AktivistA 2016, Teil 4 von 5: Allonormativität, queere Szene und Queer Studies

Last but not least hier eine Zusammenfassung von Annika Spahns Analyse: “Allonormativität in der queeren Szene und den Queer Studies”

Unterdrückungsmechanismen und Vorurteile kommen zur Sprache.

Unsere Gesellschaft ist allonormativ

A_sexualität taucht auch in der queeren Szene und den Gender Studies/Queer Studies eher selten auf.

In diesem Zusammenhang fiel der Begriff “allonormativ”, abgeleitet vom sexuellen Imperativ nach Przybylo (1). Allonormativität beschreibt zusammenhängende Wertvorstellungen, die in etwa folgendermaßen lauten:

Sex ist “natürlich” und “gut”, alle wollen Sex, Sex ist der Kitt aller romantischen Beziehungen, Sex ist wichtiger als andere Betätigungen, Sex und Sexualität machen den größten Teil unseres Selbsts aus.

Aufgrund dieser Annahmen wird A_sexualität unsichtbar.

Die Unsichtbarmachung hat folgende Mechanismen: Menschen werden medikalisiert (= für krank erklärt, weil sie nicht ins Schema passen). Sie werden isoliert, was eine Communitybildung verhindert. Ihnen wird Wissen vorenthalten, sie können sich also nicht so frei entfalten, wie sie eigentlich wollen, und sie erleiden “unsichtbare” Diskriminierung.

Bei der Arbeit sieht man diese Mechanismen in zahlreichen Vorurteilen,  denen a_sexuelle Menschen ausgesetzt sind.

A_sexuelle Menschen erleben im Vergleich weniger offene Gewalt – wenn, dann zumeist, weil sie als nicht genderkonform auffallen.

Folgen der Unsichtbarkeit

Trotzdem gibt es offensichtliche Schauplätze von Diskriminierung, aufgezählt nach Decker (2):

Ehevollzugsgesetze, Adoptionsrecht, Arbeitsplatz (“kein Teamplayer”), Miete, Gesundheitsbereich (unnötige Medikamente und Therapien, weil “etwas nicht stimmt”), rechtliche und soziale Schlechterstellung nicht-romantischer Beziehungen, religiöser Druck zur Fortpflanzung, Corrective Rape, fehlende Repräsentation, internalisierter Hass.

Gesellschaftliche Strukturen haben immer Auswirkungen auf einzelne Personen und ihre Beziehungen. Folgen von Diskriminierung sind neben dem Selbsthass möglicherweise Verlustängste, Depressionen, selbstverletzendes Verhalten und Selbstpathologisierung (“Ich bin krank”).

Unwissende a_sexuelle Menschen sind einem höheren Risiko ausgesetzt, zu sexuellen Handlungen gedrängt zu werden, die sie eigentlich nicht wollen, aber laut gängiger Meinung “wollen sollten”, einfach, weil sie keinen plausiblen Grund haben, sich zu weigern (siehe auch hermeneutische Ungerechtigkeit). Zudem verbleiben sie wahrscheinlich eher in Beziehungen, in denen sie physisch oder psychisch misshandelt werden (“Besser als nix”-Beziehungen).

Eine Ebene höher erleben a_sexuelle Menschen Ausschlüsse aus für sie wichtigen Gruppen. Beispielsweise sind a_sexuelle Frauen (und solche, die dafür gehalten werden), aus feministischen und queeren Räumen ausgeschlossen, wenn deren “Türsteherinnen” die A_sexualität darauf zurückführen, dass die betreffende Person “nicht befreit” ist.

Deshalb ist der Fokus des a_sexuellen Aktivismus immer noch die Sichtbarkeit.

A_sexualität und die queere Szene

“Queer” sei hier alles, was nicht heteronormativ ist.

Gegenwärtig ist die Situation in etwa wie folgt, obwohl der Status in unterschiedlichen Gruppen natürlich sehr anders aussehen kann:

Ob A_sexualität queer im oben genannten Sinne ist, ist sowohl in queeren wie in a_sexuellen Communities umstritten. Aufgrund der Unsichtbarkeit von A_sexualität haben a_sexuelle Menschen einen Minderheitenstatus in der Szene, obwohl es größere Überlappungen mit transgender und transsexuellen Communities gibt. Auch innerhalb der Szene trifft mensch auf Unwissen und Vorurteile. Da a_sexuelle Menschen selten Nicht-hetero-Sex ausleben, haftet ihnen zudem ein Ruch der Unterwerfung unter den heteronormativen Wahnsinn an.

Warum Unsichtbarkeit allerdings kein Privileg ist, finden Personen, die Englisch können, bei dukeofellington.

Gate Keeping

Oft haben a_sexuelle Menschen Schwierigkeiten, Zugang zu queeren Räumen zu finden. Die o.g. Türsteher*innen entscheiden, wer queer ist. In der LSBTTIQ-Buchstabensuppe wird das “A” oft als der am wenigsten wichtige Buchstabe des Selbstverständnisses begriffen – aromantische und heteroromantische A_sexuelle müssen dann leider draußen bleiben, obwohl sie ebenfalls aus heteronormativen Gründen diskriminiert werden.

Queere Räume sind oft sexpositiv, hypersexualisiert und orgasmusnormativ (heißt sehr grob, Orgasmen sind eine Art Statussymbol wie andernorts teuere Autos). Solche Räume können wenig einladend und unsicher sein. Genau diese wahrgenommene Hypersexualisierung führt zu Vorbehalten in der a_sexuellen Community, Anschluss an die queere Szene zu suchen.

Wie oben angedeutet, sind a_sexuelle Menschen dem Verdacht ausgesetzt, sie lebten aus internalisiertem Hass zolibatär, seien also eigentlich schwul oder lesbisch und würden diese Seite an sich nicht zulassen.

A_sexuelle Gewalterfahrungen werden in queeren Räumen oft heruntergespielt, bzw. führt ihre Erwähnung zu einer “Diskriminierungs-Olympiade” (“oppression olympics”).

Möglichkeiten der gegenseitigen Bereicherung

Dessen ungeachtet hätten beide Communities viel voneinander, wenn sie sich darauf einlassen würden:

Die a_sexuelle Gemeinschaft könnte lernen, wie Inklusion und Selbstorganisation fuktionieren, sie könnte von erhöhter Sichtbarkeit und gewachsenen Strukturen profitieren.

Die queere Szene könnte mit dem “Split-Attraction-Model” von sexueller vs. romantischer Orientierung ihr Vokabular erweitern, könnte vom Zulassen von Spektren, dem Nachdenken über Sexnormativität und alternative Beziehungsformen profitieren, und sich außerdem Ressourcen und Menschenpower erschließen.

Wir sollten uns alle gegenseitig besser zuhören, voneinander lernen, die eigenen Priviegien erkennen und reflektieren.

A_sexualität und Queer Studies

Derzeit ist A_sexualität in der Wissenschaft wenig präsent – Annika Spahn schätzte die Anzahl von Forschenden auf unter zwanzig Personen ein.

Der größte Teil der Arbeit konzentriert sich dabei noch auf medizinische Aspekte – zuerst wurde/wird ausgeschlossen, dass A_sexualität keine physische oder psychische Störung ist: Zuerst wurde bewiesen, dass das Phänomen überhaupt existiert. Da sich die Wissenschaft wohl nicht nicht völlig einig ist, was eine sexuelle Orientierung eigentlich ist, ist sie demnach auch uneinig, ob A_sexualtität eine ist …

Die Community beobachtet die Forschung genau – das Feld ist, wie gesagt, recht übersichtlich, daher kann alles, was verfügbar ist, von interessierten Leuten gelesen werden, die Englisch verstehen. (Die Anzahl zugänglicher seriöser deutschsprachiger Arbeiten ist verschwindend gering.) Sowohl, weil die Community aktiv an Studien mitarbeitet, als auch, weil sie deren Ergebnisse so genau beobachtet, ergeben sich für die Forschenden ethische und methodologische Konsequenzen – eine wie auch immer geartete Distanz zum Forschungsobjekt lässt sich so kaum herstellen.

Wie schon Anthony Bogaert in “Understanding Asexuality” meinte, kann A_sexualität dazu dienen, neue Perspektiven auf Sexualität und den gesellschaftlichen Umgang damit zu eröffnen.

Es stellen sich außerdem Fragen nach sozialer Erwünschtheit – sind wirklich mehr Frauen als Männer a_sexuell? Oder liegt das gemessene Ungleichgewicht daran, dass es für weiblich gelesene Menschen anerkannter ist, keinen Sex zu wollen? Weil dies aber so anerkannt ist, wird A_sexualität von manchen Forschenden in den Queer Studies als zu wenig transgressiv, sprich, als zu wenig nicht-heteronormativ betrachtet.

Forschungsansätze: Vorschläge

Innerhalb der Queer Studies werden konservative und transgressive Sexualitäten verhandelt und teilweise hierarchisiert – A_sexualität stellt dieses Spektrum infrage. Auch die Sexnormativität mancher sexpositiven Communities muss hinterfragt werden, denn nicht jeder Sex ist befreiend.

Die Psycholgie muss möglicherweise ihr Konzept von Sexualität überdenken.

Die a_sexuelle Community hat ein sehr offenes Identitätenmodell – da sich nicht auf eine einzige Definition geeinigt werden konnte, gibt es eben mindestens zwei akzeptable Erklärungen. Identität bzw. das Selbstverständnis ist fluide, selbstbestimmt und aushandelbar. Zu erforschen unter anderem: Wer bezeichnet sich warum als a_sexuell?

Schließlich bietet sich auch der Wissenschaft die Möglichkeit, das Vokabular bezüglich Erotik, Anziehung, Sexualität, Lebensmodellen etc. zu erweitern.


Quellen:

(1) Przybylo: “Asexuality and the sexual imperative: An interview with Ela Przybylo, Part 1”

(2) Decker, Julie Sondra (2014): The invisible orientation. An introduction to asexuality. New York: Skyhorse publishing.

 

 

AktivistA 2016, Teil 3 von 5: Besonderer Beratungsbedarf & Grundbegriffe geschlechtlicher Vielfalt

Isabelle Hlawatsch ist eine Sprechende des Netzwerks LSBTTIQ Baden-Württemberg, betreut die Gruppe „Teen Gender“ in Ulm und leitet eine Beratungsstelle, die unentgeltlich Beratungen für transsexuelle, transgender und intersexuelle Menschen anbietet.

Bei ihrem Vortrag ging es also um jenen Aspekt der sexuellen Vielfalt, der mit Gender, Geschlecht und Geschlechtsidentität zu tun hatte.

Zuerst versuchte sie mit uns zu ergründen, welche Facetten „Geschlecht“ eigentlich hat. So gibt es ein biologisches Geschlecht (feststellbar am Chromosomensatz), das juristische Geschlecht, das bei der Geburt von Außenstehenden anhand der sichtbaren anatomischen Merkmale festgelegt wird und das der Staat so übernimmt, und, manchmal im Widerstreit dazu, das „Ich-Geschlecht“.

Was meinen wir mit den Begriffen? Welche Schwierigkeiten haben Menschen, die sich darunter verorten?

Alle Zitaten von der Netzwerkshomepage.

Intersexualität ist eine natürliche Ausprägung des menschlichen Körpers, auch in der Kombination von körperlichen Anlagen gibt es eine immense Vielfalt. Als intersexuell benennen sich Menschen, deren Körper nicht der medizinischen Norm von „eindeutig männlich“ oder „eindeutig weiblich“ zugeordnet werden kann, sondern sich aufgrund verschiedener medizinischer Merkmale in einem Spektrum dazwischen bewegt.“

Es kann eine körperliche, genetische oder endokrinologische Intersexualität vorliegen.

Obwohl sich die rechtliche Lage gebessert hat und es möglich ist, ein intersexuelles Kind ohne juristisches Geschlecht zu belassen, kommt es immer noch vor, dass Kinder, die körperlich nicht eindeutig zuzuordnen sind, per Operation einfach zugeordnet werden. Eine Beratung für die oftmals überforderten Eltern ist leider noch nicht verpflichtend, zumal diese oft von außen einem gewissen Druck ausgesetzt sind. Noch immer ist die häufigste Frage Außenstehender: „Was wird/ist es denn?“ Hier gegenüber dem Bekanntenkreis, Familie und auch z.B. einem Kindergarten selbstbewusst zu bleiben, kann sehr anstrengend sein.

In Sachen Transsexualität/Trassexus und Transgender stimmt das Ich-Geschlecht nicht mit dem Geschlecht überein, das derjenigen Person bei der Geburt zugeschrieben wurde.

„Als transsexuell werden Menschen bezeichnet oder bezeichnen sich selbst, deren Identitätsgeschlecht nicht mit ihrem anatomischen Geschlecht übereinstimmt und/oder von dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, abweicht. Transsexuelle Menschen ergreifen oft (aber nicht immer) Maßnahmen, um ihrem Identitätsgeschlecht auch körperlich zu entsprechen (z.B. Hormontherapien oder geschlechtsangleichende Operationen). Transsexuelle Menschen haben in der Regel eine eindeutige Zuordnung in Bezug auf das eigene Geschlecht.“

„Als transgender identifizieren sich Menschen, die sich mit ihrem geschlechtlichen Selbstverständnis nicht in einem zweigeschlechtlichen Gesellschaftsbild wiederfinden. Der Begriff kann sich auch auf Menschen beziehen, die sich zwischen den Geschlechtern verorten oder sich selbst keinem Geschlecht bzw. sich situativ und/oder temporär einem Geschlecht zuordnen. Transgender wird aber auch oft bewusst anstelle von “Transsexualität” gebraucht, da der Begriff sprachlich keinen Bezug zu Sexualität herstellt. Der Begriff transgender ist dabei viel weiter gefasst und beinhaltet nicht zwingend, dass sich Identitätsgeschlecht und anatomisches Geschlecht in einem Widerspruch zueinander befinden.“

Es hat sich noch nicht herumgesprochen, dass in diesen Fällen das Wissen der Person um ihr Geschlecht und nicht die Meinung der anderen Leute ausschlaggebend sein sollte.

In diesem Zusammenhang ein Hinweis: Eine höfliche Frage ist besser als ewiges Rätselraten und schiefe Blicke: „Wie heißt du und soll ich dich ansprechen?“

Über die Zahlen von transsexuellen und transgender Menschen gibt es widersprüchliche Aussagen. Isabelle zitiert eine Zahl, dass ca. 2% der Bevölkerung in der „Genderfindung“ sind oder sich schon einmal mit solchen Fragen beschäftigt haben.

Weil das juristische Geschlecht in Deutschland in etwa die Beweglichkeit des Matterhorns hat, ist die Änderung des Eintrags extrem hindernisreich. Die Person, die sich eine solche Personenstandsänderung wünscht, muss zwei psychiatrische Gutachten vorlegen, die sie selbst zu finanzieren hat, und die nur nach Ermessen des Gerichts ausreichen (heißt, mit Pech ist ein drittes Gutachten von einer anderen Stelle fällig). Ein solches Verfahren dauert sechs bis neun Monate, und auch hier müssen die Kosten selbst übernommen werden. Die Änderung des Vornamens läuft separat und kostet ebenfalls Geld.

Aus diesen Umständen ergibt sich ein besonderer Beratungsbedarf für intersexuelle, transsexuelle und transgender Menschen.

Weil in allen drei Fällen eine Pathologisierung vorliegt („selten“ wird als „nicht normal“ betrachtet und daher als „krank“), benötigen Betroffene Anprechpartner*innen außerhalb des medizinischen Systems.

Von Vorteil ist es, wenn mit den Beratenden wirklich geredet werden kann, es sich also um eine Peer-Beratung handelt. Heißt, es tauschen sich Menschen aus, die einen ähnlichen Hintergrund und ähnliche Erfahrungen haben. Peer-Beratende können oft mehr Echtheit und Wertschätzung vermitteln als Außenstehende.

Gute Beratung versucht, das Selbst gegen die Ansprüche von außen zu stärken. Komorbiditäten (also gleichzeitig vorliegenden Krankheiten) werden aufgegriffen. Da TTI-Personen als Minderheiten besonders belastet werden, treten Ängste und Depressionen häufiger auf als in der Gesamtbevölkerung. Letztere sind schwieriger zu behandeln, wenn das Thema TTI ignoriert oder als völlig unabhängig davon betrachtet wird.

Isabelle bemerkte noch, dass mittlerweile vermehrt Elternberatungen nachgefragt werden und stattfinden. Die Eltern werden hierbei im Umgang mit der Umwelt und dem Rest der Familie gestärkt, sodass ihr Kind sich ohne Druck von Außen entwickeln und finden kann.

Eigentlich sollte der Vortrag sich neben dem besonderen Beratungsbedarf von transgender, transsexuellen und intersexuellen Menschen auch dem von a_sexuellen Menschen zuwenden, leider reichte die Zeit nicht.

AktivistA 2016: Teil 2 von 5 – Workshop/Diskussion A_sexuelles Erzählen

Von „langweilig“ zu „neuer Trend“ …

Nachdem wir vorher etwas zur Darstellung asexueller Figuren gehört hatten, begann ich meinen eigenen Workshop mit zwei Zitaten, um die Angelegenheit von der handwerklichen Seite zu beleuchten.

Das erste ist von 2012, und stammt von Steven Moffat – jenem Autor, der den BBC Sherlock maßgeblich mit zu verantworten hat.

Dies ist der (gekürzte) Originalwortlaut:

There’s no indication in the original stories that he was asexual or gay. He actually says he declines the attention of women because he doesn’t want the distraction. (…) It’s the choice of a monk, not the choice of an asexual. If he was asexual, there would be no tension in that, no fun in that – it’s someone who abstains who’s interesting.

Auf Deutsch:

In den Originalgeschichten gibt es keine Hinweise, dass er asexuell oder schwul war. Er sagt ausdrücklich, dass er die Aufmerksamkeit von Frauen meidet, weil er die Ablenkung nicht wünscht. (…) Es ist die Wahl eines Mönchs, nicht die Wahl eines Asexuellen. Wenn er asexuell wäre, läge darin keine Spannung, es würde keinen Spaß machen – es sind die, die auf etwas freiwillig verzichten, die interessant sind.

Moffat verrät damit ein besorgniserregendes Konzept von A_sexualität oder, dass er sich mit der Materie gar nicht auskennt, obwohl er eine Figur geschrieben hat, in der sich viele a_sexuelle Menschen wiederfinden können.

Andererseits scheint es mittlerweile ein Trend, in der M/M-Liebesliteratur (also Liebesromane mit zwei Männern als Hauptfiguren, zu deutsch auch „Gay Romance“) asexuelle Figuren auftreten zu lassen.

Hierzu mein Verlagskollege T.A. Wegberg von Dead Soft über einen Vortrag bei einer Convention:

Die Popularität dieses Subgenres werde aber, so war zu erfahren, in den USA bereits übertroffen von „Asexual Romance“, also Liebesgeschichten mit allem Drum und Dran, aber ohne den Wunsch eines oder beider Partner nach einer sexuellen Beziehung. Wir können davon ausgehen, dass auch auf dem deutschsprachigen Buchmarkt künftig mehr davon zu lesen sein wird.

Offenbar bahnt sich eine 180-Grad-Wende an.

Ziel des Workshops war nun, zu erkunden, was Autorinnen eigentlich “interessant” finden. Wie konstruieren wir Geschichten? (Notiz: Wir reden hier von handelsüblichen Geschichten, die sich tatsächlich auch verkaufen und nicht nur für ein Publikum aus Kritikerinnen interessant sind.)

Und dann freie Bahn für Diskussionen: Was finden wir als a_sexuelle Menschen interessant? Worüber möchten wir lesen? Was könnte für ein allosexuelles (= nicht-a_sexuelles) Publikum interessant sein?

Warum erzählen Menschen Geschichten?

Geschichten sind zunächst mündlich, später schriftlich aufbewahrte Lebenserfahrung. Was tue ich, wenn der Säbelzahntiger im Gras raschelt? Wie überliste ich einen Feind? Wie überlebe ich ein Familientreffen/die Zombieapokalypse?

Geschichten erzielen einen Lerneffekt, indem sie Menschen mit den Figuren der Geschichte mitleiden lassen.

Außerdem vermitteln sie Bedeutung: Den Ereignisse der Geschichte wird durch das Erzählen Wichtigkeit verliehen, sie interpretiert und deutet die erzählten Ereignisse. Und Menschen sind in der Regel sehr hungrig nach Deutungen und nach Bedeutung in dieser chaotischen Welt.

Was braucht eine Geschichte?

Der Lerneffekt entsteht durch Mitleiden – das Publikum wird in einen „fiktionalen Traum“ versetzt. Dazu benötige ich eine Hauptfigur, die zur Identifikation dient.

Die Ereignisse sollten in einer logischen Reihenfolge stattfinden: aus A folgt B, aus Aktion folgt Reaktion, aus der schlechten Kindheit des Protagonisten folgt … etc. Bei den Ereignissen in logischer Reihenfolge handelt es sich um diese ominöse Sache namens Plot.

Um den Lerneffekt vollständig zu machen und der ganzen Sache eine Bedeutung zu verleihen, muss die Geschichte ein Ende haben, das sozusagen eine Schlussfolgerung über die erzählten Ereignisse erlaubt.

Da eine Figur, die leicht durch’s Leben spaziert, nicht von Interesse ist, zwingt eine gute Geschichte sie von ihrem üblichen Pfad. Die Figur baut einen inneren Widerstand gegen die Kraft auf, die sie von ihrem Pfad zwingt: Das ist der erste Konflikt der Geschichte.

Für eine Story brauchen wir dann noch mehr von diesen Konflikten: Jede Figur der Geschichte vermutet ihr Lebensglück in einer anderen Richtung. Die Interessen der Figuren kollidieren, sie reiben sich aneinander, die Konflikte schaukeln sich auf bis zum Showdown, in dem der wichtigste Konflikt der Geschichte gelöst werden sollte.

Durch die Konflikte verändert sich nicht nur der Lebensweg der Figur, sie muss auch Entscheidungen treffen, die sie zu einer inneren Veränderung zwingen.

Frei nach Lisa Cron (s.u.) erzählt also eine Geschichte, wie sich eine Figur durch die Ereignisse der Geschichte verändert.

Fragen für die Diskussion:

Welche Geschichten über a_sexuelle Figuren kennt ihr?

Was hat euch daran gefallen oder gestört?

Welche Geschichten wollt ihr sehen/lesen?

Was daran wäre für ein allosexuelles Publikum interessant?

Gibt es Konflikte, die nur a_sexuelle Menschen/Figuren erleben können, und wenn ja, welche sind das?

Ideen aus der Diskussion:

Gesehen und nicht für gut befunden wurden Narrative, die sich über die „Seltsamkeit“ von a_sexuellen Menschen lustig machen.

Desgleichen gibt es Geschichten über a_sexuelle Figuren, in denen Sex in einer (romantischen) Beziehung als unabdingbar notwendig dargestellt wird. Auf die a_sexuelle Figur wird dann ein emotionaler Druck aufgebaut, bis sie „nachgibt“. Dies kommt einer Nötigung gleich, wird aber offenbar nur von a_sexuellen Menschen als verstörend wahrgenommen.

Gewünscht werden daher auch Geschichten, die eine Anleitung geben, wie über solche Konflikte gesprochen werden kann, sodass hinterher alle Beteiligten (und nicht nur der allosexuelle Teil) zufrieden sind. Dass eine zufriedenstellende Lösung auch eine einvernehmliche Trennung sein kann, kam ebenfalls zur Sprache.

Von schlechter Gay Romance kamen wir so auf den Roman „How to Be a Normal Person“, worüber die Meinungen geteilt waren. Einerseits wurde der offene Umgang mit dem Thema A_sexualität gewürdigt. Allerdings wird auch hier versucht, die Hauptfigur, Gus, zur „normalisieren“, inklusive einmal ungebetenen Hanfkonsums per Keks.

Der Wunsch nach glücklichen a_sexuellen Figuren wurde geäußert. Also nicht solche, die generell glücklich sind, denn die taugen wenig als Hauptfiguren, sondern solche, die a_sexuell sind und statt diesbezüglicher Ängste einfach die üblichen Probleme haben: Zombies, böse Magierinnen, Mörderinnen, kaputte Waschmaschinen etc. Die sexuelle Orientierung der Figur sollte erwähnt werden, um Ratespiele zu vermeiden, darf aber anderweitig kein Thema sein oder könnte in einem Subplot (=Nebengeschichte) abgehandelt werden.

Geschichten, die ich nur über a_sexuelle Menschen erzählen kann, wären die o.g. Verhandlungen und Geschichten, wie eine Person auf das Wort „Asexualität“ stößt und sich damit in einem Findunsprozess identifiziert. Auch das Thema Kinderwunsch könnte eine Rolle spielen, denn der ist für a_sexuelle Paare nicht immer ganz einfach zu erfüllen. Andere Ideen: Eine Welt mit vorwiegend a_sexuellen Bewohnern, oder vielleicht nur eine WG aus Personen im a_sexuellen Spektrum, die nun mit einem nicht-asexuellen Mitbewohner zurande kommen müssen.

Insgesamt braucht es mehr Abbildungen, um Schablonen wie dem „asexuellen Junggesellen“ Sherlock entgegenzuwirken. Wir haben ein Spektrum!

Eine Teilnehmerin schlug vor, autobiographische Statements zu sammeln, sodass die Vielfalt sichtbar wird. Die Vortragende selbst hofft auf/plant eine Kurzgeschichtensammlung.

Kritisiert wurde, dass vielfach eine Romanze als Subplot dient, die anscheinend die Figuren menschlicher machen soll, „im wildesten Kugelhagel“ aber eher unglaubwürdig bleibt bzw. für a_sexuelle und/oder a_romantische Menschen zusammenhanglos im Raum steht, also eher als Plotloch empfunden wird denn als Bereicherung.

Insgesamt wird auch gehofft, dass die a_sexuellen Abwesenheiten besser benannt werden. Neben Fernsehserien wie Sherlock und The Big Bang Theory wurde Gaming genannt: Bei manchen Spielen kann eine sexuelle Orientierung der Spielerfigur angegeben/ausgewählt werden, aber nicht A_sexualität, sodass diese zwar aus Handlungen lesbar wäre, aber letztlich unsichtbar bleibt. Denn für Abwesenheiten und „Nein“ kann es viele Gründe geben.

Nebenbei wurde die Vortragende noch nach ihren Schreibgewohnheiten und Veröffentlichungen gefragt. Eine prominente a_sexuelle Figur (ace/aro und genderqueer) findet sich in Heilika in der „Albenbrut“-Duologie, wo sie die drittwichtigste Person ist.

Schlussendlich noch zwei Literaturhinweise zur Schreibtheorie bzw. sogenannte Schreibratgeber: Lisa Cron: Wired for Story  und der Klassiker James N. Frey: How to write a damn good novel/Wie man einen verdammt guten Roman schreibt

AktivistA 2016: Vorträge zusammengefasst, Teil 1 von 5

„Zur Darstellung asexueller Junggesellenfiguren in zeitgenössischen englischsprachigen Fernsehserien“

Im ersten Vortrag der Konferenz bot Dr. Jana Fedkte eine Analyse von Sheldon Cooper (aus „The Big Bang Theory“/TBBT), Dexter Morgan (aus „Dexter“) und Sherlock Holmes (vor allem des BBC „Sherlock“).

Nach einer Vorstellung der Figuren und der Aussagen, die sie für eine mögliche Interpretation als asexuell heranzog, zählte Dr. Fedkte deren Gemeinsamkeiten auf.

Alle sind Männer.

Alle drei sind nicht offiziell asexuell, und auch nicht offiziell mit psychiatrischen Diagnosen behaftet: Alles ist implizit, für diejenigen, die die Zeichen zu lesen wissen. Die Macher*innen der Serien widersprechen Vermutungen über die sexuelle Orientierung ihrer Figuren entweder gleich oder lassen die Frage lieber offen. Somit kann selbst Sherlock, der sich recht eindeutig identifizieren ließe, für das große Publikum anders lesbar bleiben.

Tatsächlich ist es ja so, dass ein „Nein“ viel mehr Gründe als ein „Ja“ haben kann – wenn ich also die Gründe nicht benenne, bleibt viel Raum für Spekulation.

Alle drei beginnen die Serien als Singles, und zumindest Sherlock behauptet, dass er „mit der Arbeit“ verheiratet sei. Dexter legt sich eine Partnerin zu, um „normal“ zu wirken. Anscheinend gibt es eine kulturelle Skepsis gegenüber isolierten und asexuellen Figuren.

Auch die weitere Charakterzeichnung bedient diese Vermutung:

Alle drei sind sehr intelligent, aber mit Schwierigkeiten im sozialen Bereich. Hat hier der Geist über den Körper (und die Emotionen) gesiegt?

(Einlassung der Protokollantin: Die Dichotomie zwischen Logik und Emotion ist künstlich. Ohne die Emotion, die ein Ziel vorgibt, könnten wir keine Ziele mit rationalen Mitteln verfolgen.)

Dexter ist ein Serienmörder, der Täter tötet, die seiner Meinung nach der Justiz entkommen sind, Sheldon und Sherlock haben manchmal schwer verträgliche Eigenarten und werden von außen schon mal mit einem Asperger-Autismus diagnostiziert. Sie alle wirken demnach anders und „komisch“, müssen mit ihren präsentierten Macken nicht ernst genommen werden und laden dazu ein, sich über sie lustig zu machen, statt mit ihnen zu lachen. (Siehe auch diese englischsprachige Artikelserie zum Thema Humor und Asexualität.)

Durch diese Verknüpfung von Asexualität und Disability/Behinderungen und Hyperintelligenz wird ein spätes Outing der Figuren erschwert.

Wird hier ein Unbehagen der Schreibenden über ihre Figuren deutlich, das sie dann an diesen auslassen?

Die Romanzen-Plotbögen der Serien „Dexter“ und TBBT könnten mithin dazu dienen, die Figuren im Verlauf der Staffeln menschlicher werden zu lassen und das Unbehagen der Schreibenden zu verringern. Dass natürlich hier immer eine Romanze mit Sex gleichgesetzt wird, bedeutet auch, dass diese Figuren sowohl als asexuell wie auch als aromantisch gelesen werden könnten, beziehungsweise eine Verwechslungsgefahr der beiden Konzepte besteht.

Schlussendlich zitierte Dr. Fedkte die Frage einer asexuellen Bloggerin, warum diese Figuren als asexuell verteidigt werden – sollte die Community bei solchen „Negativbespielen“ nicht auf Abstand gehen?

In der Diskussion wurde dann versucht, Sheldons Wandlung weiter auseinanderzunehmen, die schon beinahe als „Zwangsnormalisierung“ anmutet. Die Frage stellt sich – Ist nicht einfach unser Modell von „normal“ zu eng gefasst? Als Lesetipp sei hier auch Anagnoris Analyse von Sherlock empfohlen (Englisch).

Auf „Sirens“ als ein positiveres Beispiel einer asexuellen Serienfigur wurde hingewiesen. In diesem Falle wird aber eine Frau portraitiert, die anderen Stereotypen ausgesetzt ist als asexuelle Männer.

Und nun das Fazit der Protokollantin: Traurige Wahrheit ist, dass es nicht genug beliebte Serien- und andere Figuren gibt, die als Identifikationsmodell für die asexuelle Community dienen könnten. Deswegen verteidigen wir Sheldon, Dexter und Sherlock mit Zähnen und Klauen als unser Revier, auch wenn wir nicht glücklich darüber sind, wie sie dargestellt werden.