller Anziehung aus, vieles sein, zum Beispiel pan- und bisexuell. Mit Asexualität hat all das nichts zu tun. Wer hier mit „Nein“ antwortet, ist also vielleicht nicht hetero- oder homosexuell, aber deswegen noch lange nicht asexuell.
2. „Machen Erotikfilme Sie an?“
Es gibt Menschen auf dem asexuellen Spektrum, die keine sexuelle Anziehung zu anderen empfinden, aber textliche, bildliche oder akustische Darstellungen sexueller Handlungen erregend finden, ohne selbst an sexuellen Handlungen teilnehmen zu wollen. Manche dieser Menschen bezeichnen sich als aegosexuell. Und auch andere Aces haben womöglich ein ästhetisches Interesse an menschlichen Körpern oder schätzen Erotik als dramaturgisches Element eines Films oder Kunstwerks. Andere haben nichts für sie übrig oder finden sie unangenehm, sind deswegen aber noch lange nicht einfach nur „prüde“, wie diese Frage suggeriert.
3. „Ist sexuelle Erregung für Sie ein unangenehmes Gefühl?“
Diese Frage scheint ebenfalls auf der Annahme zu basieren, dass Aces ein wie auch immer geartetes Problem mit ihrer Libido haben. Auch hier reicht das Spektrum in vielen Zwischenschritten von der Zufriedenheit mit fehlender Libido bis hin zu akzeptierender Gleichgültigkeit und der Freude an ihrer Stillung durch Masturbation.
Ansonsten fehlt hier wie auch im restlichen Text das Lektorat, denn nach der texteigenen Logik müsste ein asexuelle Person die Frage mit „Ja“ beantworten. Eine andere, perfide Erklärung wäre, dass eine asexuelle Person ja „eigentlich“ sexuelle Erregung empfinde und genieße, aber sich „nur anstellt“, wenn der Sex mit anderen praktiziert werden soll.
4. „Fühlen Sie sich bei dem Gedanken an Intimität wohl?“
Mit gutem Gewissen können wir den Autor*innen hier unterstellen, Intimität mit Sexualität gleichzusetzen. Was aber ist mit Händchenhalten, Kuscheln, langen Gesprächen, gemeinsamen Wohnen, dem Anvertrauen von Geheimnissen, der Pflege von kranken Freunden oder Angehörigen? Es gibt viel mehr Formen von Intimität als Sex, und Aces zu unterstellen, sie wären zu ihr nicht in der Lage, spricht ihnen Menschlichkeit ab.
„Asexuelle Menschen lieben dennoch Zärtlichkeiten“
Im letzten Abschnitt macht der Text einen halbgaren Rückzieher und gesteht Aces trotzdem ein Interesse an „Zärtlichkeiten“ zu, ein Wunsch, dessen Erfüllung ihre Asexualität aber zu verhindern scheint. Es wird empfohlen: „Auch wenn es schwer ist, mit diesem Phänomen Akzeptanz beim Partner zu erzielen, sollten Sie sich, sofern Sie sich betroffen fühlen, diesem wichtigen Gespräch stellen“, danach folgt der bereits zitierte Ratschlag: „Ziehen Sie möglicherweise einen Arzt zurate“. Nicht nur wird „Zärtlichkeit“ mit Sex gleichgesetzt, so als ob nicht auch Familienangehörige oder Freund*innen zärtlich miteinander umgehen könnten. Akzeptanz wird hier an eine Bedingung geknüpft, nämlich den Versuch, sich zu bessern und zu wissen, dass den Erwartungen des nicht asexuellen Partners entsprochen werden muss. Der Weg zur „Heilung“ ist also Selbstverleugnung und Entmündigung.
Beschämend
Warum ein solcher Text existiert, obwohl das Internet seit 2005 die verschiedensten Quellen und Erfahrungen asexueller Personen auf Deutsch bereitstellt, ist unverständlich. Falls es kein böser Wille ist, unterstellen wir daher Faulheit oder Unfähigkeit. Beides ist schädlich. Auch dann, wenn ein Artikel so kurz ist wie dieser, wäre ein nuancierte Darstellung möglich, z. B. mit einer gebräuchlichen Definition und dem Hinweis, dass Aces aus unterschiedlichsten Gründen (Kinderwunsch, um Partner*innen eine Freude zu machen, Genuss der körperlichen Empfindungen) Sex haben können. Dass daran nie Interesse bestanden haben dürfte, zeigt das Fehlen jeglicher Quellenangaben, was für ein Medium mit der Größe von Sat1 schlichtweg beschämend ist.
„[Un]sichtbar gemacht. Perspektiven auf Aromantik und Asexualität“ von Annika Baumgart und Katharina KroschelDer Verein hat ein Rezensionsexemplar angeboten bekommen und da haben wir doch direkt zugegriffen. Und passend zur Aro-Week kommt nun die Rezension.
In aller Kürze lässt sich sagen: Ich kann das Buch allen Menschen nur wärmstens ans Herz legen! Es hat eigentlich für alle Interessengruppen was zu bieten. Für Menschen die sich selbst auf dem Aspec verorten, für Allys und solche die es werden wollen, für Menschen, die ein akademisches Interesse am Thema haben…Alles in allem gebe ich dem Buch 5 von 5 Froschgrüne-Kuchenstücke.
Zum Aufbau des Buches
Das Buch ist insgesamt in fünf Teile untergliedert: Grundlagen, Geschichte, Diskriminierung, Beziehungsweisen und Aromantische und Asexuelle Symbole. Jeder dieser Teile besteht aus einer Vielzahl von Unterkapiteln, die in der Regel nicht länger als zwei oder drei Seiten sind. Dadurch lässt sich das Buch gut Häppchenweise lesen. Zwischen den einzelnen Kapiteln eingestreut sind immer wieder Texte von Menschen, die sich auf die eine oder andere Weise auf dem Aspec verorten und ihre persönlichen Erfahrungen und Gedanken teilen. Obwohl es also ein Sachbuch ist, hat es durch die selbstverfassten Texte auch eine gewisse literarische Komponente.
Mit den Unterkapiteln verbindet sich ein erster Kritikpunkt, was die Handhabung des Buches betrifft. Es gibt immer wieder Verweise auf bestimmte Kapitel, in denen Aspekte näher vertieft werden, die an der aktuellen Stelle nur angetippt werden. Aber da das Inhaltsverzeichnis nur die Hauptteile aufführt, blättert mensch sich ziemlich nen Wolf, um den Verweisen zu folgen. Da wäre es für die nächste Auflage hilfreich entweder das Inhaltsverzeichnis zu überdenken, oder die Verweise um die entsprechenden Seitenzahlen zu ergänzen.
Ein paar Worte zum Inhalt
Als Historikerin kann ich sagen, dass mich besonders der Geschichtsteil sehr begeistert hat. Zumal queere Geschichtsschreibung immer ihre Schwierigkeiten mit sich bringt. Die Sprache, die wir heute verwenden hat sich meist erst in den letzten 150 Jahren entwickelt (wenn überhaupt), die Empfindungen und Orientierung sind aber natürlich so alt wie die Menschheit. Besonders spannend fand ich persönlich hier den Verweis auf die Antike, in der bereits unterschiedliche Formen von Liebe unterschieden wurden, und die so einen Anschlusspunkt für das moderne Split-Attraction-Model bietet.
Recht schwer fiel mir hingegen die Lektüre des Teiles zur Diskriminierung. Als Person die selbst aroace ist, hat es mich ziemlich runtergezogen hier so detailliert all die belastenden Aspekte und Diskriminierungsformen vor Augen geführt zu bekommen. Und wenn ich nicht diese Rezension zum Ziel gehabt hätte, hätte ich den Abschnitt wahrscheinlich übersprungen – zumindest für den Moment. Menschen die alloromantisch und allosexuell sind lege ich ihn hingegen sehr ans Herz. Gerade auch innerhalb der queeren Community, da er sehr deutlich macht, wie vielfältig Diskriminierung sein kann. Leute die sich selbst im Aspec verorten möchte ich zumindest darauf hinweisen, dass das nicht gerade leichte Kost ist.
Nach den fünf Hauptteilen finden sich dann noch Verweise auf Ressourcen und ein Glossar. Ebenfalls fast als Glossar lässt sich die umfangreiche Übersicht an (ausgewählten) Labels und Mikrolabels bezeichnen, die sich bereits im Grundlagenteil findet (S. 24-29). Was die Definitionen der Labels betrifft, wird es sicherlich an einigen Stellen innerhalb der Community Meinungsverschiedenheiten geben. Aber da halte ich mich mal raus. Es wird von den Herausgeber*innen deutlich gemacht, dass die Begrifflichkeiten zum Teil noch im Fluss sind oder es verschiedene Definitionen gibt. Damit kann ich gut leben, da muss ich nicht wegen ein paar Feinheiten, die ich vielleicht persönlich anders sehe jemandem einen Strick draus drehen.
Ein bisschen was zu meckern gibt’s immer
Die Ressourcen bringen mich zum Abschluss aber noch zu einem weiteren, und auch etwas persönlichem, Kritikpunkt. Und zwar wird an verschiedenen Stellen (zu Recht) festgestellt, dass es bisher wenige deutschsprachige Informationen und Ressourcen zu Asexualität, Aromantik und den jeweiligen Spektren gibt. Diverse Sachen, die es aber trotz allem gibt, werden nicht genannt.
Etwas frustrierend war hier, dass es zwar einen kurzen Hinweis auf AktivistA gibt (S. 81f), aber mit keiner Silbe darauf hingewiesen wird, dass wir seit Jahren Flyer und Broschüren herausgeben und die kiloweise im ganzen Land verschicken. Vielleicht auch für uns im Jahr unseres zehnjährigen Bestehens ein Anlass unsere Kommunikationsstrategie innerhalb der Community mal zu überdenken.
Ähnlich schade fand ich, dass das Queer Lexikon, dass ebenfalls schon lange gute Informationen zum Thema verbreitet gar keine Erwähnung gefunden hat.
Wünsche für die zweite Auflage
Und auch sonst hätte ich ein paar Ergänzungen für die Ressourcenseiten. Wobei es sich hier jeweils um Veröffentlichungen handelt, die noch nicht so lange in der Welt sind. Ich gehe mal davon aus, dass das Fehlen eher Corona-bedingten Verzögerungen im Erscheinen des Buches geschuldet ist.
Jedenfalls würde ich mich bei einer 2. Auflage freuen auch auf „Das asexuelle Spektrum. Eine Erkundungstour“ von Carmilla deWinter hingewiesen zu werden. Ein deutschsprachiges Sachbuch, dass nach diversen Pandemiehürden seit Anfang März 2021 auf dem Markt ist. Oder bei den Online-Ressourcen zu Aromantik auf den Blog AktivAro, der seit Anfang Mai 2021 zahlreiche Beiträge zu Aromantik auf Deutsch online gestellt hat. Und da aller guten Dinge bekanntlich drei sind, und sich auch belletristische Hinweise finden, wäre da dann noch die Anthologie „Beweisstück A“ zu nennen, die von Carmilla deWinter und Carmen Keßler herausgegeben wurde und eine reiche Sammlung an Kurzgeschichten aus dem Aspec bietet.
Nachdem das Fazit im Grunde auch schon am Anfang des Textes stand, noch mal zum Schluss: Unbedingt empfehlenswert zu lesen, aber ein paar Wünsche für eine 2. Auflage bleiben noch offen.
Unsere Flyerfamilie hat Zuwachs bekommen! Wir präsentieren „Grau-Asexualitäten“. Damit ist das asexuelle Spektrum in Papierform vollzählig.
Doch warum stehen die Asexualitäten in der Mehrzahl?
„Gray-ace“ (manchmal auch Gray-A) ist ein Schirmbegriff. Unter diesem Schirm treffen sich Menschen mit vielen unterschiedlichen Erfahrungen. Für manche dieser Erfahrungen gibt es auch eigene Begriffe. Deshalb war es eine Herausforderung, diese Vielfalt in einem einzigen Flyer unterzubringen. Insofern ist unser kurzer Text vor allem eine Einladung, selbst weitere Informationen zu suchen.
… Wenn man sich die Bebilderung bestimmter online verfügbarer Artikel zum Thema anschaut, scheint das so zu sein. Das hier abgebildete Hetero-Paar wirkt ratlos, jede:r leidet für sich, die beiden wenden sich voneinander ab. Noch deutlicher ist die Botschaft „jede:r für sich, keine Gemeinsamkeit“ auf dem für diesen Artikel ausgewählten Foto – zwei Paar Füße zeigen nach außen, was impliziert, dass die dazugehörigen Menschen einander den Rücken zudrehen.
Dabei sind die jeweiligen Artikel gar nicht einmal so schlecht, sie enthalten keine groben Fehlinformationen. Der erste schließt sogar mit den Worten „Sind beide Partner bereit, Kompromisse einzugehen, kann eine glückliche Partnerschaft gelingen.“ Halleluja! Danach sieht das Bild allerdings nicht gerade aus.
Passende Illustrationen für einen Artikel über A_sexualität zu finden, scheint gar nicht so einfach zu sein. Wenn es sich um ein Interview mit einer bestimmten Person handelt, kann man ein Porträt von ihr verwenden – vorausgesetzt, sie ist bereit, ihr Gesicht zu zeigen. Geht es um Homosexualität, nimmt man ein Bild von zwei Händchen haltenden Menschen des gleichen Geschlechts, aber wie zeigt man etwas, das NICHT ist? Bei A_sexuellen läuft im Bett nichts, kein Sex führt zu oder ist Symptom von Beziehungsproblemen, dies scheint der logische Weg zu sein, der zu Bildern wie den oben verlinkten führt.
Dabei sind Menschen aus dem asexuellen Spektrum keineswegs die ganze Zeit über unglücklich und frustriert – und ihre Partner:innen, so vorhanden, auch nicht unbedingt. Mangelndes Wissen kann zu Selbstzweifeln und Schwierigkeiten in der Beziehung führen; wer endlich einen Namen für das eigene Empfinden hat und sich mit ähnlich Empfindenden austauschen kann, fühlt sich in der Regel glücklich und erleichtert. Auch A_sexuelle können die Art von Pride, von Stolz kennen, die das Gegenteil von Scham und Verstecken ist. Das darf man auf Fotos ruhig sehen. Eine positive Stimmung kann auch ohne eine sexuelle Komponente vermittelt werden (siehe auch hier).
Welche Art von Illustrationen passt nun zu guten Texten rund um A_sexualität?
Mit Symbolen der Community wie der Flagge, Ass-Karten und Kuchen kann man nicht viel falsch machen, zumal wenn diese Dinge im Artikel erklärt werden. Fotos von Fußgruppen oder Infoständen auf CSDs zeigen, wie viel Spaß die Arbeit für mehr Sichtbarkeit machen kann. Dies als kleine Anregung für Journalist:innen. Und an alle Aces, die dies hier lesen: Wer schöne, zum Thema passende Bilder auf der eigenen Festplatte herumliegen hat, kann sie ja mit den entsprechenden Schlagworten versehen als Inspiration bei Pixabay, Shutterstock und Co hochladen.
Bei unserer Konferenz gibt es ja schon seit einigen Jahren eine Diskussionsrunde. Als wir uns als Vorstand im Winter für „Alltag und Asexualität“ als Thema entschieden haben, ahnten wir nicht, was da auf uns zukommen sollte.
Selbstgenähte Mund-Nase-Bedeckung in Ace-Farben aus drei alten T-Shirts und einer Socke.
Corona (also eigentlich SARS-CoV-2 und Lockdown dazu) verlieh dem Thema doch eine Aktualität, mit der wir nicht gerechnet hatten. Es gab zahlreiche CSD-Absagen. Dafür nahm ich Videos und Ton mit Grußbotschaften auf und hatte ein Interview für den Stuttgarter Livestream. Das ganze Orga-Team durfte dann noch die Konferenz nach online verlegen. (Wie das geklappt hat, habe ich vor einigen Tagen gepostet.)
Für die Teilnehmenden an der Gesprächsrunde war das ebenfalls ein Thema.
Allgemeine Folgen des Lockdowns
Einmal war da das Berufliche. Nicht nur Menschen, die direkt oder indirekt vom Tourismus oder der Veranstaltungsbranche abhängen, merken eine verringerte Auftragslage. Einige wurden in Kurzarbeit geschickt. Andere waren/sind im Home-Office und fühlen sich da mal mehr, mal weniger wohl. Wenn noch Kinder im Haushalt in ihren „Corona-Ferien“ betreut werden mussten, war mit und ohne Home-Office das Zeitmanagement schlimmer als jeder Endgegner bei Super Mario. Menschen auf der Suche nach einer neuen Stelle bemerken, dass es in manchen Branchen schlechtere Aussichten gibt. Insofern treiben einige von uns wirtschaftliche Sorgen um.
Singles im Nachteil
Gerade Alleinlebende hat der Lockdown auch sehr auf sich zurückgeworfen. Sich fragen zu müssen, was wichtig ist, kann einerseits sehr heilsam sein. Vor allem, wenn eins sich vorher wie in einem Hamsterrad fühlte. Sich selbst auszuhalten, ist manchmal gar nicht einfach und kann seelisch stärker machen.
Andererseits führt Alleinleben in Zeiten von Kontakteinschränkungen und Home-Office auch zu Einsamkeit. Dass Einsamkeit Stress bedeutet und Betroffene daher leichter an allem Möglichen erkranken, ist keine Neuigkeit mehr. Umarmungen können selbst Menschen fehlen, die nicht besonders verkuschelt sind. (Die Autorin winkt hier mal allen mit dem ähnlichen Problem.)
In diesem Zusammenhang stellten wir fest, dass es sehr schwierig ist, selbst gute Freund*innen um Umarmungen zu bitten. Außerhalb des Kontextes „Begrüßung/Abschied“ oder „besonderer Anlass“ ist das Umarmen außerhalb fester Beziehungen in Deutschland nicht sehr gängig. Manchmal fühlt es sich beinahe wie ein Tabu-Thema an.
Alleinlebende müssen im Vergleich zu Menschen, die fest verbandelt sind, auch oft mehr Energie in den Aufbau und Erhalt von Freundschaften stecken. (Case in point: Vergangene Woche sind für mich wegen einer Krankheitsvertretung drei soziale „Fellpflege“-Termine wie z. B. Stammtische ausgefallen. Für mich ist das eine Katastrophe. Was wahrscheinlich niemand nachvollziehen kann, die permanent von einer lebhaften Familie umgeben sind.)
Den Ausfall von Stammtischen seit März empfanden wohl recht viele Teinehmende der Konferenz als einen herben Verlust.
In positiverem Sinne hat der neue Discord-Server Aspec*Germany Menschen zusammengebracht. Für einige war der dortige Austausch Anlass, sich mehr mit dem asexuellen Spektrum und verwandten Themen zu beschäftigen.
A_sexualität als Thema: Fremd- und Eigenwahrnehmung
Und damit kamen wir erst auf das, was mir im Januar als Thema vorschwebte: Wie (oft) kommt Asexualität bei euch im Alltag vor?
Da gibt es die eine Fraktion, die schon seit Jahren ihren Frieden mit dem Thema geschlossen hat. Folglich kann eins auch eher entspannt drüber reden. Redebedarf ist allerdings kaum vorhanden, was bei manchen die Anbindung an Community und aktuelle Themen lockert.
Die persönliche Aktualität scheint ebenfalls etwas ans Alter gekoppelt. Für Menschen mit Kinderwunsch oder für solche, von denen geglaubt wird, sie sollten sich Kinder wünschen, nimmt die eigene Sexualität mehr Raum ein.
Andere bemerken, dass Asexualität eher zum Thema gemacht wird. Dauernd werden Fragen nach Sex, Beziehungen, Familienplanung von außen an a_sexuelle Menschen herangetragen. Die sehen sich dann in Erklärungsnot. Wir sind ja als Gesellschaft weit entfernt davon, dass es zu all dem keine Norm gäbe. Und wer von der Norm abweicht, muss sich verteidigen.
Der Vorwurf von außen, die betreffende Person spreche so viel über Asexualität, ist daher eher unfair. Stellen wir uns eine Welt vor, in der hauptsächlich gewerkschaftliches Engagement / die Murmel-Weltmeisterschaften / Kochrezepte … die beliebtesten Themen wären. Dort müsste eins sehr viel weniger über Sex, Liebesbeziehungen und Familie sprechen, als derzeit der Fall ist. Kaum jemand hätte Anlass, das asexuelle Spektrum zu erwähnen.
Diesbezüglich stellten wir fest, dass die eigene Verwandtschaft sehr vielfältig reagieren kann. Von Abwertungen oder Ignoranz über Desinteresse zu aktiver Unterstützung ist alles dabei.
Für und Wider von Stammtischen
Von da aus kamen wir noch einmal auf Stammtische zu sprechen. Die Möglichkeit, andere a_sexuelle Menschen zu treffen, empfinden viele der Teilnehmenden als ein Geschenk. Hier müssen keine großen Erklärungen geliefert werden. Selbst wenn es eine Stunde lang um bewussten Konsum und die Vertretbarkeit eigener Flugreisen geht, ist die Atmosphäre eine andere. Es gibt immer die Möglichkeit, Ace-Spezifisches anzusprechen oder diesbezüglich um Erfahrungsberichte oder Rat zu bitten. Aber es ist keine Verpflichtung.
Ein Stammtisch kann somit Bodenhaftung verleihen. Eins erfährt: Hier sind wirklich andere mit den gleichen Erfahrungen. Stammtische bieten außerdem im Idealfall die Grundlage für ein Netz, das eins auffängt, wenn Familie, Freund*innen oder sonst wer nicht optimal auf ein Coming-out reagieren.
Andererseits macht die Teilnahme an Stammtischen auch das eigene Minderheitendasein sichtbarer. Irgendwie muss eins ja dorthinkommen. Es braucht Zeit und beispielsweise Busse und Bahnen, um dorthin zu gelangen. Was erzähle ich meiner Umgebung, wenn die mich fragen, wo ich war? Was erzähle ich heterosexuellen Neugierigen auf einem CSD, wenn die mich erkennen? Wissen die Menschen außerhalb des Stammtischs, wer sich da trifft? (Beispielsweise das Personal eines Cafés.) Manche Stammtische haben auch das „Ace“ im Namen und treffen sich in queeren Zentren.
Ein Patentrezept für die Entscheidung, einen Stammtisch zu suchen, gibt es leider nicht. In manchen Fällen entsteht ein Patt, wenn es genauso riskant ist, hinzugehen wie daheimzubleiben.
Grundsätzlich ist es für unsichere Menschen ratsam, erst einmal die Person anzuschreiben, die das Treffen organisiert. Manche stehen für Einzeltreffen zur Verfügung. Grundsätzlich können sie Auskunft darüber geben, was bei so Treffen passiert, welche Menschen in etwa erscheinen und derlei mehr.
Asexualität und Beziehungen
Von da aus kamen wir zur Frage: Wie ist es mit Partner*innen? Wo finde ich passende Menschen?
Ein paar Menschen berichteten von ihren bestehenden oder vergangenen Beziehungen.
Manchmal ergibt sich etwas bei Stammtischen. Manchmal sind nette Gespräche über das AVEN-Forum ein Anlass, sich mal näher zu beschnuppern. Kontaktanzeigen (noch offline oder eben online) waren ebenfalls nicht ganz unschuldig an manchen Beziehungen. Und damit zum Abschluss: Die derzeit aktuelle Linksammlung.
Dating/Kontakt für Aces
AVEN-Partner (Kostenlos, deutschsprachig, hängt wohl bei nicht-binären Wünschen etwas hinterher.)
OkCupid (international) (Tipp: Statt dem Gesicht kann auch der Hinterkopf fotografiert werden.)
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