Autor: carmilladewinter

1. Dezember: Warte

CNs: Ace- und Queerfeindlichkeit

Warte

Noir

Warten … warten auf den Bus, die Bahn, dass mensch irgendwo drankommt, das irgendwas passiert. Was aber, wenn ich selbst das Gefühl habe, ich brauche nicht zu warten, weil sich nichts signifikant ändern wird? Weil ich die Antworten eigentlich schon in mir trage? Und weil die anderen auch nicht warten, sondern einfach fortfahren dürfen, wenn sie so sind wie gewünscht.

Ich bleibe nicht gerne stehen, wenn’s nicht sein muss. Warum auch? Wem nützt es? Mir am allerwenigsten. Dennoch wurde ich oft zum Warten angehalten, besonders immer dann, wenn ich die ausgetretenen Pfade verlassen wollte. Das hat mit meinem mir gesellschaftlich zugeschriebenen Geschlecht zu tun, aber eben auch mit meiner Sexualität. Beides dient der Gesellschaft quasi als Platzanweiser, um Komplexitäten zu reduzieren und etablierte Strukturen und Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten. Schubladen sind einfach, sie bieten Sicherheit und unterstützen Bequemlichkeit. Damit kann mensch andere Personen quasi to go einordnen. Einmal zum Mitnehmen bitte.

Aber dann komme ich und stelle meine Asexualität in den Raum. How dare you!, kann ich aus den Blicken anderer Menschen lesen und oft auch akustisch wahrnehmen. Ich störe ihre behagliche Weltsicht. Ihre kuscheligen, angewärmten Kategorien. Lange hat es gedauert einzusehen, dass es Menschen gibt, die nicht der heterosexuellen Norm entsprechen, und oft wird es immer noch angezweifelt. Wenigstens konnte sich mensch aber darauf einigen, dass alle sexuelle Anziehung in irgendeine Richtung empfinden. Wie kann ich es also wagen, das mit meiner puren Existenz anzuzweifeln? Und noch schlimmer, ich bin nicht allein damit.

Ich werde also aufs Abstellgleis geschoben. Verdammt zum Warten. Ich soll doch bitte geduldig sein, mich nicht so aufspielen und innehalten. Das kommt bestimmt noch. Vielleicht bin ich einfach ein Spätzünder? Hatte noch nicht die richtige Sorte Sex? War es vielleicht noch nicht der oder die richtige Partnerperson? Vielleicht sollte ich mal meine Hormone testen lassen? Oder vielleicht bin ich einfach tatsächlich asexuell?

Es kann schwer sein das zu akzeptieren, ich weiß. Wollte es ja auch nicht wahrhaben, aber es ist eben so. Niemals hab ich anders gefühlt. Ich schaute und schaue immer noch verwundert in Hochglanzmagazine, mit normschönen, schlanken, blitzend lächelnden Menschen und empfinde: nichts. Nichts an den Bildern was mich reizt, da es für mich und mein Ästhetikempfinden nichts gibt, was meinen Blick länger als zwei Sekunden an den aalglatten Fassaden halten könnte. „Heiß“ war und ist nie eine Kategorie gewesen, die ich verstand. Ich lernte nur irgendwann Muster zu erkennen und abzurufen, wie gewünscht.

Ich bin auch nie auf der Suche gewesen. Kein Verlangen, kein Druck, den ich nicht selbst befriedigen könnte. Suche ich trotzdem Nähe? Manchmal schon, nie aber brauche ich Sex. Die Nähe, die ich brauche, genieße ich hauptsächlich über Gespräche. Nicht viel berührt mich intensiver, zieht in meinen tiefen Wassern größere Kreise, als dass mir jemensch wohlwollend zuhört und auf Augenhöhe mit mir spricht. Mit mir streitet, mir auch mal Dinge verzeiht und nachsieht, mich eben nimmt, wie ich bin. Mich und mein A*spec-Sein, meine Ecken, Kanten, Schrullen und Co. hinnimmt und einfach mal sein lässt.

Asexualität ist damit meine Antwort. Also, ich warte nicht mehr. Nicht mehr, dass sich irgendwas ändert. Ich gehe einfach meine eigenen, gewundenen, teilweise holprigen Weg und wer will, der kommt einfach mit.

© 2023 bei Noir

Ein kleiner Adventskalender voller Geschichten

Aus Anlass der diesjährigen Ace Week veranstaltete InSpektren in Kooperation mit AktivistA n.e.V. einen Poetry Slam zum Thema „Sexualität_Asexualität“. Einige der Teilnehmenden haben uns freundlicherweise ihre Texte zur Veröffentlichung überlassen. Anstatt diese einfach so zu veröffentlichen, planen wir einen kleinen Adventskalender für euch, als Countdown zu den Feiertagen und/oder geistige Ausflüge aus der Jahresendhetzerei, egal an was ihr glaubt.

Mit 24 Törchen können wir nicht dienen, es sind derer nur acht, die es jedoch in sich haben.

Offene Türchen:

1. Dezember: Warte

3. Dezember: Prokrastination

6. Dezember: Dazwischen

10. Dezember: Schwer begreiflich

13. Dezember: Dunkel trifft Licht, leise trifft laut

17. Dezember: Asexuell

22. Dezember: Zwischenraum

24. Dezember: Halber Mann

 

 

Stuttgart Pride 2023 – ein Nachklapp

Letztes Wochenende also „Pride“ in Stuttgart. Bis letztes Jahr hieß das noch CSD — Christopher Street Day.

Der Pride-Samstag begann mit ausgiebigem Regen. Auch dies war wohl ein Grund, warum die Fußgruppe dieses Jahr kleiner ausfiel als letztes Jahr. Bei so einem Wetter rausgehen? Bis 13 Uhr hatte es dann zwar aufgeklart, aber zu dem Zeitpunkt wäre das Losfahren für Auswärtige theoretisch zu spät gewesen. Die Aufstellung für die Fußgruppen sollte ab 14 Uhr stattfinden, die Chefin mit dem Handwagen war sogar pünktlich diesmal.

Um 15 Uhr startete irgendwo ganz weit vorn die Parade. Davon merkten wir an der Startnummer 78 von 131 zunächst wenig, aber immerhin nahmen die umliegenden LKW den Startpunkt ernst und dröhnten uns ab 15 Uhr mit zwei Versionen von Techno zu. (Nichts gegen Techno als Musikrichtung, aber gegenläufige Doppelbeschallung bei etwa 90 Dezibel ist auf Dauer anstrengend.) Erst nach 16 Uhr konnten wir langsam loszuckeln. Zu dem Zeitpunkt hatte sich die erste mitlaufwillige Person schon wieder verabschiedet, weil sie nicht mit einer derartigen Wartezeit gerechnet hatten und auf den Zug mussten.

Mehrere Ace-Flaggen und eine Aroace-Flagge an Stangen waren bei der Demo mit dabei, außerdem einige andere als Umhänge.

Der „Marsch“ darauf gestaltete sich derart zäh als Stop-and-Go, dass wir den Großteil der abschließenden Kundgebung verpassten. Leider gab es außerdem einen Vorfall, da eine linke Gruppe erfolgreich den ersten Wagen aufhielt und das folgende kurze Handgemenge den Versammlungsleiter der Demo verletzte. (Persönliche Meinung: Habt ihr Rotzgören sie noch alle? Konstruktive Kritik geht anders.)

Aber immerhin: Das Gruppenfoto hat was, zumal die Accessoires unten links im Bild farblich gut passen. Insgesamt hatte es die Kundgebung dieses Jahr gefühlt schwer. Offenbar ging es nicht nur uns und unseren schwarzen Luftballons so, dass nach der langen Zeit die Luft raus war.

Das obligatorische Demogruppen-Abschlussfoto. Übrigens weht da eine Aplatonik-Flagge über dem Mensch mit der Sonnenbrille in Violett, Blau, Grün und Cremefarben.

Der Sonntag startete — was Wunder — wieder mit Dauerregen nach nächtlichem Gewitter. (Die Verfasserin hatte aufgrund selbigens, wie ganz Pforzheim, ab nachts um eins etwa 40 Minuten lang keinen Strom, was die Nachtruhe unangenehm verkürzte.)

Der Aufbau des Stands erfolgte dann aber trockenen Fußes. Wie sich das für Stuttgart gehört, trudelten die meisten Feierwütigen und Neugierigen erst nach 14 Uhr ein, und wir hatten weniger Verkauf als Infogespräche.

Und wo wir bei Infogesprächen sind: Ein Mensch der Standbesetzung hat sich von Antenne1 über Asexualität ausquetschen lassen. Es ist eine hörenswerte Interviewreihe entstanden.

Lesefutter: „Ein unvollständiger Mann“ – Exploitation statt Repräsentation

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Eines vorweg: Jedes Mal, wenn ich irgendwo LGTBQIA+ statt LGBTQI lese oder im Rahmen einer Veranstaltung explizit Asexualität und Aromantik erwähnt werden, mache ich innerlich jauchzend einen (ebenso innerlichen) Hopser. Manchmal geschieht beides auch sicht- und hörbar. Ich bin dermaßen ausgehungert nach Repräsentation und dankbar für Krumen, dass ich mich zuweilen dafür schäme. Zwar gibt es hin und wieder Artikel über Aspec-Erfahrungen, doch meist berichten sie über beide Identitäten im Format: „Wir haben hier ein interessantes Einzelschicksal, schaut, die Person ist trotzdem ein Mensch, sie erklärt uns nun ihre sonderbare Existenz“. Das ist oft ehrlich um Aufklärung bemüht und lieb gemeint, aber nicht das, was bitter nötig ist: Stories und Erzählungen, in denen Personen einfach aspec sind und ihr Erleben dadurch beeinflusst, aber nicht komplett definiert wird. Ich möchte asexuelle Raumschiffpilot*innen, Vampirjäger*innen, Bäcker*innen und Präsident*innen, Figuren, die selbstverständlich als sie selbst Geschichten erleben, ihre Welt prägen statt zu reagieren und mehr sind als ein kurioser Einzelfall. Und die auch allosexuellen Personen zeigen, dass unser aller Leben besser wird, wenn wir normative Vorstellungen von Sexualität und Beziehungen (nicht nur romantischer Art) hinterfragen.

Hintergrundinformationen zum Roman

Dementsprechend gespannt bin ich, worum es sich beim Roman „Ein unvollständiger Mann“ von Ralf Gerhardt handelt. Vorweg gab’s von der Promoagentur ein Interview, in dem zu lesen ist:

„Herr Gerhardt, Ihr erster Roman ‚Ein unvollständiger Mann‘ dreht sich um Asexualität, ein bisher wenig diskutiertes Thema. Was hat Sie dazu inspiriert?

Gerhardt: Ein Artikel in der ZEIT (…) hat mich darauf gebracht (…). Ich (…) war (…) beeindruckt, mit welcher Wucht diese Orientierung in den Alltag der Betroffenen grätscht.“

Das tut weh. Meine Orientierung grätscht nicht in meinen Alltag als aspec Person, der Alltag mit seiner Allo- und Heteronormativität selbst ist das Problem. Er lässt sich ändern, meine Orientierung nicht. Und statt unter ihr zu leiden, strebe ich die Änderung des Alltags an. Doch, so lässt uns die Agentur im Anschreiben wissen: „Wie gründlich der Autor recherchiert hat, ist seiner Coming-of-Age-Geschichte anzumerken.“

Erste Eindrücke

Es ist ungerecht, ein Buch dafür zu kritisieren, was es nicht ist. Angesichts der erwähnten, gründlichen Recherche muss ich allerdings annehmen, dass die meisten ihrer Ergebnisse keine Spuren im Buch hinterließen. Vielleicht beschränkten sich die Quellen auch nur auf die erwähnten Standard-Interviews mit asexuellen Personen, deren Autor*innen individuelles Leid betonen. Das allerdings würde keiner gründlichen Recherche entsprechen Vielleicht war es aber auch eine bewusste Entscheidung, die dem Autor selbstverständlich zusteht.

Mir ist nicht bekannt, ob Ralf Gerhardt, der „Ein unvollständiger Mann“ schrieb, selbst asexuell ist, auf meine Nachfrage erhielt ich keine Antwort. Falls nicht, ist die Entscheidung, die Geschichte aus Sicht des asexuellen Kolja Wolf in Ichform zu erzählen, mindestens gewagt, meiner Meinung nach aber geradezu dreist. Dass auch allo Person über Asexualität und asexuelle Figuren schreiben, ist notwendig und willkommen. Als ace Person zu schreiben ist jedoch, wie bei allen anderen Identitäten, die nicht der eigenen entsprechen, zum Scheitern verurteilt, solange es keine explizite asexuelle Beteiligung, kein Feedback und kein Lektorat durch Aspecs gibt. Und falls Ralf Gerhardt doch ace sein sollte, hoffe ich, dass er bald Anschluss an die Community findet und neue Perspektiven kennenlernt.

Der asexuelle Erzähler Wolf ist eine wenig komplexe, passive Figur, die zu Beginn der Handlung bewusst emotionalen und körperlichen Abstand zu anderen hält. Seine Attitüde ähnelt eher einem gloomy Teenager als einem Mittdreißiger. Da ihm eine aggressive, „männliche“ Sexualität fehlt, sieht er sich als den titelgebenden, unvollständigen Mann. Dieser empfundene Makel bestimmt jegliche Interaktion mit anderen Figuren. Ihnen gegenüber verhält er sich egoistisch, launisch, rüde und, zumindest in der Vergangenheit, teils gewalttätig. Erst durch Zufälle, amatonormative Liebe und Aufklärung durch seine allo Bezugspersonen gelangt er zu einem apologetischen Umgang mit seiner Sexualität und ist am Ende sozusagen „trotz allem“ ein Mann. Die allo-Figuren sind wie er unsympathisch und dazu übertrieben sexualisiert. Sie sind Karikaturen, die immerzu flirten müssen, wenn sie eine Person attraktiv finden und sich geistig auf einem permanenten Junggesell*innenabschied befinden.

Paralleluniversum?

Die im Text vorherrschenden Gespräche sind auch durch die Erzählstruktur des Romans ermüdend. Sie beschränkt sich auf Unterhaltungen an wechselnden Orten und ist als das Gegenteil von „show, don’t tell“ durchweg selbstreferenziell, ja hermeneutisch. Unklar bleibt, weshalb Wolf zwar den Begriff „asexuell“ kennt, ihn aber trotz eigener Besessenheit von mangelndem Interesse an Sex und allen daraus entstehenden Problemen nie recherchierte. Das Internet existiert, es werden Mails geschrieben und am Ende tauchen Prideflaggen in asexuellen Farben auf, über deren Design in unserer Realität 2010 online abgestimmt wurde.

Wenn Wolf sich im Internet umgesehen hätte, wäre ihm aufgefallen, wie wenig besessen von Nabelschau und Leid das Leben von Aces ist. Dass sie nicht die ganze Zeit darüber brüten, wie seltsam sie sind, sondern stattdessen eigene Ideen von erfüllten Beziehungen haben. Dass sie sich und ihre Umwelt reflektieren können, ohne sich selbst abzuwerten und andere zu meiden. Dass Queerness, anders, als die schwulen Charaktere im Buch nahelegen, nichts ist, was jemand tut, nämlich immerzu queeren Sex haben (wollen), sondern eine Art der Abweichung von gesellschaftlichen heteronormativen, sexistischen, patriarchalen Normen, die auch uns Aspecs mit anderen Identitäten verbindet. Und vielleicht auch, dass die Sexualisierung von Queerness an sich Teil eines Weltbilds ist, dass Heterosexualität im Gegensatz zu ihr als „gesund“ und „normal“ betrachtet und allen schadet.

Auch davon ist in „Ein unvollständiger Mann“ nichts zu lesen. Asexualität ist nur ein Auslöser von Konflikten, deren Lösung einer asexuelle Person selbst nicht möglich ist. Der übergriffige Freund, der Wolf einst nicht konsensuellen Sex unter Drogeneinfluss aufzwang, weiß am Ende mehr über Asexualität als der asexuelle Wolf selbst. Ahnungslos wird die einzige asexuelle Figur durch eine Handlung geredet, die nicht genügend Camp und Humor besitzt, um das übergroße Drama einer Telenovela zu bieten, aber ähnliche dramaturgische Kniffe bemüht. Sie ist zu szenisch abgefasst, um als Roman zu gefallen oder durch Beschreibungen von Personen, Orten und Gefühlen zu unterhalten. Dazu fehlt jede gesellschaftliche Dimension, die Figuren haben Berufe, aber keine Identität und befinden sich abseits zeitgenössischer queerer Diskurse fest in konservativen Ideen von Männlichkeit und Heteronormativität verhaftet, die sie durch oberflächliche Exzesse nur verstärken.

Fazit

Ich weiß nicht, für welches Publikum das Buch geschrieben wurde. Falls für Aspecs, sollten wir uns auch angesichts fehlender Repräsentation nicht mit dem hier Gebotenen zufrieden geben. Wurde es für Allosexuelle verfasst, setzt es das übliche othering im Protagonisten Wolf selbst fort und lässt die Möglichkeit, auf über 350 Seiten nicht nur über Asexualität, sondern Sexualität an sich aufzuklären, ungenutzt verstreichen. Nicht einmal der Unterschied zwischen Libido und sexueller, romantischer und anderen Arten von Anziehung wird, und sei es in Form eines Glossars am Ende des Bandes, dargelegt.

Als aspec Person stachelt mich das mehr an, als dass es mich aufbringt, ich weiß ja, wie vieles noch klargestellt werden muss. Zum Beispiel, dass ein Leben als asexuelle Person zwar durch Allo- und Heteronormativität erschwert wird, Asepcs aber mehr zur Gesellschaft beizutragen haben als die Rolle des seltsam Anderen, die andere in ihrer vermeintlichen Normalität bestärkt, indem sie „trotzdem“ wie Allos leben wollen und das freundlicherweise manchmal unter Mithilfe viel entspannterer, offenerer Allos dürfen. Wir haben nicht einfach nur einen geringeren Anteil an gesellschaftlichen Normen entsprechenden Beziehungen oder lehnen sie ab, wir queeren sie. Und diese transformative Kraft der Queerness ist erstaunlicherweise das, was mir in diesem Buch, einer Exploitation Fiction über Asexualität, mehr als andere fehlt. Eine Geschichte, die darauf nicht eingeht, ist nicht automatisch misslungen, nur weil sie diese, und in diesem Fall explizit meine, Erwartungen nicht erfüllt. Doch was hier stattdessen erzählt wird, reicht nicht aus, um zu überraschen und vergessen zu lassen, was fehlt.

Ralf Gerhardt: Ein unvollständiger Mann. Erschienen 2023 im Selbstverlag, 356 Seiten. Hardcover-ISBN 3347907035 (24,90 €), Softcover-ISBN 3347907027 (16,90 €)

Bestellbar unter anderem bei tredition.

Diese Rezension wurde verfasst von: Lennart. Wir haben dafür eine elektronische Kopie gratis erhalten.

Stuttgart Pride: Infos zur Demoparade am 29.7.

Grundlegendes:

Die Aufstellung ist ab 14 Uhr zwischen Schwabstr. und Feuersee auf der Rotebühlstraße. (Google Maps.) Achtung: Die letzten Jahre war das woanders.

Auf dem Gehweg dann bei der eingetragenen Nummer warten. Wir sind Nummer 78, falls sich nichts mehr ändert.

15 Uhr ist Demostart. Um ca. 18:30 Uhr ist die Kundgebung auf der Planie. Bitte gern dafür bleiben. Oder wenigstens nicht gleich wegrennen für ein Abschlussfoto. 🙂

Demostrecke: https://www.stuttgart-pride.de/veranstaltungen/demonstration/demo-strecke

Anreise:

Mit den Öffentlichen:
Zwischen Hauptbahnhof tief und Vaihingen sind mehrere Haltestellen gesperrt. Am besten an Stadtmitte / Rotebühlplatz aussteigen und laufen, da die Ersatzbushalte wegen der Demo größtenteils wegfallen. Überblick: https://www.s-bahn-stuttgart.de/s-stuttgart/aktuelles/Stammstreckensperrung-2023-10424994

Auto:
Umweltzone beachten.
Von Osten wird die Zufahrt über den Schattenring wahrscheinlich gesperrt sein und die Neue Weinsteige hat eine Baustelle. Manche Navis sind daher nur begrenzt zuverlässig.

 

Für eure Sicherheit und Wohlbefinden:

  • Bringt euch bitte genug Getränke und Essen mit. Supermärkte im Stadtinneren von Stuttgart sind rar.
  • Achtet auf Sonnen- bzw. Regenschutz, je nach Wetter.
  • Auf geeignetes Schuhwerk achten – ihr müsst viel stehen, bei heißem Wetter heißer Boden, Scherbengefahr etc.
  • Gehörschutz für lärmempfindliche Menschen.
  • Münzgeld für öffentliche Toiletten.

Alkohol ist für Teilnehmende nicht verboten, nur für Ordnende. Als Chefin nehme ich mir aber raus, angetrunkene Personen aus der Gruppe an den Rand zu komplimentieren. Ich möchte nicht für Betrunkene Verantwortung übernehmen müssen.

AktivistA und AktivAro stellen Infomaterial zum Verteilen. Wir haben außerdem zwei Demoschilder und werden ein AktivistA-Banner mitbringen, damit wir als Gruppe besser identifizierbar sind. Für die werdet ihr eventuell zum Tragen vergattert. 🙂

Einen Handwagen als Abstellmöglichkeit für Gepäck oder Wasserflaschen bringe ich mit. Achtet trotzdem auf eure Wertsachen.

Ansonsten:

  • Aufkleber bitte zurückhaltend bzw. eher auf Anfrage verteilen.
  • Kein Konfetti, Federn oder Glitter zum Werfen mitbringen.
  • Keine Hoheitsabzeichen tragen.
  • Maskierung ist erlaubt (Puppies etc.), aber ist abzunehmen, wenn die Polizei zwecks Identitätsfeststellung drum bittet.
  • Bitte Gegendemos friedlich begegnen.

CSD Pforzheim oder: Einmal Ace vom Grill, bitte

Diesmal nicht so viele Menschen in lila.

So einen kleinen CSD hatten wir als Verein noch nie: Spotlight Pforzheim (vormals: Aids-Hilfe) hatte den ersten CSD Pforzheim ausgerufen. Pforzheim, um die 100’000 Einwohnende, AFD- und Evangelikalen-Hotspot, liegt mitten zwischen Karlsruhe und Stuttgart.

Mit nur vier Wochen Vorlaufzeit hatte Spotlight sich ganz schön was vorgenommen. Es sollte 20 Stände auf dem Marktplatz vor dem Rathaus geben, aber noch keine Parade.

Und da AktivistA seinen beim Finanzamt bekannten Sitz in Pforzheim hat, war klar: Da sollten wir auftauchen. Dank vier lieber Menschen von den Stammtischen Karlsruhe und Rhein-Neckar ist das auch gelungen.

Beim Aufbau schwitzten wir schon, und bis gut 14 Uhr wurden wir regelrecht gegrillt, wenn uns nicht mal wieder eine Brise die Flyer vom Tisch fegte. Glücklicherweise hatten wir wenigstens das Zelt festgebunden, sodass wir dem Linken Zentrum nebenan noch wasserbefüllbare Beschwerfüße ausleihen konnten.

Und was war noch außer Wetter?

Das Aufkommen von anderen Ständen fanden wir recht ungewöhnlich, da außer uns nur zwei lokal aktive queere Gruppen gekommen waren. (Wobei: So viel mehr gibt es in der Region auch nicht.) Einen Segen-to-go konnte sich eins von der Evangelischen Stadtkirche abholen, die katholischen Pfadfinder St. Georg hatten eine Chill-Area aufgebaut, außerdem gab es Parteien und viel Essen.

Der Grund für das hohe kirchliche Aufkommen können wir euch auf verraten: Eine recht neue baptistische Gemeinde scheint als einziges Thema bei den Predigten die Verurteilung von homo- und transsexuellen Menschen zu kennen. Wer sich gruseln will: Queer.de hat mittlerweile ein eigenes Schlagwort dafür.

Damit hatte AktivistA den einzigen Stand mit Merchandise, den wir dann auch fleißig unter die anwesenden Aces und Aros brachten. Wie immer waren das mehr, als eins auf den ersten Blick erwartet hätte. Hier sei auch noch mal einer zugereisten Person gedankt, die wie bereits in Karlsruhe beflaggte Mini-Muffins verteilte.

Und außerdem bekamen wir noch was geschenkt:

Ein Frosch in Ace-Farben, der „Be Gay“ (do crimes) sagt.

Ursprünglich hatte Spotlight mit etwa 200 Besuchenden gerechnet – über den Tag schauten dann etwa fünf Mal so viele Menschen vorbei.

Von den Drag Shows hatten wir am Stand nicht so viel, dafür aber von der Musik. Wärmstens ans Herz legen möchte ich euch Narcissus, ein Mensch mit gelben Haaren und ordentlich Talent.

AktivistA-Konferenz 2023: Teaser Trailer

Pünktlich zum Pride Month haben wir für euch eine kleine Vorschau für das Programm unserer Konferenz für das asexuelle Spektrum. Die Reihenfolge ist noch nicht ganz klar, da sie auch von Zugfahrzeiten der Beteiligten abhängt.

Die hier zu sehende Treppe am Zentrum Weissenburg ist diesmal tatsächlich relevant für den Inhalt.

Community-intern wird Jens ein Update zu Grau-Asexualitäten geben und ein wenig über eigene Erfahrungen berichten.

Außerdem angesagt hat sich Flemm, um AktivAro und deren Aktivitäten vorzustellen.

Danach werden sich Noir und Finn von InSpektren eine Anziehungsform vornehmen: „Von Ästhetik bis Aästhetik – Ein kaum beachteter Teil des A*spec“.

Und wo wir bei vermeintlichen oder echten Äußerlichkeiten sind: Anni Baumgart von ace_arovolution beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Bild von Asexualität in den Medien und wird eine Masterarbeit diesezüglich vorstellen.

Ansonsten noch eine Neuerung: Wir haben für den Tag einen Konferenzraum im Obergeschoss der Weissenburg gemietet. Er ist über eine schmale Treppe zu erreichen und bietet Platz für etwa 15 Personen. Ihr dürft gern Interesse an einer Besprechung anmelden, für deren Zeit ich dann den Raum reserviere. Außerhalb von Besprechungen steht er als Rückzugsort für Menschen zu Verfügung, die grade nicht so gut Lautstärke oder Leute können.

Bitte benutzt das Formular auf der Konferenz-Unterseite, um euch anzumelden.

CSD Karlsruhe 2023 oder: Ist leider schon weg.

Ein Teil der Truppe, die beim Infostand und der Demogruppe geholfen haben.

Obwohl oder weil der CSD Karlsruhe diesmal mitten in den hiesigen Pfingstferien lag, hatten wir und der Rest der Veranstaltung überwältigend viel Besuch. Hinzu kam passendes Wetter: Zumindest am Infostand war es nicht zu heiß. Es ging jedoch leichter Wind, der uns regelmäßig Papier davonwehte, obwohl wir ja schon ein Dutzend Beschwersteine benutzten. Da die Standchefin nicht so gut zu Fuß war, hiermit ein Dankeschön an alle, die den flüchtigen Druckwerken hinterherspurteten.

Der Fußgruppe mangelte es dieses Mal an Stangen für die Fahnen, sodass sie leider im wie so häufig etwas unorganisierten Pulk unterging. Die knapp 1000 Flyer wurden von den Teilnehmenden aber fleißig unter die Leute gebracht.

Am Stand wurden wir zu manchen Zeitpunkten fast überrannt. Daher fuhren wir mit etwa einem Zehntel des Merchandises heim, den wir eingepackt hatten. Viel zu oft mussten wir eingestehen: „Ist leider schon weg.“ Nebenbei führten wir die üblichen Aufklärungsgespräche über Asexualität und Aromantik. Glücklicherweise blieben die meisten Themen-Neulinge sehr respektvoll. Einige fuhren total auf unser Glossar-Glücksrad ab. Zahlreiche Menschen freuten sich über unseren Ace- und Aro-Merch. Einige davon wurden sogleich für den Aspec*German-Discord und die passenden Stammtische rekrutiert.

Wenn ihr den Livestream des CSDs vorspult, findet ihr auf der Demo die von der Polizei geschätzten 6000 Menschen plus etwa doppelt so viel Publikum. Eine Ace-Flagge weht ab 2:50:30 durchs Bild, die Fußgruppe ist irgendwie verschluckt … (ich habe sie zumindest nicht gefunden). Auch die Podiumsdiskussionen im Stream sind sehr zu empfehlen. Vor allem die ab 6:39:00, denn da sind zwei Menschen von AktivAro auf der Bühne. Sie besprechen vor allem Basis-Infos – passend zum gemischten Publikum.

Zum IDAHOBITA* 2023

Zunächst einmal: Wir wünschen euch allen einen guten, erfolgreichen Tag gegen Homo-, Bi-, Trans-, Inter- und Aspec*-Feindlichkeit! Ursprünglich als „Internationaler Tag gegen Homophobie“ gegründet, hat er in den letzten Jahren einige Buchstaben hinzugewonnen. Unser Beitrag heute wirft ein kleines Streiflicht auf Ace- und Aro-Feindlichkeit.

Allerdings: Queerfeindliche Positionen interessiert es nicht, ob eine Person ace, lesbisch, bi, schwul und/oder trans ist. Sie haben ihr festes Schema von der Welt und bestehen darauf, dass wir alle in die von ihnen genehmigten Ausstechförmchen passen. Ein paar von uns werden deshalb zum Beispiel in Heidelberg und Karlsruhe bei Veranstaltungen und Demos anwesend sein. Vielleicht findet ihr noch eine Veranstaltung in eurer Stadt, die ihr unterstützen könnt?

Für Menschen, die lieber nicht rausgehen, gibt es einen Vorleseabend auf dem Aspec*German-Discord-Server.

 

Wieso besteht ihr auf ein A in IDAHOBITA?

Und schon sind wir mittendrin im Thema. Feindlichkeit äußert sich zwar auch in tätlicher Gewalt, aber die Ursachen davon beginnen schon viel früher. Nämlich in den Köpfen.

So ist auch Feindlichkeit gegenüber ace und aro Menschen zuerst eine Frage von Einstellungen und Glaubenssätzen. Wie soll eine Gesellschaft beschaffen sein? Was macht einen Menschen aus, den wir als wertvoll anerkennen? Wenn Menschen davon ein enges Bild haben, versuchen sie häufig, ihre Version anderen aufzuzwingen.

Jede geschlechtliche, sexuelle und romantische Minderheit begegnet sowohl allgemeinen wie auch spezifischen Varianten von Queerfeindlichkeit.

Warum die Feindlichkeit gegen asexuelle und aromantische Menschen spezielle Formen annimmt, beschreiben die Begriffe Allonormativität und Amatonormativität.

Allonormativität und Amatonormativität

„Normativität“ bedeutet hier, dass ein bestimmter gesellschaftlicher Sachverhalt als „normal“ und wünschenswert gilt.

„Allo“ kommt von „allosexuell“. Damit sind Menschen gemeint, die nicht zum asexuellen Spektrum gehören. „Allonormativ“ beschreibt also die Annahme, dass alle Menschen sexuelle Anziehung kennen und diese Anziehung auch ausleben möchten.

„Amato“ meint Liebe und Zärtlichkeit. „Amatonormativ“ bedeutet, dass romantische Liebe und romantische Beziehungen als sehr wichtig und erfüllend eingestuft werden. Deshalb wird angenommen, dass alle Menschen eine romantische Beziehung suchen.

Menschen, die diese unausgesprochenen Erwartungen nicht erfüllen, erleben oft unerfreuliche Reaktionen. Zum Beispiel …

 

Pathologisierung

Pathologisierung bedeutet, dass etwas als „krank“ eingestuft wird, das gar nichts mit einer Krankheit zu tun hat. So nehmen viele Menschen an, dass ace und aro Menschen irgendwie krank seien, weil ihnen nach landläufiger Meinung etwas Wichtiges fehlt. Bei einem Coming-out werden ace und aro Menschen daher oft mit Diagnosen konfrontiert. Selbst wenn das nett gemeint ist, tut das weh. Es führt außerdem dazu, dass sich viele ace und aro Menschen als „kaputt“ wahrnehmen, bevor sie ihre Label finden. Sie haben dann solche Botschaften verinnerlicht.

Bis 2016 kam in Medienberichten über Asexualität sehr häufig eine Person aus der Medizin zu Wort, die über mögliche „Ursachen“ des vermeintlichen Mangels spekuliert. Heutzutage finden sich solche Vermutungen vor allem in den Kommentarspalten – prominenten Beispielen zum Trotz.

 

Infantilisierung

Infantilisierung bedeutet, dass Menschen als unreif oder kindlich dargestellt werden. In unserer Gesellschaft haben die „erste Liebe“, der „erste Kuss“, das „erste Mal“, Heiraten und Elternschaft einen festen Platz in Erzählungen vom Erwachsenenwerden. Wenn Menschen diesen Dingen keine Bedeutung beimessen oder diese Dinge nicht erlebt haben, werden sie oft als „unfertig“ oder unreif wahrgenommen. Ace und aro Menschen werden daher oft auf später vertröstet: „Ach, der/die Richtige kommt schon noch.“ Sie begegnen – wie andere alleinstehende Menschen auch – oft Fragen danach, wann sie denn endlich eine romantische Beziehung eingehen / sich häuslich niederlassen / für Enkelkinder sorgen, als sei dies der einzige Gradmesser für ein erfülltes Erwachsenenleben.

Invalidierung

Invalidierung bedeutet, dass etwas wertlos oder unwichtig gemacht wird. Sowohl Pathologisierung als auch Infantilisierung dienen oft dazu, Aussagen von asexuellen und aromantischen Menschen als unwichtig darzustellen. Dadurch kann sich das Publikum beruhigt zurücklehnen: Unreifen oder kranken Menschen muss man ja nicht glauben, was sie über ihre sexuelle oder romantische Orientierung sagen.

Eine andere Strategie ist, Aussagen über eine Orientierung als kurzfristig oder allgemein umzudeuten. „Das geht doch allen mal so.“ „Das ist doch nur eine Phase.“ „Das ist in deinem Alter doch normal.“ „Sexualität ist fluide. Das kann sich also noch ändern.“ Und so weiter.

All dies dient außerdem dazu, die Aussagen von Aces und Aros als weniger politisch erscheinen zu lassen.

Damit machen wir für heute Schluss, obwohl wir das Ende der traurigen Parade noch lange nicht erreicht haben. Ein Sachbuch über Ace- und Arofeindlichkeit ist (un)sichtbar gemacht von Annika Baumgart und Katharina Kroschel. Außerdem empfehlen wir die Podcastfolgen von InSpektren über A*spec-Feindlichkeit und Allonormativität.

AktivistA & Aspec*German beim CSD Karlsruhe

Der Pride Month und damit die ersten CSDs in Baden-Württemberg sind nicht mehr lange hin …

https://www.csd-karlsruhe.de/wp-content/uploads/CSD2023_Motto.jpg

Zum CSD Karlsruhe am 3. Juni kommt AktivistA mit einem Infostand und einer erweiterten Button-Kollektion. Außerdem werden wir wie immer Infos, Flaggen, Sticker und Armbänder im Gepäck haben. Dieses Jahr ist auch wieder ein Glücksrad geplant.

Die Demoparade werden wir gemeinsam mit Aspec*German heimsuchen. Das Ziehwägelchen wird im Getümmel wahrscheinlich eher untergehen, die Flaggen hoffentlich weniger. Falls noch wer mitdemonstrieren will, freuen wir uns, wenn ihr vorher kurz über die einschlägigen Kanäle wie Discord oder die verschiedenen BaWü-Gruppen Bescheid gebt. Leider müssen wir nach Personenzahl Ordnende stellen. (Wer zu Signal, WhatsApp oder einer ganz altmodischen Mailingliste für Baden-Württemberg möchte, melde sich bitte bei uns.)

Damit bleibt uns nur noch, auf trockenes und nicht allzu heißes Wetter zu hoffen und uns ganz vorsichtig auf euch vorzufreuen.