A_sexualität: Wissenschaftliche Grundlagen

Dieser Artikel kann leider keinen vollständigen Überblick über den Stand der Forschung bieten.

Da alle Artikel und Bücher nur auf Englisch verfügbar sind, und “asexuality” hier nur “Asexualität” ohne das Spektrum meint, verzichtet die Redakteurin auf den Unterstrich.


Glossar für Menschen, die nicht so oft mit wissenschaftlichen Artikeln zu tun haben:

„Abstract“: eine Zusammenfassung der Studienergebnisse, die im Gegensatz zur Studie selbst meistens kostenfrei online zugänglich ist

„signifikant“ heißt, dass eventuell gefundene Unterschiede zwischen zwei Gruppen einer statistischen Prüfung standhalten und auf größere Gruppen übertragbar sind.


Kinseys Modell der sexuellen Orientierung

  • Kinsey, A. C, Pomeroy, W. B., and Martin, C. B. (1948). Sexual Behavior in the Human Male, W. B. Saunders, Philadelphia, PA.
  • Kinsey, A. C, Pomeroy, W. B., Martin, C. E., and Gebhard, P. H. (1953). Sexual Behavior in the Human Female, W. B. Saunders, Philadelphia, PA.

Kinseys Modell ist auch Grundlage des AVEN-Dreiecks. Kinsey schlägt eine Achse vor, um die sexuelle Orientierung zu bestimmen, von 0 (ausschließlich heterosexuelle Anziehung) bis 6 (ausschließlich homosexuelle Anziehung), mit diversen Abstufungen der Bisexualität dazwischen, ausgehend von tatsächlichen und erwünschten Erfahrungen sowie Fantasien.

Eine Gruppe passt nicht in dieses Schema, da sie kein Interesse an irgendwelchen Erfahrungen bekundet, und wird als „X“ – „Menschen ohne sozio-sexuelle Kontakte oder Reaktionen“ von ihm weitgehend ignoriert.

Storms’ Modell

  • Storms, M. D. (1978) “Sexual Orientation and Self-Perception” in P. Pliner K. R. Blankenstein and I.M. Spigel (Eds), Advances in the Study of Communication and Affect vol. 5 Perception of Emotion in Self and Others. New York. Plenum

Storms trägt homoerotische und heteroerotische Anziehung jeweils auf einer x- und einer y- Achse auf, dadurch entsteht ein Bereich, in dem sowohl die eine wie die andere Anziehung minimal sein kann, und benutzt dafür die Begriffe „asexual“ und „anerotic“.

Das Modell funktioniert besser als Kinseys, weil eine Erhöhung von homosexueller Anziehung nicht notwendigerweise mit einer Verringerung der heterosexuellen Anziehung einhergehen muss.

Beide Modelle tragen wegen ihres relativen Alters nicht der Tatsache Rechnung, dass es auch Menschen mit nicht-binärer Geschlechtsidentität gibt, also solche, die sich weder als Männlein noch als Weiblein identifizieren können.

Bogaerts Grundlagenforschung

Bogaert verwendete Daten aus einer Befragung von 18’000 britischen Bürgern. Etwa 1% der Befragten kreuzten „ich habe mich noch nie sexuell zu jemandem hingezogen gefühlt“ an. Bogaert versucht in der Studie, „Ursachenforschung“ zu betreiben – unter den 195 untersuchten Menschen waren mehr Frauen als Männer, mehr „Spätzünder“, mehr kurz gewachsene als sehr große, mehr schlecht gebildete als Leute mit Universitätsabschluss u. v. a. mehr. Er kommt zu dem Schluss, dass Asexualität wahrscheinlich durch diverse biologische und soziale Faktoren bedingt wird. (Was ungefähr der Stand für jede sexuelle Orientierung sein dürfte.)

Außerdem vom selben Autor:

  • Bogaert A. F. (2006). Toward a Conceptual Understanding of Asexuality. Review of General Psychology, 10, 241-250
  • Bogaert, A. F. (2008). Asexuality: Dysfunction or variation. in J. M Caroll & M. K. Alena (eds). Psychological Sexual Dysfunctions. New York: Nova Biomedical Books. pp. 9-13.

Im ersten Artikel beschäftigt er sich eher mit der Definition – er schlägt “empfindet keine sexuelle Anziehung” vor. Im zweiten Artikel zieht er einen Vergleich mit der Hypoactive Sexual Desire Disorder (HSDD). Er kommt laut Abstract zu dem Schluss, dass Asexualität eine sexuelle Orientierung und keine Störung ist.

Seine Ergebnisse und Überlegungen hat er auch in einem Buch zusammengefasst: „Understanding Asexuality“, Lanham, 2012

Wie definieren wie A_sexualität am Besten, und was ist das eigentlich?

  • Prause, N & Graham, C. A. (2007) Asexuality: Classification and Clarification. Archives of Sexual Behavior, 36, 341-35

An einer Online-Befragung nahmen auch 41 Asexuelle teil, die sich, im Gegensatz zu Bogaerts Versuchpersonen, tatsächlich als asexuell identifizierten.

Asexuelle haben laut Abstract signifikant weniger Interesse an Sex mit einem Partner und sind weniger leicht sexuell erregbar. Keine Unterschiede wurden gefunden, was sexuelle Gehemmtheit und die Häufigkeit von Masturbation anging.

  • Brotto, L. A., Knudson, G., Inskip, J., Rhodes, K., & Erskine, Y. (2010). Asexuality: A mixed methods approach. Archives of Sexual Behavior, 39, 599-618.

187 Asexuelle wurden via AVEN rekrutiert und online befragt. Wichtig: keiner der Befragten war mit seinem sex-losen Dasein an sich unglücklich. Außerdem versuchten Brotto et al. herauszufinden, welche Definition von Asexualität am besten funktioniert: Mangel an sexueller Anziehung, sexuellem Verhalten oder Erregbarkeit (entspricht in etwa dem, was die Niederländischen AVENler als „born without sexual feelings“ bezeichnen.) Am nützlichsten erwies sich „lack of sexual attraction“.

Am wenigsten aussagekräftig dürfte eine Aussage zum tatsächlichen sexuellen Verhalten sein. Diverse Selbsthilfegruppen für schwule Väter sprechen eindeutig gegen ein solches Konzept.

  • Brotto, L. A., & Yule, M. A. (2011). Physiological and Subjective Sexual Arousal in Self-Identified Asexual Women, Archives of Sexual Behavior, 40, 699-712

38 Frauen, davon 7 Asexuellen, wurden nicht-erotische und erotische Filmsequenzen vorgespielt, dabei wurde die Vaginalpulsamplitude (VPA) gemessen und hinterher u.a. die empfundene Erregung abgefragt.

Die VPA und die selbst eingeschätzte Erregung war bei allen Gruppen während des erotischen Films etwa gleich, allerdings fanden sich bei den Asexuellen weniger positive Gefühlsregungen und weniger sinnlich-sexuelle Anziehung. Keine Unterschiede gab es bei negativen Gefühlen und Ängstlichkeit.

Offensichtlich funktionieren die physiologischen Reaktionen bei asexuellen Frauen völlig normal – damit ist als Ursache für Asexualität eine sexuelle Störung quasi ausgeschlossen.

  • Brotto, L. A., & Yule, M. A. (2016): Asexuality: Sexual Orientation, Paraphilia, Sexual Dysfunction, or None of the Above?, Archives of Sexual Behavior, doi:10.1007/s10508-016-0802-7

Dieser Artikel gibt einen Überblick über die bisherige Forschung, ob Asexualität als eine sexuelle Orientierung gewertet werden kann. Übersetztes Zitat aus dem Abstract: “Es gibt einige Belege, dass ein Teil der sich selbst als asexuell beschreibenden Meschen eine Paraphilie haben. Wir betrachten außerdem Belege, welche die Einordnung von Asexualität als eine eigenständige sexuelle Orientierung unterstützen. Wir schließen, dass Asexualität eine heterogene Entität ist, die wahrscheinlich die Kriterien für eine sexuelle Orientierung erfüllt …”

Vortrag in Frankfurt

Ich werde am Dienstag, den 24. Januar, in Frankfurt am Main zu Gast sein.

Geplant ist ein Vortrag über “Asexualität und das a_sexuelle Spektrum: Vom Versuch, die Vielfalt einer Abwesenheit sichtbar zu machen” im Rahmen der Queeren Ringvorlesung. Ich werde zunächst darauf eingehen, was A_sexualität ist, ein paar Vokabeln und die zugehörigen Spektren erörtern. Danach plane ich, von den Vorurteilen auf die Schwierigkeiten der Sichtbarmachung von A_sexualität einzugehen. Außerdem ist viel Platz für Fragen und Diskussion eingeplant.

Ich bin sehr neugierig, was mich erwartet, habe ich doch das letzte Mal 2006 eine Uni im Vorlesungskontext besucht … und damals durfte ich auch bequem zuhören.

Los geht’s um 18 Uhr im Seminarhaus 0.101, Campus Westend.

 

Termin steht: Konferenz und überregionales Treffen

Ganz neu online ist unsere Seite für die AktivistA 2017 – ein überregionales Treffen mit Konferenz für deutschsprachige a_sexuelle Menschen. Wie gehabt in Stuttgart werden wir dem Cannstatter Wasen (und hoffentlich der Bundestagswahl) ausweichen: Die Veranstaltung findet am 15. bis 17. September 2017 statt.

Wenn ihr dem Link folgt, findet ihr ein Anmeldeformular, das Kurzentschlossene auch schon benutzen können.

 

AktivistA 2016, Teil 4 von 5: Allonormativität, queere Szene und Queer Studies

Last but not least hier eine Zusammenfassung von Annika Spahns Analyse: “Allonormativität in der queeren Szene und den Queer Studies”

Unterdrückungsmechanismen und Vorurteile kommen zur Sprache.

Unsere Gesellschaft ist allonormativ

A_sexualität taucht auch in der queeren Szene und den Gender Studies/Queer Studies eher selten auf.

In diesem Zusammenhang fiel der Begriff “allonormativ”, abgeleitet vom sexuellen Imperativ nach Przybylo (1). Allonormativität beschreibt zusammenhängende Wertvorstellungen, die in etwa folgendermaßen lauten:

Sex ist “natürlich” und “gut”, alle wollen Sex, Sex ist der Kitt aller romantischen Beziehungen, Sex ist wichtiger als andere Betätigungen, Sex und Sexualität machen den größten Teil unseres Selbsts aus.

Aufgrund dieser Annahmen wird A_sexualität unsichtbar.

Die Unsichtbarmachung hat folgende Mechanismen: Menschen werden medikalisiert (= für krank erklärt, weil sie nicht ins Schema passen). Sie werden isoliert, was eine Communitybildung verhindert. Ihnen wird Wissen vorenthalten, sie können sich also nicht so frei entfalten, wie sie eigentlich wollen, und sie erleiden “unsichtbare” Diskriminierung.

Bei der Arbeit sieht man diese Mechanismen in zahlreichen Vorurteilen,  denen a_sexuelle Menschen ausgesetzt sind.

A_sexuelle Menschen erleben im Vergleich weniger offene Gewalt – wenn, dann zumeist, weil sie als nicht genderkonform auffallen.

Folgen der Unsichtbarkeit

Trotzdem gibt es offensichtliche Schauplätze von Diskriminierung, aufgezählt nach Decker (2):

Ehevollzugsgesetze, Adoptionsrecht, Arbeitsplatz (“kein Teamplayer”), Miete, Gesundheitsbereich (unnötige Medikamente und Therapien, weil “etwas nicht stimmt”), rechtliche und soziale Schlechterstellung nicht-romantischer Beziehungen, religiöser Druck zur Fortpflanzung, Corrective Rape, fehlende Repräsentation, internalisierter Hass.

Gesellschaftliche Strukturen haben immer Auswirkungen auf einzelne Personen und ihre Beziehungen. Folgen von Diskriminierung sind neben dem Selbsthass möglicherweise Verlustängste, Depressionen, selbstverletzendes Verhalten und Selbstpathologisierung (“Ich bin krank”).

Unwissende a_sexuelle Menschen sind einem höheren Risiko ausgesetzt, zu sexuellen Handlungen gedrängt zu werden, die sie eigentlich nicht wollen, aber laut gängiger Meinung “wollen sollten”, einfach, weil sie keinen plausiblen Grund haben, sich zu weigern (siehe auch hermeneutische Ungerechtigkeit). Zudem verbleiben sie wahrscheinlich eher in Beziehungen, in denen sie physisch oder psychisch misshandelt werden (“Besser als nix”-Beziehungen).

Eine Ebene höher erleben a_sexuelle Menschen Ausschlüsse aus für sie wichtigen Gruppen. Beispielsweise sind a_sexuelle Frauen (und solche, die dafür gehalten werden), aus feministischen und queeren Räumen ausgeschlossen, wenn deren “Türsteherinnen” die A_sexualität darauf zurückführen, dass die betreffende Person “nicht befreit” ist.

Deshalb ist der Fokus des a_sexuellen Aktivismus immer noch die Sichtbarkeit.

A_sexualität und die queere Szene

“Queer” sei hier alles, was nicht heteronormativ ist.

Gegenwärtig ist die Situation in etwa wie folgt, obwohl der Status in unterschiedlichen Gruppen natürlich sehr anders aussehen kann:

Ob A_sexualität queer im oben genannten Sinne ist, ist sowohl in queeren wie in a_sexuellen Communities umstritten. Aufgrund der Unsichtbarkeit von A_sexualität haben a_sexuelle Menschen einen Minderheitenstatus in der Szene, obwohl es größere Überlappungen mit transgender und transsexuellen Communities gibt. Auch innerhalb der Szene trifft mensch auf Unwissen und Vorurteile. Da a_sexuelle Menschen selten Nicht-hetero-Sex ausleben, haftet ihnen zudem ein Ruch der Unterwerfung unter den heteronormativen Wahnsinn an.

Warum Unsichtbarkeit allerdings kein Privileg ist, finden Personen, die Englisch können, bei dukeofellington.

Gate Keeping

Oft haben a_sexuelle Menschen Schwierigkeiten, Zugang zu queeren Räumen zu finden. Die o.g. Türsteher*innen entscheiden, wer queer ist. In der LSBTTIQ-Buchstabensuppe wird das “A” oft als der am wenigsten wichtige Buchstabe des Selbstverständnisses begriffen – aromantische und heteroromantische A_sexuelle müssen dann leider draußen bleiben, obwohl sie ebenfalls aus heteronormativen Gründen diskriminiert werden.

Queere Räume sind oft sexpositiv, hypersexualisiert und orgasmusnormativ (heißt sehr grob, Orgasmen sind eine Art Statussymbol wie andernorts teuere Autos). Solche Räume können wenig einladend und unsicher sein. Genau diese wahrgenommene Hypersexualisierung führt zu Vorbehalten in der a_sexuellen Community, Anschluss an die queere Szene zu suchen.

Wie oben angedeutet, sind a_sexuelle Menschen dem Verdacht ausgesetzt, sie lebten aus internalisiertem Hass zolibatär, seien also eigentlich schwul oder lesbisch und würden diese Seite an sich nicht zulassen.

A_sexuelle Gewalterfahrungen werden in queeren Räumen oft heruntergespielt, bzw. führt ihre Erwähnung zu einer “Diskriminierungs-Olympiade” (“oppression olympics”).

Möglichkeiten der gegenseitigen Bereicherung

Dessen ungeachtet hätten beide Communities viel voneinander, wenn sie sich darauf einlassen würden:

Die a_sexuelle Gemeinschaft könnte lernen, wie Inklusion und Selbstorganisation fuktionieren, sie könnte von erhöhter Sichtbarkeit und gewachsenen Strukturen profitieren.

Die queere Szene könnte mit dem “Split-Attraction-Model” von sexueller vs. romantischer Orientierung ihr Vokabular erweitern, könnte vom Zulassen von Spektren, dem Nachdenken über Sexnormativität und alternative Beziehungsformen profitieren, und sich außerdem Ressourcen und Menschenpower erschließen.

Wir sollten uns alle gegenseitig besser zuhören, voneinander lernen, die eigenen Priviegien erkennen und reflektieren.

A_sexualität und Queer Studies

Derzeit ist A_sexualität in der Wissenschaft wenig präsent – Annika Spahn schätzte die Anzahl von Forschenden auf unter zwanzig Personen ein.

Der größte Teil der Arbeit konzentriert sich dabei noch auf medizinische Aspekte – zuerst wurde/wird ausgeschlossen, dass A_sexualität keine physische oder psychische Störung ist: Zuerst wurde bewiesen, dass das Phänomen überhaupt existiert. Da sich die Wissenschaft wohl nicht nicht völlig einig ist, was eine sexuelle Orientierung eigentlich ist, ist sie demnach auch uneinig, ob A_sexualtität eine ist …

Die Community beobachtet die Forschung genau – das Feld ist, wie gesagt, recht übersichtlich, daher kann alles, was verfügbar ist, von interessierten Leuten gelesen werden, die Englisch verstehen. (Die Anzahl zugänglicher seriöser deutschsprachiger Arbeiten ist verschwindend gering.) Sowohl, weil die Community aktiv an Studien mitarbeitet, als auch, weil sie deren Ergebnisse so genau beobachtet, ergeben sich für die Forschenden ethische und methodologische Konsequenzen – eine wie auch immer geartete Distanz zum Forschungsobjekt lässt sich so kaum herstellen.

Wie schon Anthony Bogaert in “Understanding Asexuality” meinte, kann A_sexualität dazu dienen, neue Perspektiven auf Sexualität und den gesellschaftlichen Umgang damit zu eröffnen.

Es stellen sich außerdem Fragen nach sozialer Erwünschtheit – sind wirklich mehr Frauen als Männer a_sexuell? Oder liegt das gemessene Ungleichgewicht daran, dass es für weiblich gelesene Menschen anerkannter ist, keinen Sex zu wollen? Weil dies aber so anerkannt ist, wird A_sexualität von manchen Forschenden in den Queer Studies als zu wenig transgressiv, sprich, als zu wenig nicht-heteronormativ betrachtet.

Forschungsansätze: Vorschläge

Innerhalb der Queer Studies werden konservative und transgressive Sexualitäten verhandelt und teilweise hierarchisiert – A_sexualität stellt dieses Spektrum infrage. Auch die Sexnormativität mancher sexpositiven Communities muss hinterfragt werden, denn nicht jeder Sex ist befreiend.

Die Psycholgie muss möglicherweise ihr Konzept von Sexualität überdenken.

Die a_sexuelle Community hat ein sehr offenes Identitätenmodell – da sich nicht auf eine einzige Definition geeinigt werden konnte, gibt es eben mindestens zwei akzeptable Erklärungen. Identität bzw. das Selbstverständnis ist fluide, selbstbestimmt und aushandelbar. Zu erforschen unter anderem: Wer bezeichnet sich warum als a_sexuell?

Schließlich bietet sich auch der Wissenschaft die Möglichkeit, das Vokabular bezüglich Erotik, Anziehung, Sexualität, Lebensmodellen etc. zu erweitern.


Quellen:

(1) Przybylo: “Asexuality and the sexual imperative: An interview with Ela Przybylo, Part 1”

(2) Decker, Julie Sondra (2014): The invisible orientation. An introduction to asexuality. New York: Skyhorse publishing.

 

 

AktivistA 2016, Teil 3 von 5: Besonderer Beratungsbedarf & Grundbegriffe geschlechtlicher Vielfalt

Isabelle Hlawatsch ist eine Sprechende des Netzwerks LSBTTIQ Baden-Württemberg, betreut die Gruppe „Teen Gender“ in Ulm und leitet eine Beratungsstelle, die unentgeltlich Beratungen für transsexuelle, transgender und intersexuelle Menschen anbietet.

Bei ihrem Vortrag ging es also um jenen Aspekt der sexuellen Vielfalt, der mit Gender, Geschlecht und Geschlechtsidentität zu tun hatte.

Zuerst versuchte sie mit uns zu ergründen, welche Facetten „Geschlecht“ eigentlich hat. So gibt es ein biologisches Geschlecht (feststellbar am Chromosomensatz), das juristische Geschlecht, das bei der Geburt von Außenstehenden anhand der sichtbaren anatomischen Merkmale festgelegt wird und das der Staat so übernimmt, und, manchmal im Widerstreit dazu, das „Ich-Geschlecht“.

Was meinen wir mit den Begriffen? Welche Schwierigkeiten haben Menschen, die sich darunter verorten?

Alle Zitaten von der Netzwerkshomepage.

Intersexualität ist eine natürliche Ausprägung des menschlichen Körpers, auch in der Kombination von körperlichen Anlagen gibt es eine immense Vielfalt. Als intersexuell benennen sich Menschen, deren Körper nicht der medizinischen Norm von „eindeutig männlich“ oder „eindeutig weiblich“ zugeordnet werden kann, sondern sich aufgrund verschiedener medizinischer Merkmale in einem Spektrum dazwischen bewegt.“

Es kann eine körperliche, genetische oder endokrinologische Intersexualität vorliegen.

Obwohl sich die rechtliche Lage gebessert hat und es möglich ist, ein intersexuelles Kind ohne juristisches Geschlecht zu belassen, kommt es immer noch vor, dass Kinder, die körperlich nicht eindeutig zuzuordnen sind, per Operation einfach zugeordnet werden. Eine Beratung für die oftmals überforderten Eltern ist leider noch nicht verpflichtend, zumal diese oft von außen einem gewissen Druck ausgesetzt sind. Noch immer ist die häufigste Frage Außenstehender: „Was wird/ist es denn?“ Hier gegenüber dem Bekanntenkreis, Familie und auch z.B. einem Kindergarten selbstbewusst zu bleiben, kann sehr anstrengend sein.

In Sachen Transsexualität/Trassexus und Transgender stimmt das Ich-Geschlecht nicht mit dem Geschlecht überein, das derjenigen Person bei der Geburt zugeschrieben wurde.

„Als transsexuell werden Menschen bezeichnet oder bezeichnen sich selbst, deren Identitätsgeschlecht nicht mit ihrem anatomischen Geschlecht übereinstimmt und/oder von dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, abweicht. Transsexuelle Menschen ergreifen oft (aber nicht immer) Maßnahmen, um ihrem Identitätsgeschlecht auch körperlich zu entsprechen (z.B. Hormontherapien oder geschlechtsangleichende Operationen). Transsexuelle Menschen haben in der Regel eine eindeutige Zuordnung in Bezug auf das eigene Geschlecht.“

„Als transgender identifizieren sich Menschen, die sich mit ihrem geschlechtlichen Selbstverständnis nicht in einem zweigeschlechtlichen Gesellschaftsbild wiederfinden. Der Begriff kann sich auch auf Menschen beziehen, die sich zwischen den Geschlechtern verorten oder sich selbst keinem Geschlecht bzw. sich situativ und/oder temporär einem Geschlecht zuordnen. Transgender wird aber auch oft bewusst anstelle von “Transsexualität” gebraucht, da der Begriff sprachlich keinen Bezug zu Sexualität herstellt. Der Begriff transgender ist dabei viel weiter gefasst und beinhaltet nicht zwingend, dass sich Identitätsgeschlecht und anatomisches Geschlecht in einem Widerspruch zueinander befinden.“

Es hat sich noch nicht herumgesprochen, dass in diesen Fällen das Wissen der Person um ihr Geschlecht und nicht die Meinung der anderen Leute ausschlaggebend sein sollte.

In diesem Zusammenhang ein Hinweis: Eine höfliche Frage ist besser als ewiges Rätselraten und schiefe Blicke: „Wie heißt du und soll ich dich ansprechen?“

Über die Zahlen von transsexuellen und transgender Menschen gibt es widersprüchliche Aussagen. Isabelle zitiert eine Zahl, dass ca. 2% der Bevölkerung in der „Genderfindung“ sind oder sich schon einmal mit solchen Fragen beschäftigt haben.

Weil das juristische Geschlecht in Deutschland in etwa die Beweglichkeit des Matterhorns hat, ist die Änderung des Eintrags extrem hindernisreich. Die Person, die sich eine solche Personenstandsänderung wünscht, muss zwei psychiatrische Gutachten vorlegen, die sie selbst zu finanzieren hat, und die nur nach Ermessen des Gerichts ausreichen (heißt, mit Pech ist ein drittes Gutachten von einer anderen Stelle fällig). Ein solches Verfahren dauert sechs bis neun Monate, und auch hier müssen die Kosten selbst übernommen werden. Die Änderung des Vornamens läuft separat und kostet ebenfalls Geld.

Aus diesen Umständen ergibt sich ein besonderer Beratungsbedarf für intersexuelle, transsexuelle und transgender Menschen.

Weil in allen drei Fällen eine Pathologisierung vorliegt („selten“ wird als „nicht normal“ betrachtet und daher als „krank“), benötigen Betroffene Anprechpartner*innen außerhalb des medizinischen Systems.

Von Vorteil ist es, wenn mit den Beratenden wirklich geredet werden kann, es sich also um eine Peer-Beratung handelt. Heißt, es tauschen sich Menschen aus, die einen ähnlichen Hintergrund und ähnliche Erfahrungen haben. Peer-Beratende können oft mehr Echtheit und Wertschätzung vermitteln als Außenstehende.

Gute Beratung versucht, das Selbst gegen die Ansprüche von außen zu stärken. Komorbiditäten (also gleichzeitig vorliegenden Krankheiten) werden aufgegriffen. Da TTI-Personen als Minderheiten besonders belastet werden, treten Ängste und Depressionen häufiger auf als in der Gesamtbevölkerung. Letztere sind schwieriger zu behandeln, wenn das Thema TTI ignoriert oder als völlig unabhängig davon betrachtet wird.

Isabelle bemerkte noch, dass mittlerweile vermehrt Elternberatungen nachgefragt werden und stattfinden. Die Eltern werden hierbei im Umgang mit der Umwelt und dem Rest der Familie gestärkt, sodass ihr Kind sich ohne Druck von Außen entwickeln und finden kann.

Eigentlich sollte der Vortrag sich neben dem besonderen Beratungsbedarf von transgender, transsexuellen und intersexuellen Menschen auch dem von a_sexuellen Menschen zuwenden, leider reichte die Zeit nicht.