Dieses Jahr fand unsere Konferenz am ersten Septemberwochenende statt. Wir hatten gehofft, damit den Canstatter Wasen und das süddeutsche Ferienende zu umschiffen. Dafür geriet der Termin, nachdem wir ihn mehr verschieben konnten, in ein Mountainbike-Event. Dank dem waren in Stuttgart noch mehr Straßen gesperrt als ohnehin durch die Baustellen.
Außerdem hatte die Verfasserin dieser Zeilen einige Namensschilder verbaselt (sorry nochmal) und das Mikro kriegten wir am Samstag erst an, als es schon zu spät war.
Inhaltshinweis: Der Abschnitt „Behindert und Verrückt – Jetzt reden Wir!“ thematisiert Gewalt gegen Menschen mit Behinderung und behindertenfeindliche Narrative.
Samstag
Kunstpanel am Vormittag
Am Vormittag hatten wir viel Zeit für ein von Finx moderiertes Kunstpanel eingeplant. Da hier ein paar Bühnenneulinge am Start waren, hätten wir das Mikro echt gut gebrauchen können.
Zuerst nahm uns Merlin auf eine zeichnerische Reise zur letztjährigen AktivistA-Konferenz mit. Wir sind total geflasht und dankbar, dass wir die Durckfahnen für zwei kleine Zines mit euch teilen dürfen. Hier ist die PDF für 2024: Merlins_Konferenz-Zine_2024
Und hier ist das Kunstwerk von 2025: Merlins_Konferenz-Zine_2025.
Merlin betreibt eine verschlüsselte Webseite. Wer Interesse daran hat, darf Merlin unter Merlin.26 auf Signal anschreiben.
Finx teilte ein berührendes Video mit Film, Musik und Poesie, das eine wichtigen Person in Finx’ Leben würdigt.
Hacki zeichnet und malt zumeist traditionell auf Papier. Ein paar Originale durften wir am Samstag ausstellen und bewundern, außerdem gab es Sticker auf Spendenbasis mitzunehmen. Wiederkehrende Themen in Hackis Werken sind Erfahrungen als autistische Person und das Leben auf der aromantischen Seite. Hacki hat einen Link.tree unter anderem zu deren Portfolio, einem Telegram-Newsletter, Bluesky und einem Undertale-Fancomic.
Am Sonntag wurden ein paar Menschen noch mit Portraits bedacht.
elli programmiert Computerspiele und setzt sich für a*spec Sichtbarkeit beim Gaming ein – dank elli haben wir hier übrigens eine Games-Unterseite. Ihr findet ellis Spiele hier: https://elkortes.itch.io/
elli hat auch einen Kanal bei YouTube und einen Auftritt bei DeviantArt.
Außerdem gibt es eine Umfrage auf Deutsch und Englisch bei Google Docs. Sie dient der Recherche, inwieweit Gaming das Aspec bereits berücksichtigt, und wo es noch Lücken gibt. Alle Computerspiel-Affinen sind herzlich eingeladen, teilzunehmen!
Yukiho arbeitet an Animationsfilmen im „DereTypeWeltschmerz“-Projekt und nahm uns in die Figurenentwicklung mit. „Dere-Typen“ sind in japanischer Fiktion „Charaktere, die ihre romantische Zuneigung auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlichen Extremen ausdrücken“, wie Yukiho auf der zugehörigen animexx-Projektseite erklärt. Es gibt auch ein bisschen was zum Lesen im „Fanfic“-Reiter.
Auf dem YouTube-Hauptaccount von Yukiho findet ihr einen Trailer sowie Links zu spezifischen Kanälen: https://www.youtube.com/@VeilchenYukiho
Nach einem Diskussions-Panel las Laurin, die vor allem wissenschaftlich schreibt, noch ihre autobiographische Einreichung zur „Kleinen Hausapotheke gegen den allo- und amotonormativen Alltag“: eine Reise vom gefühlt einzigen Ace auf der Welt zum internationalen und regionalen Netzwerkaufbau. Die Kernfrage: Wie oft laufen a*spec Personen eigentlich aneinander vorbei, ohne es zu bemerken und denken, sie seien die einzigen an einem bestimmten Ort?
Laurin ist eine der wenigen Genannten mit Instagram.
Weil das Panel etwas überzogen hatte, gingen wir danach in eine verschobene Mittagspause und ließen das Speedfriending ausfallen.

Von Liebe bis Loveless – ein Vortrag von InSpektren
Trotzdem war genug Zeit für Noir und Finn vom Podcast InSpektren, eine kleine Zettel-Umfrage auszuwerten, die am Vormittag auf den Tischen bereitgelegen hatte. Die Fragen dabei: „Was ist Liebe?“ und „Was sind deine Gedanken zu Lieblosigkeit, Herzlosigkeit, Loveless, etc.?“
Die meisten Antworten sahen in Liebe eine Form der Verbundenheit (familiär, romantisch, spirituell, Tierliebe, zu Tätigkeiten) und betonten einen positiven Zusammenhang. Wenn ich einer Person schade, die ich liebe, ist das dann noch Liebe? Manche Menschen würden das verneinen.
Finn beschreibt Liebe demnach als einen „mystifizierten Haufen positiver Gefühle“, wobei auch Besessenheit und Abhängigkeit zu diesem Haufen gehören, die dann wohl durch die Zuordnung zur „Liebe“ verpositiviert werden.
Liebe als Verbundenheit hat auch eine strukturierende Funktion für Familie, Partnerschaften, sogar für den Widerstand (Solidarität, nicht?) und fördert Opferbereitschaft. Und ohne unbezahlte Care-Arbeit geht im Kapitalismus sowieso nicht viel. Liebe unterliegt daher Normierungen beziehungsweise gesellschaftlichen Erwartungshaltungen: wer sich nicht kümmert, nicht versorgt, keine Geborgenheit gibt, liebt nicht/falsch.
Irgendwo in der Schnittmenge zur Spiritualität schwebt auch noch die Vorstellung herum, dass Liebe heilt.
In a*spec Kontexten scheint „Liebe“ oft eine Abwehrfunktion gegen Entmenschlichung zu haben, denn die Abwesenheit von romantischen Gefühlen wird oft mit Roboterhaftigkeit oder Monstersein gleichgesetzt. Der Abwehrsatz lautet in etwa: „Ich verliebe mich zwar nicht, aber ich liebe immer noch mein Haustier/meine Freunde/meine Familie!“ Eins verteidigt damit die eigene Daseinsberechtigung und die Wichtigkeit der bestehenden Beziehungen. Am Ende verbirgt sich dahinter jedoch oft Respektabilitätspolitik. Das Framing „Liebe = gut = menschlich“ wird von der Mehrheitsgesellschaft übernommen. Zum Preis, dass Personen, die mit dem Begriff „Liebe“ aus den unterschiedlichsten Gründen Schwierigkeiten haben, ausgeschlossen werden.
Dazu gehören auch Menschen, die sich als loveless beschreiben – lieblos, zu deutsch. Das positiv mystifizierte Konglomerat Liebe ist zum Beispiel manchen Personen zu formlos, um es aufs eigene Leben anzuwenden. Und fehlen uns als Gesellschaft vielleicht auch genauere Konzepte, unsere Beziehungen zu beschreiben?
Vielleicht reden wir irgendwann über ein neues Spektrum: Das Alove*spec.
Vorläufig ließe sich schlussfolgern: weniger Respektabilitätspolitik betreiben. Der Liebe ihre Abgründe lassen und gern mehr und genauere Wörter nutzen. Muss „ich liebe dich“ wirklich sein, oder sage ich besser, was ich meine? „Du bist mir wichtig.“ „Ich bin bereit, dir zu verzeihen.“ „Ich fühle (welche Art?) Zuneigung zu dir.“ „Ich möchte Zeit mit dir verbringen.“ Derlei Optionen gibt es noch mehr.
Linktipp: https://www.values-academy.de/liebe/ zeigt, dass Liebe und Wertesysteme unauflösbar miteinander verstrickt sind.
Es folgte eine lebhafte Diskussion.
Lesung „Behindert und Verrückt – Jetzt reden Wir!“

Zum Schluss des Programms stellte Koi von der Disability und Mad Pride Bonn zum einen den gleichnamigen Verein vor. Die Gruppe selbst besteht seit 2023, 2025 wurde der Verein gegründet. Neben Besuchen bei anderen Demonstrationen richtet die Gruppe seit 2025 auch eine eigene Veranstaltung in Bonn aus, mit Kundgebung und Infoständen.
Wohl zuerst im Umfeld des Aspec*German-Servers entstand ein neues Akronym, das sich dank Vokal besser zu einem Wort zusammenziehen lässt als „MmB“ (Menschen mit Behinderung). Falls ihr also irgendwo CIMND* seht – ausgesprochen wie „Zimt“ – meint dies chronisch kranke Menschen, Krüppel (hier etwas Kontext zur Selbstbeschreibung), Verrückte, psychisch kranke, neurodivergente, behinderte und oder T*taube Menschen.
Gemäß dem Motto „nicht ohne uns über uns“ haben Koi und eine weitere Person, Lee Cornelissen, auch ein Buch herausgegeben. In „Behindert und Verrückt – Jetzt reden Wir!“ finden sich 41 Beiträge von Menschen mit verschiedenen Behinderungen und neurodiversen Personen, oder Interviews mit bzw. zwischen ihnen. Je nach Art des Beitrags gibt es mindestens eine Zusammenfassung in einfacher Sprache dazu.
Koi stellte drei Texte aus dem Buch vor. Der erste war ein Interview mit vier Personen: „CIMND* und A*spec – Zwischen Vorurteil und Orientierung“. Thematisiert wurden unter anderem Vorurteile von außen und die Rolle, die Therapeut*innen beim Zugang zu Labels, Diagnosen und Hilfen haben.
Danach las Koi den eigenen Text vor. Dabei äußert der Beitrag eine ordentliche Prise Kritik an einer Gesellschaft, in der selbst die Freizeit möglichst produktiv zur Erholung genutzt werden muss. „Wenn ich nichts leiste, was passiert dann mit mir?“, fragt Koi berechtigterweise. Und wer bestimmt, was Leistung ist?
Der letzte Text widmete sich den Morden an vier Heimbewohnenden im Oberlin-Haus in Potsdam durch eine Mitarbeiterin dort. Alle bekamen ihre Namen und Biographien zurück, soweit erforschbar. Die Berichterstattung war ebenfalls denkbar ableistisch. Noch bevor Näheres bekannt war, wurde der Täterin eine psychische Störung zugeschrieben, als wären sogenannte gesunde Personen nicht zu Gewalttaten in der Lage. Das vermutete Tatmotiv: Stress, schlechte Arbeitsbedingungen und die Opfer „erlösen“? Auch das wiederholt Annahmen über Personen mit schweren Behinderungen, die nicht unbedingt zutreffen.
Wohnheime sind leider oft geschlossene Systeme mit steilen Hierarchien, sodass diese für die Bewohnenden nicht immer sicher sind. Und: Viele Personen, die in Deutschland von der Polizei getötet werden, haben psychische Erkrankungen.
In der Diskussion danach wurde die besondere Gefährdung durch Polizeigewalt für BIPoC, also Schwarze, Indigene und Personen of Color hervorgehoben. Solange keine Fremdgefährdung vorliegt, kann eins versuchen, bei auffälligen Personen lieber mit der 112 Feuerwehr/Krankenwagen zu holen als die Polizei. Leider ist in solchen Fällen auch nicht immer klar, wer kommt, und ob die Personen mit einer solchen Situation umgehen können. Diskutiert wurde zudem auch über die Rechtsprechung, Schuldfähigkeit und die Frage nach psychischen Ausnahmezuständen als Strafmilderung.
Sonntag
Am Sonntag sammelten wir bei einer Einstiegsrunde Themen, die die Anwesenden interessierten. So gab es einen Tisch, an dem unter anderem Beziehungen und Beziehungssuche ein wichtiges Thema waren.
Nebenan wurde übers Kunstmachen geplaudert und auch ein bisschen gezeichnet. Vielleicht gibt es irgendwann einen Sticker mit einem „Ihr habt das A vergessen“-Hinweis? Wer weiß. (Hinweis: Du sollst keinen Flock-Kameras damit die Linse verkleben.)
Der dritte Tisch philosophierte zunächst über historische Eissorten. Da steckt Potential drin.
Damit endet der Bericht und wir melden uns spätestens hier auf dem Blog, wenn wir einen neuen Konferenz-Termin für euch haben.

















