Gray-A / Grau-Asexualität: Eine Orientierungshilfe

Als Thema meines Vortrages bei der Konferenz AktivistA 2015 hatte ich mir das asexuelle Spektrum vorgenommen, weil es auf Deutsch sehr wenige Informationen dazu gibt. Die Vorrede und einige Hinweise zu Demisexualität finden sich in Teil 1.

Wichtig wie in Teil 1 auch: Ich spreche hier über eine Gruppe, zu der ich nicht gehöre. Sollten sich falsche Informationen eingeschlichen haben oder wichtige Hinweise fehlen, bitte ich um einen Hinweis.

 

Teil 2: Der Graubereich

Vorschlag für eine Flagge der Gray-As

„Grau-Asexualität ist ein Begriff, um die sehr vielfältigen Erfahrungen zu beschreiben, wenn eine Person durch Asexualität ihre eigene Sexualität besser versteht, aber die Definition von Asexualität nicht genau erfüllt.“ (nach Pianicyst, 2013, Übersetzung der Autorin)

 

Der Graubereich kennt zahlreiche Bezeichnungen

Gray-A, grace, grau-asexuell, semisexuell …

Jene Personen empfinden entweder sehr selten sexuelle Anziehung, oder bestenfalls eine sehr unterschwellige Anziehung, oder etwas, das vielleicht sexuelle Anziehung sein könnte.

Da wir es hier also mit Leuten zu tun haben, für die sexuelle Anziehung bzw. das Verlangen nach sexueller Interaktion keine nützliche Beschreibung darstellen, beweist dies, dass sich wenigstens einige Gray-As nicht auf einem linearen Spektrum zwischen ace und allo verorten können.

 

Einige Gemeinsamkeiten von grau-asexuellen/Gray-A Menschen:

Zusammengetragen von Epochryphal, leicht gekürzt und übersetzt von der Autorin. Der zitierte Post bezieht auf Notizen, die 2014 bei der Konferenz in San Francisco für Asexuelle bei einer Diskussionsrunde zum Thema Demi/Gray gemacht wurden.

 

Verwirrung über sexuelle Anziehung:

Was ist das? Habe ich das schon einmal gespürt oder werde ich es wieder spüren? Ist das eine für viele Leute nützliche Idee, die ich aber als Begrenzung empfinde?

 

Aussagen über Anziehung bzw. das Verlangen nach sexueller Interaktion können nur an konkreten Beispielen festgemacht werden:

„Auf wen stehe ich?“ kann nur im Rückblick beantwortet werden, an Reaktionen auf bestimmte Personen. Keine abstrakten Fantasien, keine Möglichkeit, sich einen perfekt attraktiven Fantasiemenschen zusammenzuträumen. Muster müssen per Nachdenken gefunden werden, sie sind keine Erfahrungen „aus dem Bauch raus“.

 

Abneigung ist eine eindeutigere Empfindung als Anziehung:

Sammelt Erfahrungen von Abneigung und versucht, wie oben per Nachdenken, Muster zu finden. Keine Möglichkeit, ohne „Experiment“ herauszufinden, was sich mit wem angenehm anfühlt.

 

Gray-A Identität verändert die Wahrnehmung der eigenen Geschichte:

In wie weit ist die neue Identität ein Filter, mit dem eins sich Geschichten zu Erfahrungen ausdenkt? Wie würden diese Erfahrungen eingeordnet, wenn eins diese Information nicht hätte? Woher weiß eins, dass die eigene Sexualität nicht fluide ist oder sich verändert hat?

 

Was ist der Unterschied zwischen Anziehung und Neugier?

Wie kann eins das herausfinden, ohne anderen zu schaden? Wann muss eins anderen sagen, dass eins nur experimentiert und eine Wiederholung nicht garantiert werden kann?

 

Sexuelle Anziehung mit Aus-Knopf:

Kann die Anziehung/das Verlangen ausschalten, wenn es unangebracht ist, z.B. wenn es ein öffentlicher Rahmen ist, die interessante Person bereits in einer Beziehung hat, etc. Sind das bloß Hemmungen? Wo ist der An-Knopf? Wieso finden sich davon keine Beschreibungen? Können Allosexuelle das auch? Wie bewusst ist das?

 

Grau als vage, sich nicht festlegen müssen.

Die Ungenauigkeit der Beschreibung wird oft als Vorteil empfunden.

 

Weiterführende Informationen auf Englisch:

http://www.demigray.org/

https://asexualagenda.wordpress.com/2012/08/08/many-ways-to-be-between/

https://asexualagenda.wordpress.com/2015/03/23/ambiguous-and-heading-nowhere/

Demisexualität: Eine Orientierungshilfe

Gelegentlich hat eins ja den Eindruck, dass die Menschheit sich entlang diverser Trennungslinien in zwei Teile teilt. Unversöhnlich und unvereinbar stehen sich dann Männer und Frauen, Homos und Heten gegenüber, und natürlich auch Asexuelle und Allosexuelle/Sexuelle.

Das ist eine grobe Vereinfachung, die die Realität nur ungenügend abbildet, aber zu gern als Wahrheit genommen wird. Unter den Tisch fallen dann entweder Menschen mit nicht-binärem Gender, oder auch Bi- und Pansexuelle.

Auch Asexualität hat ein Spektrum – weshalb manche Menschen lieber A_sexualität schreiben – aber dieses Spektrum findet selten in Artikeln über Asexualität Erwähnung. Als würde die Tatsache, dass es keine säuberliche Trennlinie gibt, die Leute überfordern.

Sexualität ist kein An/Aus-Schalter, nicht einmal ein Lautstärkeregler, der von 0 = Asexuell bis 12 = Sexsüchtig geht.

Im Rahmen meines Vortrags bei der Konferenz AktivistA 2015 habe ich mich ein wenig mit diesem Spektrum beschäftigt. Weil auf Deutsch wenig Informationen zur Verfügung stehen, poste ich das Ganze in zwei Teilen.

Wichtig: Ich spreche hier über eine Gruppe, zu der ich nicht gehöre. Sollten sich falsche Informationen eingeschlichen haben oder wichtige Hinweise fehlen, bitte ich um einen Kommentar.

 

Teil 1: Demisexualität

Vorschlag für eine Pride-Flagge für Demisexuelle
Vorschlag für eine Pride-Flagge für Demisexuelle

„Demisexuelle sind Menschen, die nur dann sexuelle Anziehung empfinden, wenn sie eine starke emotionale Bindung zu jemandem aufgebaut haben. Dies ist meistens, aber nicht ausschließlich, in romantischen Beziehungen der Fall.“ (AVEN Wiki 2014, Übersetzung der Autorin)

Es gibt eine Entstehungshypothese von Demisexualität als „sekundäre sexuelle Anziehung“.

Primäre sexuelle Anziehung beruht demnach auf sofort erkennbaren Merkmalen wie Aussehen, Stimme, Bewegungsabläufe. Sekundäre sexuelle Anziehung beruht unter anderem auf Merkmalen, die eins erst kennenlernen muss, wie dem Charakter, Humor etc., und entwickelt sich im Lauf der Zeit. Es wird postuliert, dass Demisexuelle nur sekundäre sexuelle Anziehung kennen.

Demisexuelle verspüren also keine sexuelle Anziehung als Grundrauschen, solange sich bei ihnen nicht dieser eine Hebel im Gehirn umgelegt hat, der sie für eine spezifische Person sexuelle Anziehung empfinden lässt.

 

Demisexualität ist eine Empfindung, keine Entscheidung.

Sicherlich haben Menschen gelegentlich einen persönlichen Standard, wie „Sex erst, wenn ich der anderen Person vertraue“, oder „kein Sex vor der Ehe“, oder „ich warte auf dien Richtigen“ etc. Diese Handlungsanweisungen sind aber von der Empfindung sexueller Anziehung unabhängig.

Dementsprechend ist die Identität „demisexuell“ auch kein Vorwurf an Menschen, die Entscheidungen über ihre Sexualkontakte anders treffen.

Sexuelle Identität beschreibt immer Empfindungen, und stellt nie eine Handlungsanweisung dar.

 

Anzeichen von Demisexualität

Gekürzt übernommen aus “Could I Be Demisexual?” von Arf, Gründer*in von „demisexuality.org“.

Gaz wichtig: Hierbei handelt es sich lediglich um Hinweise, das heißt, nicht alle Demisexuellen erfüllen alle oder auch nur eins dieser Kriterien. (Edit: Diesbezüglich bitte auch die Kommentare unten beachten.)

 

Hat gemischte Gefühle bezüglich Sex:

Manche Demisexuellen sind sex-avers oder sex-indifferent, lehnen also Sex für sich persönlich ab oder stehen ihm gleichgültig gegenüber. Wenn andere über Sex sprechen, sind Demisexuelle oft unsicher, wie und ob sie sich am Gespräch beteiligen sollen. Sex ergibt für sie häufig nicht Sinn als ein Trieb, der befriedigt werde muss, sondern eher als ein Ausdruck von Nähe und Liebe. Demisexuelle brauchen oft eine emotionale Bindung, um Sex überhaupt genießen zu können.

 

Denkt anders über (sexuelle) Anziehung als die Umgebung:

Dieser Unterschied fällt vor allem in der Teenagerzeit auf. Andere reden über Sex und in wen sie verknallt sind. Wenn Demisexuelle sich verlieben, dann steht der Wunsch nach besserem Kennenlernen im Vordergrund, nicht der Wunsch nach sexuellen Erfahrungen. Die Beschreibung „heiß“ oder „sexy“ für echte Menschen ergibt für sie nur bedingt Sinn. Der Sinn von Pornos und Postern mit halbnackten Leuten darauf erschließt sich zwar durch den Verstand, aber anfangen können demisexuelle Menschen damit höchstens bedingt etwas.

 

Die Vorstellung, Sex zu haben, gefällt manchen Demisexuellen, aber sie kennen keine*n, mit diem sie ihn haben wollten.

Ein gewisses Interesse an und Neugier auf Sex sind vorhanden: guckt Pornos, befriedigt sich selbst, steckt sich selbst gern in hübsche Unterwäsche, etc. Bloß sobald es darum geht einen Partnerin zu finden, ist Ebbe: Selbst bei intensivem Rumgucken auf Parties und in Clubs fällt niemand ins Auge, der für all diese Aktivitäten in Frage käme.

 

Sex ist eine Verpflichtung, oder wird aus anderen Gründen praktiziert.

Hatte Sex, weil sich das eben in Beziehungen so gehört, oder diem Partnerin zuliebe. Konnte allerdings persönlich wenig damit anfangen und/oder war nicht in der Lage, auf diesem Weg eine Verbindung zumzur Partner*in aufzubauen.

 

Flirten erscheint sinnlos.

Wenn mit Demisexuellen geflirtet wird, merken sie es oft nicht, oder sie fühlen sich dabei unwohl. Überhaupt erschließt sich ihnen der Sinn von Flirts häufig nicht: Warum wird mit flachen Sprüchen und Smalltalk angegraben, anstatt sich per Gespräch besser kennenzulernen?

 

Verabredungen machen Demisexuelle nervös, bzw. würden sie lieber Freund*innen daten statt Fremde.

Weil in Dates viele Erwartungen an Sex stecken, macht schon allein die Vorstellung manche Demisexuellen nervös. Sie verstehen nicht, wie jemand nach einer Handvoll Dates schon Sex mit der anderen Person haben kann, ganz zu schweigen von One-night-stands. Demisexuelle können sich Sex nur in langfristigen Beziehungen vorstellen. Unter Umständen entwickeln sie sexuelle Anziehung, nachdem eine längere Freund*innenschaft besteht.

 

Wenn sexuelle Anziehung vorhanden ist, verwirrt sie oder ist ausschließlich auf eine Person gerichtet.

Wer selten sexuelle Anziehung spürt, merkt vielleicht gar nicht, was sier da empfindet, bzw. hält das Gefühl für andere „warme flauschige Empfindungen“. Demisexuelle können sich nicht vorstellen, einen Partner*in zu betrügen, da für sie sexuelle Anziehung so ausschließlich ist.

 

Weitere Informationen auf Englisch:

http://demisexuality.org/

http://www.demigray.org/

AktivistA 2015: Eine Bestandsaufnahme

Die Veranstaltung AktivistA 2015 – die erste Konferenz für deutschsprachige Asexuelle überhaupt! – ist nun schon einige Tage her. Grund, eine kleine Zusammenfassung der Ereignisse zu geben und ein Fazit zu ziehen.

(Click for English version.)

Das Wetter war sehr heiß, insofern hatten wir mit dem Veranstaltungsort ein Riesenglück: Dank der Lage gab es keine direkte Sonneneinstrahlung.

Unter unseren etwas mehr als dreißig Gästinnen waren neben altgedienten AVENlerinnen auch eine Handvoll Personen, die nicht bei AVEN Deutschland angemeldet sind, was uns sehr gefreut hat. Angereist sind Leute von Aachen bis Berlin, von Hannover bis zur Schweiz.

Der Zeitplan war unter anderem wegen des langen Wegs vom Café zum Zentrum Weissenburg etwas verzettelt, das wird in der Neuauflage berücksichtigt, genauso wie die Tatsache, dass wir unsere veganen Teinehmenden besser füttern müssen.

Am Vormittag fand eine Vorstellungsrunde mit Diskussion statt, und gleichzeitig eine Stadtführung, was sich als nachteilig erwies, da den Stadtgeführten die Zeit zum Beschnuppern und Reden mit den anderen Teilnehmenden fehlte. Dadurch und durch die lange Mittagspause rückten auch alle Vorträge auf den Nachmittag, was eine geballte Menge Wissen auf einmal war und manche Personen sichtlich ermüdete. Ich habe euch schlafen sehen 😉

An den Vorträgen selbst war allerdings wenig zu kritteln, und laut Rückmeldungen konnten einige Personen interessante Informationen für sich mitnehmen.

Es gab zunächst von Fiammetta Einsichten, was die asexuellen Aktivitäten und auch die Sprachregelungen einiger Nachbarländer betraf: Frankreich bzw. frankophone Landstriche, Italien und die spanischsprachigen Länder. Bemerkenswerterweise stellte sich hier heraus, dass anteilig mehr Personen aus Mexiko als aus Spanien im AVENes angemeldet sind, und dass in Frankreich die AVA zwar ähnliche Ziele verfolgt wie AktivistA, aber u.a. mit Personalquerelen zu kämpfen hat.

Danach folgte eine Diskussion bzw. ein Workshop, was das Theme “Asexuell und Queer” angeht. Mandelbroetchen war bereits so freundlich, die Ergebnisse zusammenzufassen.

Eine Gästin aus Freiburg im Breisgau, Annika Spahn, brachte aufschlussreiche Einsichten in die aus der Mode geratene Diagnose “Frigidität” und ihr fast zombiehaftes Weiterleben als Hyposexual Desire Disorder. Offenbar hält die Welt der Sexologie viel davon, weibliche Sexualität zu normieren, und nimmt sich heraus, ein “zu viel” genauso wie ein “zu wenig” zu beschreiben. Gleichzeitig arbeiten die Medizin und die Pharmaindustrie an der Optimierung des Menschen, und zwar auch dann, wenn die Probleme nicht durch den Körper, sondern durch die Gesellschaft verursacht werden. Vielen herzlichen Dank der Referentin!

Als Letzte versuchte ich, ein paar Einsichten in die Welt der Demisexuellen und Gray-As zu geben, was sich zu mindestens einem eigenständigen Post auswachsen wird, da auf Deutsch wirklich sehr wenige aktuelle Informationen zur Verfügung stehen.

Schlussendlich sahen und besprachen wir noch einen Dokumentarfilm, der im Rahmen einer Bachelorarbeit aus Bremen entstanden ist. Auch dazu später hoffentlich mehr.

Andrzej war so freundlich, zwei Vorträge zu filmen: Wir sind gespannt auf die Ergebnisse.

Alles in allem war AktivistA als Verein zufrieden mit dem Ergebnis, und die Teilnehmenden laut persönlicher Gespräche ebenfalls. Aus diesem Grund ist eine Neuauflage für 2016 geplant.

Lady*fest Karlsruhe: Rekapitulation

Wie angekündigt fand mein Vortrag beim Lady*fest Karlsruhe letztes Wochenende statt. Die frühen Vorträge ab elf Uhr hatten, so weit ich das überblicke, beide ein Publikum von etwa zwölf Menschen, was sich im Laufe des Tages geschätzt verdoppelte. Insofern hätte ich der Veranstaltung mehr Besucher*innen gewünscht.

Da dies das erste Lady*fest war, an dem ich teilnehmen durfte – und dann noch gleich als Referentin – habe ich eine Menge von den anderen Anwesenden gelernt, also bei geschätzten fünfundreißig Grad Celsius nicht umsonst geschwitzt. Allerdings habe ich nicht das gelernt, was ich erwartet hatte. Glücklicherweise verteilte sich das Gelernte nicht nur auf meinen Vortrag. Trotzdem wartete dieser Text eine Woche auf Fertigstellung, weil ich das ganze Drama zunächst verdauen musste.

Als da wären:

  1. Gelegentlich verzapfe ich Unsinn oder bin verletzend, ohne das zu wollen.
  2. Meine Kritikfähigkeit diesbezüglich ist okay, könnte aber im persönlichen Gespräch noch besser sein. Schriftlich habe ich als introvertierte Person den Luxus, nicht sofort antworten zu müssen und recherchieren zu können. Das geht vor Zuschauer*innen natürlich nicht.
  3. Argumente sollte ich ausformulieren, bevor ich sie vortrage, ansonsten könnten sie als Vorwürfe an andere marginalisierte Gruppen verstanden werden.
  4. Weshalb mir aber Dinge vorgeworfen werden dürfen, die ich anderen nicht vorwerfen darf, bleibt ein Rätsel.
  5. Bei Veranstaltungen dieser Art kommt es häufig vor, dass Menschen mit unterschiedlicher Vorbildung anwesend sind, aber in der Regel sind alle da, um etwas zu lernen. Leider(?) halten nicht alle Personen ohne Vorbildung grundsätzlich den Mund, weshalb dann Punkt 1 greift: Irgendwer verzapft Unsinn oder ist verletzend, ohne das zu beabsichtigen.
  6. Es ist legitim, Personen darauf aufmerksam zu machen, dass das, was sie da gerade gesagt haben, nicht so gut war. Selbige Praxis nennt sich im Übrigen Call-Out.
  7. Die Sinnhaftigkeit, im Namen einer Partei beleidigt zu sein und beleidigend zu werden, zu der eine*r nicht gehört, darf allerdings bezweifelt werden. In der Regel kommt es dann zu einer Art emotionalen Kernschmelze, was ein sachliches Gespräch unmöglich macht, und die Person, die verletztend war, lernt nichts dazu.
  8. Wer einen Call-Out verursacht, ohne selbst verletzt worden zu sein, sollte meines Erachtens bereit sein, hilfreiche Links/Hinweise zur Verfügung zu stellen oder wenigstens für ein Gespräch zur Verfügung stehen. Ich war eigentlich der Meinung, dass die Praxis auch dafür erfunden wurde …
  9. Sofern es sich dabei um Teilnehmer*innen eines Workshops oder Vortrags handelt, den ich leite, ist es mein Job, einzugreifen, bei Bedarf eine Auszeit zu verhängen bzw. auf den sprichwörtlichen Tisch zu hauen und den Leuten zu vermitteln, dass sie bitte jetzt den Mund halten sollen. Danach kann ich mich um di*en verletzten Teilnehmer*in kümmern und di*em Teilnehmer*in, di*er verletzend war, erklären, warum das gerade nicht gut war, sofern es di*er Verursacher*in des Call-Outs nicht getan hat.
  10. Es ist in diesem Fall nicht die Aufgabe di*er verletzten Teilnehmer*in, die Erklärung zu geben.
  11. Weiter als ans seichte Ende des queerfeministischen Pools werde ich nicht waten. Meinen Job sehe ich weiterhin eher darin, Inhalte an Menschen zu vermitteln, die wenig bis keine Ahnung vom Thema haben.

Und ich dachte, ich lerne was über Körpersprache und das feministische Potential von Handarbeit …

Ankündigung: Vortrag beim Lady*fest Karlsruhe

Beim Lady*fest Karlsruhe wird es von mir auch einen Vortrag über Asexualität geben:

Asexualität – was ist das und warum sollte mich das interessieren?

Asexualität ist eine seltene und oft missverstandene sexuelle Orientierung. Dafür hat sie aber eine Menge Denkanstöße zu bieten. Wer ahnt schon, dass manche Leute einen Unterschied zwischen romantischer und sexueller Orientierung machen? Wie geht eine Minderheit mit Intersektionalität und Untergruppen um, und was können wir daraus lernen? Der Vortrag versucht, einen Überblick über den derzeitigen Diskurs zu bieten und hat hinterher Platz für Fragen und Diskussionen.

Z10, Zähringerstraße 10, Karlsruhe

11:00-12:45 Uhr

09.08.2015

Eine tropische Angelegenheit: CSD Freiburg 2015

Am Samstag, den 18. Juli war AktivistA mit einem Infostand auf dem CSD Freiburg präsent. Die erste halbe Stunde regenete es, sodass wir, nachdem dann doch die Sonne herauskam, in entsprechendem Dampf standen, der nur durch die Bäume auf dem Stühlinger Kirchplatz etwas gemildert wurde.

Von 13 Uhr bis kurz nach 15 Uhr konnten wir etwa ein Dutzend längere Gespräche führen und doppelt so viele Broschüren verteilen. Eine Journalistin von SWR2 hatte ihren Besuch angekündingt und führte ein nettes Interview mit uns, zwei weitere Journalistinnen nahmen sich Infomaterial mit. Insgesamt erwiesen sich die Freiburgerinnen als relativ gut informiert, was auch den Sichtbarkeitsbemühungen unseres Kollegen geschuldet war.

Zwei ungewöhnliche Reaktionen müssen hier aber doch erwähnt werden:

“Das liegt aber nicht an der Größe, oder?”

Eine Nachfrage bestätigte, dass di*er Betreffende tatsächlich die mangelnde Größe von Genitalien als Ursache von Asexualität vermutete, nach dem Motto: Die wollen zwar, aber können aufgrund ihrer Konfiguration nicht. Tatsächlich ist es aber so, dass die meisten von uns zwar könnten, aber nicht wollen.

Eine weitere Person wetterte über die Allgegenwärtigkeit von Sex in der Medienlandschaft und Öffentlichkeit. Leider können wir hier nicht weiterhelfen: AktivistA ist kein Verein zur moralischen Verbesserung(?) und wird zwar, wenn nötig, Sexismus ansprechen, aber sicher keine*n ermahnen, nicht nur an “das Eine” zu denken. AktivistA versucht lediglich die Sichtbarmachung einer seltenen sexuellen Orientierung.

Nach fünfzehn Uhr gab es kaum noch etwas zu tun, denn fast alle, die sich vorher auf dem Platz getummelt hatten, zogen mit der vierstündigen Demoparade durch die Innenstadt.

Leider lud der Stühlinger Kirchplatz selbst nicht zum Verweilen ein, weil nur der Dönerstand drei Bierbänke mit Sitzgelegenheiten aufgebaut hatte. Alle anderen mussten mit den wenigen Bänken oder der feuchten, sonnenbeschienenen Wiese vorlieb nehmen. Zurück blieben neben uns noch einige andere gelangweilte Standbesetzungen, sodass wir gegen 18 Uhr zusammenpackten und uns auf den Weg zurück nach Norden machten.

Latschen für die Sichtbarkeit

Gestern, am 27. 6. 2015, fand der Berliner CSD statt und auch in diesem Jahr war eine asexuelle Fußgruppe am Start.
Am vereinbarten Treffpunkt stellten sich drei Mitglieder von AktivistA und vier weitere Personen mehr oder weniger pünktlich ein. Nach einigem Gerenne erreichten wir den vorderen Teil des Zuges, der für Fußgruppen reserviert war, und fanden uns in Nachbarschaft von ENOUGH is ENOUGH und dem Bisexuellen Netzwerk wieder. Der Himmel war die meiste Zeit über bedrohlich dunkel, nass wurden jedoch weder wir noch die kostbaren Flyer. Was den Papierkram betrifft, hatten wir die benötigte Menge dieses Jahr annähernd richtig geschätzt (nachdem es im letzten Jahr bei Weitem nicht gereicht hatte), am Ende blieb ein kleines Bündelchen übrig.
Bei den Reaktionen der Zuschauer_innen auf uns reichte die Skala von “Asexuell? Oah näh!” über “Aber wir sind doch alle Menschen und derartige Kategorien sind überflüssig!” bis hin zu “Ich möchte unbedingt einen Flyer von euch haben”. Eine positive Überraschung erwartete uns in der Nähe des Brandenburger Tors: Aus dem Publikum ragte eine asexi Flagge auf und die Menschen am unteren Ende der Stange schlossen sich uns für den letzten Teil der Strecke spontan an. Es handelte sich um eine weitere Handvoll asexueller Menschen mit heterosexueller Ally-Begleitung und mit passenden Outfits.
Im Folgenden ein paar Bilder:

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